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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 8/ 9)

Donnerstag, 20.08.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 8/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Die erste wissenschaftliche Psychotherapie

 

Die Aufgabe, das gesamte System eines Patienten zu normalisieren, ist ein kompliziertes Vorhaben, weil nicht alle Nervensysteme gleich geschaffen sind. Im Fall des Parasympathen - diese Niedrigenergie-Typen, die aufgrund umformender Ereignisse im Mutterleib und bei der Geburt vorherrschend vom parasympathischen Nervensystem kontrolliert werden - verlangsamt sich die Reaktivität. Sie bleiben ihr ganzes Leben lang passiv und lethargisch, stecken andauernd fest im Energiespar-Modus. Dieser Operationsmodus wird eingestanzt, eingeprägt als lebensrettende Maßnahme. Diese Einprägung ist eine Erinnerung, was das Gesamtsystem unter Bedrohung getan hat, um zum Beispiel Sauerstoff zu sparen, Energie zu binden und den Stoffwechsel zu verlangsamen, um die schädlichen Auswirkungen einer Mutter zu bekämpfen, die Drogen nahm, trank, oder von hundert anderen Arten von Missbrauch. Diese Prägung unterscheidet sich vom aufgedrehten Sympathen, der vom sympathischen Nervensystem dominiert wird, vom wachsamen, aggressiven, lebensrettenden Kampf- (um herauszukommen)- und Fluchtsystem. Bei einem Patienten, der ein Sympath ist, beginnt eine typische Sitzung mit höheren Vitalwerten und tendiert zu niedrigeren Werten, wenn im weiteren Verlauf der Therapie Gefühle erlebt und verknüpft werden. Das ist nicht der Fall beim Parasympathen, dessen Körpertemperatur oft in die 96 Grad-Zone (Fahrenheit) absinkt und über die Monate beständig nach oben klettert. Das ist das Schlüssel-Unterscheidungs-Merkmal für Personen mit unterschiedlicher Art von Nervensystem-Dominanz. Und es ist das Kennzeichen für Fortschritt in der Primärtherapie. Jedes Nervensystem tendiert in unserer Therapie dazu, sich in Richtung Normalisierung zu bewegen; der Parasympath neigt zu höheren Werten, wohingegen der Sympath zu niedrigeren Werten tendiert. Genau das erwarten wir im Verlauf der Zeit bei unseren Patienten. Wir können unsere Biologie nicht täuschen. Wenn wir versuchen, unsere Natur auszutricksen,bringen wir den Patient in Gefahr.

 

Das parasympathische System als Energiebewahrer ist beim Fühlen dominant. Wir können beim Sport sehen, wie sich diese Dynamik abspielt,besonders am Ende von Spielen, wenn Athleten oft Emotionen zeigen. Es passiert vielen Tennisspielern, Gewinnern oder Verlierern, nach langen zermürbenden Spielen. Einige brechen einfach auf dem Platz in Tränen aus. In  einem berühmten Fall war Roger Federer im Jahr 2009 durch die Niederlage, die einem hart umkämpften, über 4 Stunden dauernden Wettkampf folgte, so am Boden zerstört, dass er in einer Pressekoferenz kaum sprechen konnte. Er weinte so heftig und so lange, dass Beobachter beim Australian Open erschracken und sich unwohl fühlten. Mit einer "Tränenflut," die über sein Gesicht hinabströmte, wie ein Journalist es beschrieb, konnte der besiegte Champion nichts sagen außer "Es bringt mich um." Was geschieht, ist, dass Athleten sich auf den Kampf vorbereiten und während des Spiels eine intensive (sympathetische) Kampfhaltung aufrecht halten. Wenn es vorbei ist, lässt die Aktivierung nach, und sie können fühlen, so dass Emotionen sie überwältigen. Das neurologische Pendel ist zur parasympathischen Seite geschwungen.

 

Die Bedeutung der Sympathikus-/Parasympathikus-Dominanz liegt darin, dass sie uns eine biologische Basis zur Verfügung stellt, um die Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen. Endlich können wir Abstraktion und Metapher hinter uns lassen und die Launen der Spekulation durch die Präzision nachweisbarer Prozesse ersetzen. Wir müssen nicht vom "Willen zur Macht" oder vom "Willen zur Bedeutung" oder von der "transzendenten Funktion" reden. Stattdessen können wir über die präzise Art und Weise reden, wie das Gehirn und Nervensystem auf konkrete Ereignisse reagiert und wie diese Reaktionen zur physiologischen Basis für die Ausarbeitung der Persönlichkeit werden. Die Genauigkeit der Theorie und Therapie führt zu einem genauen Wissen dessen, was in Sitzungen geschieht; wir haben einen besseren Anhaltspunkt, was schiefgehen könnte. Wenn die Theorie unpräzise ist, sind es auch die Maßnahmen, die in der Therapie getroffen werden. Deshalb nenne ich Primärtherapie die erste wissenschaftliche Therapie. Wir müssen uns nicht auf Patientenberichte verlassen, um herauszufinden, ob es Fortschritte gibt; es gibt viele neurologische und biologische Werkzeuge, die uns informieren können.

 

Wenn zum Beispiel der Sympath die erste Linie wiedererlebt, sehen wir hohe Messwerte der Vitalfunktionen und beschleunigte Hirnwellen -Frequenz als auch höhere Wellen-Amplituden. Wenn wir tiefer hinabsteigen, finden wir das limbische System in Aktion und dann - noch weiter unten - den Hirnstamm und seine Kohorten. Wir erkennen das Wirken der Evolution auch daran, welches Nervensystem gerade dominiert. Beim Weinen ist es wahrscheinlich das limbische System und nicht der Hirnstamm. Wenn geächzt wird und keine Tränen fließen, sehen wir ein Nervensystem bei der Arbeit, das der limbischen Evolution vorausgeht. Wir können das Gehirn nicht täuschen, weil es uns auf seine eigene unbeschreibliche Art mitteilt, womit wir es zu tun haben.

 

Wir haben herausgefunden, dass sehr frühe Ereignisse im Leben die Einstellungen unseres Nervensystems bestimmen. Was die zwei Schlüssel-Nervensystem - beide unter der Schirmherrschaft des Hypothalamus - beeinflusst, ist die Art biologischer und neurologischer Reaktion, die uns und unseren Nervensystemen unter spezifischen Bedrohungen sehr früh im Leben während Schwangerschaft und Geburt aufgezwungen wird. Es gibt das Kampf-und-Erfolg-Syndrom (der Sympath) und das Kampf-und-Scheitern-Syndrom (der Parasympath). Letzterer gibt leicht auf und wittert Misserfolg. Nicht so der Sympath, der es immer wieder versucht und nicht aufgibt. Und wenn ein neuer Patient ums Fühlen kämpft, auch wenn er noch nicht so weit ist, haben wir grundsätzlich einen Sympathen vor uns. Der Parasympath kommt herein und ist lustlos, herunterreguliert, ausgelaugt, unmotiviert und deprimiert. In nichts sieht er einen Sinn. Hier braucht der Therapeut alle seine Fähigkeiten, um der Herausforderung zu begegnen. Sollte der Patient ermutigt werden? Diese Fragen greifen wir ständig in unseren Personal-Meetings auf. Oft bringen wir den Patienten mit und fragen ihn, was funktioniert. Manchmal weiß er es und manchmal nicht. Bei Langzeit-Patienten kommt es vor, dass ich sie frage, ob ich einen Fehler gemacht habe und welcher das war. Ich bekomme gute Antworten und lerne daraus.

 

Ein Schlüsselproblem in der Therapie entsteht, wenn der Doktor versucht, dem Patienten ein Nervensystem aufzuzwingen, das nicht seines ist. Zum Beispiel kann der Therapeut versuchen, den Patient dazu zu bewegen, dass er aggressiver mit seinem Chef umgeht, wenngleich sein ganzes System, das ihm beim Überleben geholfen hat, sich im Energie sparenden, passiven, unaggressiven Modus befindet. Das ist, als würde man beschließen, dass jemand Rechtshänder sein soll, und ihn zwingen, seine linke Hand nicht zu benutzen. Wir bringen (vom Hypothalamus geführte) Nervensysteme durcheinander, was später schreckliche Resultate zur Folge hat wie Stottern und Lesen und Schreiben kreuz und quer. In der Therapie entsteht eine vergleichbare Situation durch Abreaktion: Das falsche Nervensystem wird zur Aktion gezwungen.

 

 

 

(wird fortgesetzt)

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

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