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Dr. Arthur Janov:    Über den Unterschied zwischen  Abreaktion und Fühlen (Teil 9/ 9)

Dienstag, 25.08.2015, On the Difference Between Abreaction and Feeling (Part 9/9),  www.arthurjanov.com                                                       

                                                                                                         

Wir sind Spezialisten für Freude, nicht für Schmerz

 

Primärtherapie ist keine Schnellreparatur. Wir bemühen uns, das gesamte Leben eines Menschen in Ordnung zu bringen und wiederherzustellen. Das geschieht auf langsame methodische Weise, um den Patienten nie zu überwältigen und ihn nicht noch einmal leiden zu lassen, wie es bei Abreaktion geschieht. Wenn er gerade genug erleben kann, um ein volles Erlebnis zu haben, dann reicht das für eine Sitzung. Wir wollen nicht, dass er mehr leidet als nötig. Er leidet, wenn der Schmerz mutwillig  und vorzeitig hochkommt, sodass er ihn nicht integrieren kann. Der Schmerz hängt da auf ego-dystonische Art (wieder Freud), und man ist entfremdet und abseits mit reinem Schmerz, der nicht ego-syntonisch gemacht oder integriert werden kann.

 

Warum also müssen wir unsere Evolution zurückverfolgen? Ein Grund ist, dass wir in unserer Evolution nie etwas dauerhaft sehen; wir unterdrücken das Alte und fügen das Neue hinzu. Manchmal ist das Überbleibsel des Primärschmerzes so mächtig, dass es eine ständige Kraft ausübt, die unser Funktionieren stört. In meinem Fachjargon bricht die erste Ebene aus und flutet nach oben. Dann muss man sich mit ihr befassen und sie wiedererleben. Ich nenne es "Intrusion," eine Einprägung, die so stark ist, dass sie unserer Persönlichkeitsentwicklung und unserem Funktionieren in der Gegenwart in die Quere kommt. Wir sehen das an körperlichen Symptomen und Deformation von Organen und Wachstum; wir sehen das an Krankheiten wie Bluthochdruck, Krebs und Herzversagen, die in Wirklichkeit Ableger der zentralen schädlichen Erinnerung sind, eingeschlossen als Prägung, die außer Reich- und Berührungsweite ist. Das ist auch bei der Aufmerksamkeitsmangel-Störung der Fall, bei der starke Einprägungen ständig auf die oberste Ebene hochbranden und Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprozesse stören. Erinnere dich, an früherer Stelle habe ich erklärt, dass die Evolution die Einprägung immer weiter nach oben befördert, sodass Schaden der ersten Linie auf den oberen Ebenen der Gehirnfunktion ausgedrückt werden kann, wo Aufmerksamkeit und Konzentration aufgebracht werden. Jemand auf Konzentration zu trainieren ist nicht die Antwort; die Antwort ist, die Kraft zu fühlen, die Gedanken zerstreut.

 

Wenn wir den Deckel der Verdrängung (auf geordnete Weise) anheben, gibt es keine unbewussten Kräfte mehr, die Verhalten und Symptome steuern. Und wenn die Verdrängung nachlässt, enthüllt sich die Wahrheit des Patienten selbst. Stück für Stück sagt ihm sein Unbewusstes, was er wissen muss, aber nicht zu viel, gerade genug, um den Schmerz und seine Information zu integrieren. Sein ordentlicher Abstieg in die Gefühle teilt ihm schließlich mit, was das alles bedeutet. Alles, was er lernen muss, liegt in ihm und wartet auf Entdeckung. Es muss von innen kommen und nie von außen, einfach weil die Gefühle vom System festgeschrieben wurden und nicht durch Verfügung des Präsidenten.

 

Einsichten sind nicht das Ziel; es geht um die Veränderung in allen Aspekten der Person: Ihr Verhalten, ihre Biochemie, Neurologie und ihr Gefühle.Wir sind auf totale Veränderung aus, weil zum Zeitpunkt der Einprägungen totale Veränderung stattgefunden hat. Wir wollen Normalisierung der Gesamtperson. Wir sind nicht da, um Liebe zu geben; paradoxerweise sind wir da, um Patienten dabei zu helfen, dass sie sich ungeliebt fühlen, sodass sie die Fähigkeit zu fühlen zurückgewinnen und dann Liebe fühlen können, wenn sie da ist.

 

Wenn ein Therapeut Liebe braucht, wird er am Patienten ausagieren und ihm geben, was er, der Therapeut, nie bekommen hat. Er ist zu einem "Kumpel" geworden und nicht mehr des Patienten Arzt. Der Patient fühlt sich geliebt, es fühlt sich gut an...und er verliert! Oder es gibt große Diskussionen über Musik und Kunst und Politik, und der Patient wird zum intellektuellen Kumpan....und verliert wieder. Von einem Patienten, der Behandlung braucht, ist er umgeformt worden zu einem guten Freund. Nette Idee aber sehr falsch. Wir sind nicht da, um Liebe zu geben; wir bieten Freundlichkeit und Fürsorge an aber auch Wissen. Wir ersetzen Wissen nicht durch Pseudo-Fürsorge. Wir halten uns an Schlüsselprinzipien. Der Patient beginnt zu leiden; wir greifen nicht ein, um ihn aufzuhalten und ihn besser fühlen zu lassen. Wir tun ihm keine Gefallen, die den Schmerz mit "Liebe" ersticken. In seinen Gefühlen geht es um reales Leiden. Da darf man sich nicht einmischen. Es ist der Teil, den er jahrelang im Verborgenen hielt; dieser Teil muss jetzt raus und erlebt werden. Dann wird der Mensch frei;  frei von dem Schmerz, der ihn so lange deprimiert oder ängstlich machte. Der Patient ist endlich er selbst.

 

Es ist Dialektik; er muss sich ungeliebt fühlen, um die Schleusen des Fühlens zu öffnen. Durch Zustimmung, Wärme und Verständnis des Therapeuten wird er das nie zustande bringen. Er bekommt das nach dem Fühlen, nicht vorher. Wenn er einen Durchbruch geschafft hat, freuen wir uns mit ihm. Es geht nicht nur um Schmerz; es geht um Zufriedenheit, Leichtigkeit und Entspannung. Es geht um Freude. Genau das wollen wir auch für die Leute; warum sonst sollte man die Therapie machen? ich habe an meinem Geburtstag über fünfzig Briefe von Menschen bekommen, die mir und meinen Mitarbeitern dafür dankten, dass wir ihr Leben retteten oder dass es ihnen viel besser ging. Das ist die Belohnung und die Bedeutung unseres Lebens. Wir sind keine Schmerz-Spezialisten; wir sind Spezialisten für Freude, die Schmerz brauchen, um der Freude auf die Sprünge zu helfen.

 

Es gibt einen Grund, warum der Patient sich ungeliebt fühlen muss. Er muss zum offenen sensorischen Fenster zurückgehen, als "ungeliebt" dominierte. Das ist die Essenz unserer Therapie, sich auf die Zeitreise zurück machen und den Ursprungs-Schaden ungeschehen machen. Wir können nichts Besseres tun.

 

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Übersetzung: Ferdinand Wagner

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