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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 7/ 9)

Sonntag, 16.08.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 7/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Wie gute Primärtherapie funktionieren sollte

 

Schauen wir uns jetzt an, wie eine Primärtherapie-Sitzung funktionieren sollte.

 

Ein Patient kommt in diese Sitzung, ist ängstlich und weiß nicht warum. "Wonach fühlt es sich an?" fragen wir. Er weiß es nicht. Er ist ganz aufgeregt und "schreckhaft" und kann nicht still sitzen. Und hier unternehmen wir keine Anstrengung, ihn in ein Feeling zu bringen. Wir verbringen viel Zeit damit, das Gefühl einfach zu verstehen; wann es schlimmer ist, wie es die Arbeit und den Schlaf beeinflusst, etc.Wie es sich anfühlt. Er weint ein bisschen und wir lassen es geschehen; er ist überreizt. Wir betten die gegenwärtigen Gefühle fest ein, bevor wir in der Zeit zurückreisen und tiefer ins Gehirn gehen. Die Gegenwart wird zur Plattform, von der aus wir arbeiten. Wir wollen so viel wir können in die Gegenwart aufnehmen und das Gefühl in die Gegenwart eingliedern. Kein direktes Zurückgehen, wenn der Patient uns nicht dorthin führt. Aber wir wollen mit dem Feeling leichte Schritte machen und zur späteren Kindheit zurückgehen und das Feeling auf jeder Stufe tiefer ansiedeln. Der Patient beginnt, tiefer zu fühlen; das kann viele Monate so weiter gehen und dann, nach einem Jahr oder länger bringen ihn die Gefühle hinab auf die erste Linie, falls es eine traumatische erste Linie gibt und falls die Gefühle sehr verstörend sind. Es ist nicht immer notwendig. Dann wechselt der Patient vielleicht beim Wiedererleben zwischen Ereignissen der ersten und zweiten Linie/Ebene, die mit der Zeit tiefer und stärker werden. Wir halten das Tempo gleichmäßig und nicht zu überwältigend; andernfalls bekommen wir Abreaktion aufgrund von Überlastung. Es ist ein geordneter Prozess, soweit das möglich ist. Wir helfen ihm, dass er in der Spur bleibt, wenn er vom Anfangsgefühl abweicht, so dass er nicht in eine neue Gefühlsrille gerät. Das ist unser Fachkönnen - zu wissen, wann und wie der Patient in der Spur zu halten ist. Die ganze Zeit über folgen wir der Evolution in umgekehrter Richtung.

 

Bedenke, dass jede Bewusstseinsebene eine Ganzheit für sich selbst ist. Wenn jemand etwas Emotionales wiedererlebt und dann mit Geburtsbewegungen anfängt, bedeutet das für uns, dass Intrusion von einer anderen Ebene im Gange ist; vielleicht ist es eine Abwehr gegen zu starke Emotionen. Und wenn natürlich Worte aussickern, wissen wir, dass wir nicht mit einer präverbalen Einprägung arbeiten, ein weiteres Zeichen für Abreaktion.  Genauso wissen wir, wenn eine Patientin ihre Füße und Arme während eines Primals der ersten Linie nicht in einer bestimmten Position hat, dass es Abreaktion ist. Abwehrmechanismen sind verzwickt, und wir brauchen langes Training, um sie korrekt zu erkennen. In der Primärtherapie bieten wir die nötige Sicherheit, um Schmerz nicht zu blockieren. Da jede höhere Gehirnebene dieselbe Empfindung/dasselbe Gefühl/Bedürfnis verschieden ausarbeitet, können wir von der obersten Ebene hinabreisen und gelangen schließlich auf den Grund - zu den Ursprüngen. Sind wir dort unten angelangt, bewegt sich das System von sich aus automatisch aufwärts in Richtung Verknüpfung, wobei es den Pfaden der Evolution folgt. Das heißt, wir reisen dann wieder zurück nach oben zum rechten orbitofrontalen Kortex, um die Augenhöhlen herum, und dann zum linken präfrontalen Kortex zur endgültigen Verknüpfung.

 

Wie gehen wir in der Zeit zurück? Gute Frage, und die Antwort ist einfach. Wir beschließen nicht willkürlich, zurückzugehen und unseren Lebensanfang aufzusuchen; das ist ein Rezept für Abreaktion. Wir können den Kortex der höheren Ebene nicht einschalten; wir müssen uns von ihm freimachen, uns den Gefühlen überlassen. Und das ist unsere wissenschaftliche Mission: für den Zugang zu Gefühlen zu sorgen und den gesamten Organismus  in geordnetem langsamen Abstieg ins tiefe Unbewusste vordringen zu lassen. So seltsam es scheint - Feelings sind das Vehikel, das uns dorthin bringt, wohin wir gehen müssen. Tiefes Fühlen hat wenig Beschränkung und fließt mühelos. Es gibt kein Versuchen, ein tiefes Feeling zu haben; es fließt und rieselt wie das berühmte Salz.

 

Ich sage es noch einmal: Es ist nicht Aufgabe des Therapeuten zu beschließen, was der Patient fühlen sollte. Unser System hat einen biologischen Sensor, der nicht nur weiß, wohin wir in der Vergangenheit gehen müssen, sondern auch wie weit und vor allem wann. Wenn die Körpertemperatur in der Therapie einen Tiefpunkt von 96 Grad (Fahrenheit) erreicht,  bedeutet das oft, dass eine Komponente der ersten Linie im Spiel ist. Der Patient ist mit dem Hirnstamm-Anteil des Feelings in Berührung gekommen, und deshalb fällt die Temperatur außergewöhnlich. Und so fühlt sich der Patient deprimiert, und seine Vitalwerte zeigen an, dass er der Ursprungs-Einprägung nahe ist. Andernfalls bekämen wir früh in der Therapie keine so niedrigen Messwerte. Diese physiologische Reaktion liefert uns einen Hinweis über die Anfänge der Depression. Eine  Bedrohung auf Leben und Tod während der Zeit im Mutterleib zwang das System zu einer letzten Verteidigung, um Energie zu sparen. Alle Systeme verlangsamten sich und gingen in den Energiesparmodus. Noch schlimmer ist, dass dieser Modus eingeprägt wird. Dann sind wir ein Leben lang deprimiert und haben keine Ahnung warum. Um Depression zu beenden - beachten Sie, ich habe nicht gesagt "um Depression zu behandeln" - müssen wir uns voll und ganz mit diesen Ursprüngen befassen. Das bedeutet, einen weiten Weg zurückzugehen. In unserer Therapie haben wir Patienten, die weit zurückliegende tiefe Schmerzen wiedererleben, solche ohne Worte und ohne Tränen, und wir sehen das seit Jahrzehnten.

 

In der Primärtherapie  suchen wir den Zugang zu jenen tiefen Schlupfwinkeln des Gehirn, wo letztendlich die Heilung liegt. Die erste Linie ist immer mächtiger als andere Einprägungen; und somit sind die Einsichten, die Feelings der ersten Linie entspringen, weit umfassend, weil sie die Basis für so viele spätere Verhaltensweisen sind. Bei diesen Einsichten gibt es weniger Worte, was den präverbalen Schmerzen entspricht, die diese Einsichten entstehen lassen. Aber sie haben Gewicht und Bedeutung. Wiedererleben auf der Hirnstamm-Ebene bedeutet vollständige Verknüpfung, weil die Triebkraft von Impulsen endlich erlebt wird. Wir stellen kurz gesagt auf der Ebene des Traumas eine Verbindung her und nur in diesem Zusammenhang. Hier haben wir es mit dem Haifisch-Hirn zu tun: kein Schreien, keine Worte und keine Tränen. Die Evolution hat die Regie übernommen. Es bedeutet, dass der Patient in der Zeit zurückgegangen ist und wieder erlebt, was vor Jahrzehnten vor sich ging. Damals war es für ein naives und zerbrechliches Gehirn zu überwältigend, sodass es nicht integriert werden konnte. Jetzt ist der Patient vielleicht dafür bereit. Das ist die wahre Bedeutung von "sich mit sich selbst konfrontieren" und "sich selbst akzeptieren." Nicht im "Booga-Booga"- New Age-Sinn, sondern in der biologisch-evolutionären Bedeutung, wo das Feeling jetzt in das physische System integriert worden ist. Es ist "ich-syntonisch". (Entschuldigen Sie, dass ich den alten Dr. Freud benutze, denn dieser sein Beitrag drückt genau aus, was ich sagen will.) Im weiteren Verlauf des Wiedererlebens wird das Feeling voll integriert und die Werte der Vitalfunktionen sinken kontinuierlich und enden unter den Ausgangswerten. Die Körpertemperatur fällt auf "real normal" anstatt auf "durchschnittsnormal". In diesem Sinn ist "Integration" ein neuer biologischer Zustand, in dem sich das Gesamtsystem neu einstellen kann. Der Blutdruck sinkt und der Herzschlag verlangsamt sich.

 

Aber ein Wort der Warnung: Vitalwerte sind ein Symptom und nicht das Problem. Das Problem allein zu behandeln ist ein Fehler, der die Dinge verschlimmern kann. Wenn somit Ärzte jemanden mit sehr niedrigen Vitalwerten sehen, sehen sie sich nach einer guten Diagnose um. Sie arbeiten zum Beispiel am Blutdruck des Patienten im medizinischen Bemühen, ihn zu normalisiern, ohne zu verstehen, dass sich der Patient bereits in seinem normalen lebensrettenden Modus befindet. In der Primärtherapie tun wir nichts, um uns direkt mit den Vitalfunktionen zu befassen. Wir arbeiten daran, das gesamte neurobiologische System zu ändern, indem wir uns mit dem verdrängten Schmerz befassen, den die Vitalwerte nur widerspiegeln. Der Unterschied liegt zwischen einer temporären Anstrengung, die bis in alle Ewigkeit wiederholt werden muss, und einer grundlegenden biologischen Änderung, die von Dauer ist.

 

 

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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