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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 6/ 9)

Mittwoch, 12.08.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 6/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Bewusstheit versus Bewusstsein

 

Das Leitmotiv jeder intellektuellen Therapie ist, dass Bewusstheit uns hilft, Fortschritte zu machen. Ich räume ein, dass Bewusstheit hilft; aber voll bewusst sein heilt. Solange wir in der Psychotherapie nicht in der Lage sind, volles Bewusstsein zu erlangen, können wir höchstens auf der Stelle treten, der Illusion von Fortschritt ohne dessen Essenz nachhängen.  Wenn es in der Psychotherapie um die Messung von Fortschritt geht, ist es wichtig, ob man das Gesamtsystem misst oder nur Aspekte der Gehirnfunktion. Bewusstheit entspricht letzterem. Sie hat ihren konkreten Platz im Gehirn.

 

Die Psychotherapie stand zu lange in der Pflicht der Bewusstheit. Seit den Tagen Freuds haben wir Einsichten vergöttert. Wir sind so gewohnt, an den allmächtigen Frontalkortex zu appellieren, an die Struktur, die uns zu den fortgeschrittenen Menschen gemacht hat, die wir sind, dass wir unsere wertvollen Vorfahren, ihre Instinkte und und Gefühle vergessen haben. Wenn sich also der Patient in einer konventionellen Gesprächstherapie-Sitzung unwohl fühlt, nehmen Therapeuten typischerweise die Position an, dass "wir mehr Einsichten brauchen; dem Patient fehlt es an Bewusstheit." Aber was auf tiefen Ebenen der Gehirnfunktion liegt, ist der Gedankenwelt, wo die Einsichten liegen, unergründlich. Deshalb können wir ängstlich sein und Bewusstheit haben aber nicht ängstlich sein und zugleich voll bewusst. Volles Bewusstsein ist das Ende der Angst.

 

Volles Bewusstsein bedeutet Verknüpfung mit dem, was uns antreibt - unsere abgetrennten Gefühle. Bewusstheit dagegen bedeutet, sich nur mit der letzten neuronalen Entwicklung zu befassen: mit dem präfrontalen Kortex. Es ist der Unterschied zwischen der Abtrennung der obersten zerebralen Ebene und dem Zusammenfluß aller drei Ebenen, der volles Bewusstsein bedeutet. Wenn wir einmal voll bewusst sind, haben wir Worte, um unsere Gefühle zu erklären, aber Worte löschen sie nicht aus; sie erklären und verdeutlichen. Wir werden tief verletzt, lange bevor Worte in unseren Gehirnen in Erscheinung treten. Worte sind weder das Problem noch die Lösung. Sie sind der letzte evolutionäre Schritt in der Verarbeitung des Gefühls oder der Empfindung. Sie sind die Begleiter der Gefühle.

 

Wir brauchen eine Therapie des vollen Bewusstseins, nicht der Bewusstheit. Wenn wir glauben, dass wir ein `"Es" haben, das in uns schmort, dann gibt es keine geeignete Behandlung, weil die Ursache ein Gespenst ist -  ein Phantom, das  nicht existiert. Oder schlimmer noch - sie ist eine genetische Kraft, die unveränderlich ist und deshalb nicht behandelt werden kann. In jedem Fall sind wir die Verlierer. Es gibt keine Ohnmacht wie die des Unbewusstseins; in einer Zwickmühle zu stecken und nicht wissen, was man mit diesem oder jenem machen soll, mit sexuellen Problemen, mit hohem Blutdruck, Depression und Wutausbrüchen. Alles scheint ein großes Geheimnis zu sein. Dem Mensch, der Bewusstheit sucht, muss man alles sagen. Er hört zu, gehorcht - und leidet. Bewusstheit macht uns nicht empfindsam, mitfühlend oder liebevoll. Sie macht uns bewusst, warum wir es nicht sein können. Es ist, als sei man sich eines Virus bewusst. Es ist gut zu wissen, was das Problem ist,  aber nichts ändert sich. Das Beste, was Bewusstheit tun kann, ist, Gedanken zu erzeugen, die Bedürfnis und Schmerz verleugnen.

 

Bewusstheit heilt nicht; Bewusstsein dagegen heilt. Wahres volles Bewusstsein bedeutet Gefühle und deshalb Menschlichkeit. Dem voll bewussten Menschen muss man nichts über seine geheimen Motivationen sagen. Er fühlt sie, und sie sind kein Geheimnis mehr. Volles Bewusstsein bedeutet denken, was wir fühlen, und fühlen, was wir denken; das Ende einer gespaltenen, heuchlerischen Existenz. Bewusstheit kann das nicht leisten, weil sich Bewusstheit mit jeder neuen Situation ändern muss. Deshalb ist konventionelle kognitive Einsichtstherapie so kompliziert. Sie muss jeder Kehrtwendung auf der Straße folgen. Sie muss das Verlangen nach Drogen bekämpfen und dann die Unfähigkeit, einen Job zu behalten, und dann versuchen zu verstehen, warum Beziehungen auseinanderfallen. Das erklärt auch, warum konventionelle Therapie so lange dauert; jeden Weg muss man unabhängig durchwandern.

 

Volles Bewusstsein dagegen ist global; es entspricht allen Situationen, umfasst alle diese Probleme zugleich. Die wahr Macht des vollen Bewusstseins liegt darin, ein bewusstes Leben zu führen mit allem, was dies bedeutet; nicht unkontrolliertem Verhalten ausgeliefert sein, sich konzentrieren und lernen zu können, stillsitzen und entspannen können, Entscheidungen treffen, die gesund sind, Partner zu wählen, die gesund sind, und vor allem liebesfähig zu sein.

 

Eine Therapie der Bewusstheit gegen eine Therapie des vollen Bewusstseins macht einen wichtigen Unterschied hinsichtlich der globalen Auswirkung. In der Wissenschaft sind wir auf das Universelle aus, sodass wir unser Wissen auf andere Patienten anwenden können. Eine Bedürfnis-Therapie lässt sich auf viele Individuen anwenden, weil wir alle ähnliche Bedürfnisse haben. Eine Gedanken-Therapie kann man in der Regel nur auf  einen besonderen Patienten anwenden. Wenn wir versuchen, den Patienten von anderen Gedanken zu überzeugen (z.B. "die Leute machen es wirklich genau so wie du"), schaffen wir keine universellen Gesetze. Es ist alles idiosynkratisch. Aber wenn wir uns mit den darunter liegenden Gefühlen befassen, können wir Thesen schaffen, die allgemein zutreffen: zum Beispiel, dass freigesetzter Schmerz paranoide Gedanken oder Zwänge erzeugen kann. Oder dass der frontale Kortex einfache Bedürfnisse und Feelings in komplexe Unwirklichkeiten wandeln kann, sie in ihr Gegenteil verkehren kann.

 

Ohne intakten präfrontalen Kortex kann man keine Bewusstheit haben. Im Gegensatz dazu hat volles Bewusstsein keinen konkreten Platz. So banal es scheint, reflektiert volles Bewusstsein unser Gesamtsystem - das gesamte Gehirn, wie es mit dem Körper interagiert.

 

Wenn in einer Sitzung Bewusstheit ohne Verknüpfung auftritt, nennen wir das Abreaktion. Um es noch einmal zu sagen, die Vitalwerte steigen und fallen sporadisch, und zwar selten unter die Ausgangswerte. Allein auf der dritten kognitiven Ebene können wir keine Fortschritte machen. Wir können Bewusstheit erlangen, warum wir so oder so handeln, aber biologisch ändert sich nichts; es ist, als sei man sich eines Virus bewusst und erwarte, dass die Bewusstheit allein ihn tötet. Unsere Biologie fehlt in der therapeutischen Gleichung. Wir können keine fühlenden empathischen Menschen vom obersten Ende des Gehirns aus erzeugen. Irgendwie bekamen Gefühle den Beinamen "schlecht, außer Kontrolle, negativ, dem Denken entgegengesetzt, unreflektiert und impulsiv." Das alles trifft auf unterdrückte Feelings zu, die sich ohne Warnung in unser tägliches Leben injizieren und uns irrational handeln lassen. Es trifft nicht zu, wenn diese Gefühle Teil eines fühlenden Menschen sind, der seine Gefühle lebt und nicht abreagiert

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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