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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 5/ 9)

Samstag, 08.08.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 5/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Verknüpfung ist der Schlüssel

 

Wie also schützen wir uns vor Abreaktion und erzeugen echte Gefühle? Zwei wichtige Faktoren sind im Spiel. Zuerst muss der Patient zu einem bestimmten Gefühl/Schmerz/Bedürfnis gelangen, und zwar ungehindert von anderen Feelings, die sich oft aus einer Geschichte unerbittlichen Schmerzes aus Kindheitstrauma und Vernachlässigung anhäufen. Das heißt, der Therapeut muss sich des Leitmotivs in der Sitzung überaus bewusst sein - welche Feelings entscheidend sind und welche peripher. Zu wissen, wie man das macht, erfordert viel Erfahrung, weil man oft dazu neigt, Gefühle zu verschmelzen und auf der falschen Tangente loszumarschieren. Wenn man sich mit dem falschen Feeling befasst, bekommt man Abreaktion. Wenn sich zum Beispiel der Patient in einem Gefühl befindet und plötzlich  als Ergebnis einer Intrusion aus der ersten Ebene anfängt zu würgen und husten, dann sollte ihn der Therapeut zum ursprünglichen Gefühl zurücklenken, weil die Intrusion eine Ablenkung ist, und diese Ablenkung selbst ist die Abreaktion. Oder wenn der Patient hereinkommt und über seine Frau meckert - "sie nimmt mir die Luft mit ihren Forderungen" - und dann anfängt zu würgen, wissen wir, dass der Ursprung seiner Klagen tief im Gehirn liegt, wahrscheinlich in dem Teil des Hirnstamms, der mit Atmen zu tun hat. Wir stoßen den Patient nicht in das Geburtstrauma, es sei denn, er ist lange genug in der Therapie und für ein solches Erlebnis bereit. Andernfalls wird er zum ursprünglichen Gefühl zurückgelenkt, um herauszufinden, warum er sich erstickt fühlt. Das Wissen, auf welcher Ebene sich der Patient befindet und zu welcher Ebene er ohne unerträglichen Schmerz Zugang hat, ist in der Tat ein schmaler Grat.

 

Dasselbe trifft auf einen Patienten zu, der hereinkommt, auf der dritten Ebene weint und nie tiefer zu älteren Schmerzen geht. Auch das ist Abreaktion. Er entlädt tiefere Feelings auf einer höheren Ebene der Gehirnfunktion, weil er unfähig oder unwillig ist, sie weiter und tiefer zu tragen. Das Ergebnis ist kein volles Feeling; vielmehr wird es eine chronische Entladung der Gefühlsenergie ohne endgültige Auflösung. Zum Beispiel kann ein Patinet hereinkommen und nur über einen Film weinen, den er gerade sah, ihn aber nie mit seinem eigenen Leben verbinden und mit seinem Vergangenheits-Erlebnis. Ersteckt auf der dritten Linie fest und reagiert ab. Schreien und Brüllen  in und an sich bleibt immer eine simple Entladung. Fühlen bedeutet letztlich ein Erlebnis im Zusammenhang. Das Problem ist, dass Schreien und Weinen ohne Zusammenhang sich dennoch gut anfühlt und eine Rille der Erleichterung formen kann.

 

Hier wird es verzwickt, weil es Kontext-Ebenen gibt: die Gedanken (oberste Ebene), die emotionalen Erlebnisse (limbisches System) und die frühkindliche Ebene (Hirnstamm). Der Zusammenhang vertieft sich, wenn der Patient in der Lage ist, in seiner Therapie tiefer zu gehen. Ein vollständiges Primärerlebnis bedeutet den Einschluss aller drei Ebenen der Gehirnfunktion, die an einem Einzelgefühl beteiligt sind. Das kommt später in der Therapie, wenn der Zugang es dem Patienten ermöglicht, zum Anfang der Erfahrung und des Lebens zu reisen. Er kann dann den Gefühlszyklus vervollständigen und zur Auflösung bringen. In dieser Art Primal fühlt der Patient den ganzen Schmelztiegel seines Verhaltens und seiner Symptome. Sie sind kein Geheimnis mehr, sobald wir der Evolution ihre Arbeit machen lassen. Manchmal ist es für einen Therapeuten zu verführerisch, den Patienten in etwas sehr Dramatisches zu drängen, um sein sogenanntes Fachkönnen zu beweisen.

 

Also müssen wir wissen, auf welcher Linie oder Ebene der Patient gerade funktioniert, sodass wir ihm und uns zur Konzentration verhelfen. Das verhindert eine Vermischung von Ebenen, die auch richtige Verknüpfung verhindert. Wir sehen das bei Patienten, die während einer einzigen Sitzung wahllos von einem Feeling und Thema zum anderen wandern. Beinahe immer bedeutet das Herumwandern des Patienten zwischen vielen Themen/Problemen, dass eine Vermischung großen Schmerzes zugrunde liegt, der ihn von einem Ort zum anderen treibt. Überflüssig zu sagen, dass dies der Patient ist, der oft aus demselben Grund an Aufmerksamkeitsmangel leidet: eine Primärkraft, die zu stark ist und Konzentration verhindert.

 

Feelings müssen auf allen Ebenen gefühlt werden, aber in geordneter Reihenfolge und nicht alle zugleich. Der Therapeut muss den Patient in die Spur bringen, sodass sich das natürliche Gefühl entfalten kann im Einklang mit der natürlichen Resonanz, welche die Gefühlsebenen neurologisch miteinander verbindet. Ist der Patient erst auf der richtigen Spur, nimmt die Resonanz ihren Lauf, führt den Patienten mit der Zeit auf natürliche Weise tiefer und zu weiter enfernten Orten. Bei Abreaktion führt der Therapeut den Patient in die falsche Richtung und erzeugt damit alle möglichen schlechten Ergebnisse.

 

Der Grundgedanke ist, in der Gefühlszone zu bleiben, in der einzigen Zone, in der Verknüpfung stattfinden kann. Außerhalb der Primärzone ist keine Integration möglich. Deshalb hilft es dem Therapeuten, wenn er wenigstens ein Mindestmaß an Gehirnwissen zur Verfügung hat. Zum Beispiel wissen wir bei einigen Fällen, dass der Gebrauch von Tranquilizern helfen kann, den Patient eine Zeil lang in die Zone zu bringen. Die sollen nicht an Stelle der Therapie treten sondern diese unterstützen.

 

Warum befasst nman sich mit dem falschen Feeling? Wenn zum Beispiel eine Therapeutin eigene ungelöste Gefühle hat, wird sie dazu tendieren, den Patienten dahin zu lenken, wohin sie selbst gehen muss. Oder was noch schlimmer ist, sie wird Gefühle des Patienten vermeiden, für die sie nicht bereit ist. Zum Beispiel Wut. Wenn die Therapeutin Angst vor Feindseligkeit hat, wird sie diese beim Patient unterdrücken. Sie lässt den Patient da nicht ran, und das Feeling bleibt ungelöst. Wenn die Therapeutin keine Kritik vertragen kann, wird sie jedem Vorwurf ausweichen und versuchen, jeden Fehler dem Patient anzulasten anstatt sich selbst. Das ist das bei Therapeuten am weitesten verbreitete Problem. Vor allem wollen wir vermeiden, den Patienten unter Vernachlässigung des Fühlens auf seinen Gedanken-Kortex zu beschränken. Mit anderen Worten wollen wir genau die vorherrschende Therapiemethode in der gegenwärtigen Psychotherapie vermeiden, nämlich die kognitive Verhaltenstherapie. Die Kognitivisten glauben wirklich, es sei alle in deinem Kopf, dass die Änderung von Gedanken Verhalten ändern kann. Für mich bedeuten Gedanken etwas "Entkörperlichtes." Wenn ein Therapeut in der Gedankenwelt lebt, dann gibt es da nicht viel Gefühl. Ein Grund ist, dass ihnen Gefühle zweitrangig scheinen. Gedanken, so sagen sie übereinstimmend, sind von herausragender Bedeutung und haben Wert.

 

Im Gegensatz dazu bedeutet ein volles Gefühlserlebnis im Sinn der Primärtherapie, dass wir nicht auf die neokortikale Ebene beschränkt sind, wo Gedanken und Intellekt zuhause sind. Worauf wir aus sind, ist die Verlinkung der primitiven tieferen Gehirnebenen mit höheren Ebenen, sodass eine richtige Verknüpfung zustandekommt. Das bedeutet, dass das historische Bedürfnis/Feeling/Schmerz mit jeder Faser unseres Seins voll erlebt worden ist.

 

Und wie wissen wir, dass reales Fühlen stattgefunden hat? Wir können es physiologisch verifizieren. Vor und nach jeder Sitzung messen wir systematisch die Vitalfunktionen jedes Patienten. In einem realen Primal erwarten wir, dass sich die Messwerte ziemlich zusammen bewegen - nach oben am Anfang und zurück nach unten zum Ende einer Sitzung. Über die Monate kommt es zu einer ständigen Normalisierung der Vitalwerte, sodass Blutdruck, Herzschlag und Körpertemperatur nach einigen Monaten Therapie auf den Normalbereich zurückgesetzt werden. Mit der Zeit sinken auch die Kortisol-Spiegel signifikant ab und die natürlichen Killerzellen nehmen zu. (Siehe zur weiteren Erörterung mein Buch "Primal Healing"). Messbare metabole Änderungen beinhalten auch ein permanentes Absinken der Körpertemperatur um ein Grad (Fahrenheit). Da die Körpertemperatur ein Schlüsselfaktor für unsere Lebensdauer und die Arbeit unseres Körpers ist, ist sie ein wichtiger Index. Zusätzlich fanden wir in unserer Forschung heraus, dass nach einem Jahr unserer Therapie systematische Änderungen in der Gehirnfunktion stattfanden in Richtung eines harmonischeren zerebralen Systems. Das alles bedeutet, dass wir an den Schmerz gelangen und Verdrängung ungeschehen machen.

 

Bei Abreaktion ist das nicht der Fall. Beim Fühlen ohne Zusammenhang, das eine Abreaktion ist, gibt es nie diese Art organisierter, koordinierter Bewegung von Vitalfunktionen. Stattdessen wird eine Zufallsentladung der Gefühls-/Schmerzenergie eine sporadische, unorganisierte Bewegung der Vitalwerte erzeugen. Es ist keine Harmonie im System. Wenn also die Vitalwerte keine Integration widerspiegeln, lönnen wir sicher sein, dass keine Verknüpfung zustande gekommen ist. Diese Messungen legen nahe, dass zwischen "denken," wir fühlen und tatsächlich ein wirkliches Gefühl haben neurologische Welten liegen.

 

Bei Abreaktion fehlt per Definition die Verknüpfung, welche die sine qua non der Primärtherapie ist. Ohne Verknüpfung gibt es keine Heilung. Also ist sie eindeutig von entscheidender Bedeutung. Ohne Verknüpfung, die das Feeling festigt, gibt es keinen Fortschritt. Was also ist Verknüpfung eigentlich? Es bedeutet, dass die Patientin, während sie fühlt und wiedererlebt, sich mit dem Schmerz/mit der Angst/mit dem Terror verbindet. Stück für Stück stellt sie beim Wiedererleben und Fühlen eine Verbindung her zu einer Sache, die vielleicht jahrelang vergraben war. Verknüpfung bedeutet, etwas im Zusammenhang zu fühlen und jede Ebene oder jeden Aspekt des Feelings einzubeziehen, bis der Patient da angelangt, wo alles anfing. Dorthin müssen Patienten letztlich gehen. Zufälliges Schreien oder Weinen bringt dich da nicht hin. Auf jeder Ebene muss sich das Gefühl mit seinem Kontext verbinden, der sich ändert, wenn wir die Schmerzkette hinabsteigen. Jede Gehirnebene steuert ihre Spezialität bei: Gedanken, Gefühle oder Instinkte.

 

Andererseits ist Abreaktion einfach eine Freisetzung der Gefühlsenergie ohne Bedeutung und Zusammenhang. Es besteht eine große Kluft zwischen Wiedererleben und Erleichterung, und das ist der Fehler, den sogenannte Möchtegern-Therapeuten die ganze Zeit machen. Den Fehler macht man leicht, weil Abreaktion wie Fühlen aussieht, es aber nicht ist. Es sollte festgehalten werden, dass der Patient nicht absichtlich ein Feeling vortäuscht. Abreaktion kann ein reales Feeling sein, aber es ist außerhalb der Sequenz und deshalb nicht heilsam, weil es keine richtige Verknüpfung über alle drei Ebenen auf natürliche geordnete Weise zulässt. Der Patient wird in das Nebengefühl gedrängt, weil der Schmerz des Hauptgefühls zu groß ist. Dieses schwere schmerzvolle Gefühl macht in der Therapie, was es auch im Alltagsleben macht; es hält uns von Konzentration ab. Es drängt uns vom zentralen Gefühl ab. Somit geht  Abreaktion durch die Bewegungen des Fühlens ohne dessen Tiefe und Geschichte. Und sie erfordert, dass der Mensch das Nebengefühl immer wieder durchmacht - relieving not reliving - Erleichterung anstatt Wiedererleben.

 

Also noch einmal: Verknüpfung bedeutet Freisetzung von Gefühlen im Zusammenhang. Es gibt Leute, die schreien und winden sich und weinen ohne Zusammenhang, wie bei einer Übung. Sie ändern sich nicht tiefgreifend, aber wenn ein Patient mit der Zeit langsam auf tiefe Ebenen hinabsteigt und auf Stimuli und Ereignisse auf dieser Ebene mit den neurologischen Fähigkeiten dieser Ära reagiert, dann ergibt sich ein Fortschritt.

 

Ziel unserer Therapie ist, Erinnerung wiederzufinden, nicht nur die Szene oder den Ort sondern auch die Gefühle, die zu ihnen gehören; das heißt, das, was verdrängt und gespeichert worden ist, den Schmerz und Schrecken. Wenn wir ein Primal haben, gelangen wir physiologisch tief nach unten zu einem Teil unserer Geschichte, der über Jahrzehnte abgetrennt worden ist und seine Geheimnisse nicht leicht preisgibt. Manchmal ist der Patient für das Erlebnis nicht bereit und so bleibt es ein Geheimnis, bis die Zeit reif ist. Wenn Patienten schließlich diese Feelings in ihrer Gesamtheit inklusive physiologischer Aspekte erleben, werden sie integriert. Der neurologische Spalt wird geheilt und der Mensch befindet sich nicht mehr im Krieg mit sich selbst. Jetzt können wir den Begriff "holistisch" verwenden. Der Patient ist ganz geworden in jedem Sinne des Wortes. Seine Gefühle sind jetzt in sein Bewusstsein und in seine Neurophysiologie integriert.

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner