Home    Artikel und Buchauszüge      Übersetzungen aus A. Janovs Webseite     Neue Beiträge       Primärtheorie und Primärtherapie         Buchübersetzung: Bücher von A. Janov  

20 Kernthesen der Primärtheorie und Primärtherapie        ArthurJanov.com         Facebook          Studien und Statistiken            Primalpage                Emak              Primaltherapy.com

Primal Mind                 Epilepticjourney

ZUSAMMENFASSUNG DER NEUN ARTIKEL ÜBER DEN UNTERSCHIED ZWISCHEN ABREAKTION UND FÜHLEN

Arthur Janov: On the Difference Between Abreaction and Feeling (23.07.2015 - 25.08.2015 auf www.arthurjanov.com)

 

Arthur Janov: Über den Unterschied zwischen Abreaktion und Fühlen

                                                                                                          

Die Fähigkeit, zwischen Abreaktion und einem echten Feeling zu unterscheiden, ist eine wesentliche Kompetenz guter Primärtherapie. Der Unterschied zwischen beiden ist krass, aber in der Praxis kann der Schein trügen. Fühlen ist der Schlüssel zur Heilung, wohingegen bei Abreaktion keine Chance auf Gesundung besteht. Aber trotz dieses entscheidenden Unterschieds weiß der Therapeut oft nicht, was vor sich geht, und der Patient weiß es bestimmt ebenso wenig. Das Hinterhältige an der Sache ist, dass sich Abreaktion wie ein Primal anfühlt, wie ein Primal aussieht und wie ein Primal riecht aber von einem echten Primal weit entfernt ist. In klinischer Hinsicht ist Abreaktion "der Teufel," weil sie nicht zulässt, dass es Patienten besser geht. Sie bleiben für immer "Gefangene ihres Schmerzes" in einer fürchterlichen Endlosschleife von Qual und Hoffnungslosigkeit. Sobald die Abreaktion einsetzt, wird sie zu einer Neurose auf einer anderen Neurose. Und sie ist bombenfest. Allein der Versuch, sie rückgängig zu machen, kostet Monate. Die Gefahr kann man gar nicht überschätzen. Wir haben bis jetzt so viele Patienten gesehen, die zur Pseudo-Primärtherapie gegangen sind und so übel in Abreaktion feststecken, dass es nahezu unmöglich ist, sie da herauszuziehen. Bleibt sie unkontrolliert, kann Abreaktion sogar zur Präpsychose und Psychose führen.

 

Es ist die Aufgabe des Therapeuten, zwischen Abreaktion und wirklichem Fühlen zu unterscheiden. In gewissem Maße ist das eine Fertigkeit, die auf den Instinkten eines ausgebildeten Klinikers beruht und durch Erfahrung erworben wird. Für einige Patienten, die in Abreaktion versumpft sind, kann diese Fertigkeit den Unterschied zwischen erfolgreicher Therapie und dem Feststecken in Schein-Primals bedeuten, die nirgendwohin führen. Die gute Nachricht ist, dass es auch wissenschaftliche Methoden gibt, den Unterschied zu erkennen. Wenn ein wirkliches Feeling aufgelöst worden ist, sehen wir das oft durch Änderungen des Kortisolspiegels, der Vitalfunktionen und anderer biochemischer Indikatoren.

 

Zuerst einmal ist eine Definition gut, um Verwechslungen zu vermeiden. In der Primärtherapie bedeutet der Begriff "Abreaktion" etwas ganz anderes als seine ursprüngliche Bedeutung in der Freudschen Psychoanalyse. In diesem psychoanalytischen Sinn wird Abreaktion einfach definiert als Freisetzungsprozess verdrängter Emotionen durch das Wiedererleben eines alten traumatischen Erlebnisses.[1] Auf den ersten Blick ist diese klassische Definition dem nahe, was wir ein Primal nennen würden, obgleich wahres "Wiedererleben" in unserer Therapie weit über das hinausgeht, was Freud sich vorgestellt hatte. Im Sinne der Primärtherapie hat Abreaktion nichts zu tun mit einem echten Wiedererlebnis. Für uns schadet Abreaktion ganz im Gegenteil jeder Gefühlstherapie, weil sie zu einer Abwehr gegen reales Fühlen wird, wie ich in Kürze detailliert erklären werde.

 

Ich muss betonen, dass Abreaktion ein nicht-fühlendes Ereignis ist. Es sieht wie Fühlen aus, oft sowohl für den Patienten als auch für den Therapeuten, aber es gibt einen qualitativen Unterschied. Sie erzeugt Bewusstheit ohne Bewusstsein, ein Unterschied, den ich gleich im Detail ergründen werde. Auf den gut ausgebildeten Therapeuten wirkt die Abreaktion heuchlerisch. Sie "riecht" nicht richtig. Eine Patientin kann Abreaktion unbewusst als Abwehr gegen das Fühlen benutzen, sofort zu weinen anfangen, sobald sie sich hinlegt, oder ein Geburtsprimal simulieren.Der zentrale Unterschied zwischen Abreaktion und einem echten Primal ist natürlich Verknüpfung, die in einem Primal stattfindet aber nie in der Abreaktion.

 

Bevor wir uns darin vertiefen möchte ich jedoch kurz einige Grundprinzipien der Primärtherapie nochmals betrachten. Diese theoretischen Eckpfeiler sorgen für den Rahmen, den man braucht, um Abreaktion als Abweichung von einem erfolgreichen Behandlungsverlauf zu verstehen.

 

Die Basis für Theorie und Praxis der Primärtherapie ist der Begriff der drei Bewusstseinsebenen, die den Entwicklungsstufen eines Individuums von der Schwangerschaft bis zum Erwachsenenalter entsprechen. Die erste Ebene ist präverbales Bewusstsein von der Zeit im Mutterleib über die Geburt bis zur frühen Kindheit. Die zweite Linie oder Ebene wird in der Kindheit angelegt, wenn das Gehirn sich noch immer entwickelt. Und die dritte Linie ist Gegenwarts-Bewusstheit, das Bewusstsein des Erwachsenen auf der obersten Ebene. Diese drei Bewusstseinsebenen entsprechen der Struktur unseres drei-einigen Gehirns - der primitive Hirnstamm (erste Linie), das limbische System (zweite Linie) und der Neokortex, unser denkendes Gehirn (dritte Linie/Ebene). Schmerz wird auf jeder Stufe erlebt und verdrängt und als Einprägung ins Gehirn eingraviert, und zwar auf der Ebene, auf der er sich ereignet.

 

Der Kern der Primärtherapie besteht darin, die alten Ereignisse aufzudecken, sodass wir in der Gegenwart leben können. Diese eingeschlossenen Erinnerungen enthalten schmerzvolle und furchtbare Gefühle, die aufgrund ihrer überwältigenden Valenz verdrängt und vom Bewusstsein ferngehalten werden mussten. Aber sie werden nie vergessen. Sie hinterlassen biochemische Spuren, die als Markierung dienen und sagen, dass es hier Schaden gab und dort eine schmerzvolles Ereignis. Durch die Therapie können wir unser Leben und unsere eingebetteten Erinnerungen zurückverfolgen und sie in geordneter Weise wieder aufsuchen, die Spuren rückgängig machen und die Geschichte (hoffentlich) umkehren, indem wir den Geboten der Evolution gehorchen. Also gehen wir methodisch in diese Entwicklungsstufen zurück, fühlen jeweils nur ein Stück des Ganzen; wir beginnen mit dem leichtesten Schmerz in der jüngsten Vergangenheit und bewegen uns hinab zu den tiefsten Gehirnebenen. In der richtigen Primärtherapie muss der Schmerz auf dieselbe evolutionäre Weise wiedererlebt und aufgelöst werden, wie er auf allen drei Ebenen geschaffen wude, aber in umgekehrter Reihenfolge. Wenn wir die Evolution verleugnen und uns nicht zuerst mit geringeren Schmerzen befassen, machen wir wieder einen ernsten biologischen Fehler und zwingen einem Patienten ein Feeling auf, für das er nicht bereit ist.

 

Es gibt ein Sprichwort in der Wissenschaft: Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese. Die Geschichte der Spezies wiederholt sich in unserer persönlichen Entwicklung. Wir können unsere frühe Geschichte darin sehen, wie wir uns vom Embryo an entwickeln (Fischflossen, Flügel, Schwänze, etc.). Jedes sich entwickelnde Individuum durchläuft wieder das archaische Leben der Spezies. Wir werden unseren Schwanz los, und uns bleibt ein Rest, ein "Schwanz-Knochen." Ähnlicherweise haben wir Reste unseres "frühen" persönlichen Lebens, das ich als erste Linie/Ebene bezeichne. Das heißt, wir haben Spuren unseres Lebens aus einer Zeit, als allein der Hirnstamm unsere vorherrschende Gehirnstruktur war. Und wir können jenes unbeschreibliche Leben aufsuchen, das wir vor der Geburt lebten, und diese Spuren durch Primärtherapie vermeiden, was man auch als Ungeschehen- Machen der Einprägungen bezeichnen kann (oder auf einer molekularen Ebene als Demethylierung). Einprägungen bedeuten exakt ein Ereignis, das so mächtig und schmerzhaft war, dass es damals nicht erlebt und integriert werden konnte. Aber jetzt sind wir älter und können sie sicherer erleben. Aber es dauert Jahre, bis man in der Lage ist, die Vergangenheit voll wiederzuerleben und sie zu einem Teil von uns zu machen anstatt einer ständigen fremden Kraft.

 

Jede gut geplante Therapie beginnt in der Gegenwart und fixiert Gefühle im Leben der Gegenwart. Mit der Zeit führt das entlang desselben Gefühlspfades zu tieferen Ebenen durch einen Prozess, den ich als Resonanz bezeichne. Ist man einmal in das Feeling
eingeschlossen, wird das neurobiologische System die Regie übernehmen und den Patienten befähigen, tiefer zu gehen, zu entfernteren und älteren Gehirnarealen zu reisen. Wenn der Patient über Monate diesem evolutionären Pfad folgt, werden verschiedene Aspekte des Feelings auf jeder Ebene aufgesammelt, bis man Ursprünge erreicht, wo sehr tiefer Schmerz liegt. Dieser Prozess kann nicht  erzwungen oder im Voraus beschlossen werden durch einen Therapeuten, der diktiert, wohin der Patient zu gehen hat. Wenn Gefühle außer der Reihe erzwungen werden, findet keine Integration statt.

 

Ich betone diese methodische Schritt-für-Schritt-Reise als Warnung, weil in keiner anderen Therapie, die ich kenne, die Störung der Primärsequenz durch nicht ausgebildete Leute solchen dauerhaften Schaden anrichten kann. Sie pfuschen am tiefen Unbewussten herum. Wir haben viele Jahrzehnte gebraucht, um zu verstehen, was wir vermeiden sollen, was ebenso wichtig ist wie zu wissen, was man weiterverfolgen sollte. Wir achten mit größter Gewissenhaftigkeit darauf, dass der Patient die Gefühlskette in richtiger Reihenfolge hinabsteigt, um Abreaktion zu vermeiden, also das Abgleiten in Pseudogefühle als Abwehr gegen den wirklichen Schmerz.

 

Im Wesentlichen ist Abreaktion die Entladung eines Feelings, das von seinem Ursprung getrennt ist, was sie tatsächlich zu einer Abwehr macht oder zumindest zu einer Stärkung einer existierenden Abwehr. Sie kann die Freisetzung eines Gefühls von einer Bewusstseinsebene in eine andere Ebene sein. Zum Beispiel erste Linie in die dritte Linie. Oder es kann die erste Ebene sein, die von allen anderen Ebenen getrennt ein Eigenleben annimmt und alle anderen Ebenen ausschließt. Das Abwehrsystem kann auf seine schlaue und brillante Weise viele Formen von Abreaktion fördern, die zu eigenartigen Vorstellungen, verrückten Selbsttäuschungen und Paranoia führen können. Anstatt zur Umkehrung der Neurose zu führen, garantiert Abreaktion, dass Neurose andauert. Das geschieht, wenn der Therapeut dem Patient erlaubt, Evolutionsstufen zu überspringen, durch die Bewegungen von Gefühlen zu gehen ohne diese zu fühlen.

 

Wir müssen den Gefühlen total vertrauen. Aber zuerst müssen wir sie erkennen und in der Lage sein, sie von Abreaktion zu unterscheiden, welche die Entladung der Energie eines Gefühls bei fehlender Verknüpfung ist. Unsere Aufgabe ist, für Zugang zu Feelings zu sorgen, wobei wir auf Schritt und Tritt der Evolution folgen; beginnend mit den jüngsten Aspekten reisen wir hinab zum frühen Ursprung des Schmerzes in der weit zurückliegenden Vergangenheit. Auf diese Weise gehen wir vom Gewahrsein des Gefühls zu  seinem emotionalen Inhalt und dann zu seiner präverbalen Basis. Wir gehen auch von der geringsten Schmerz-Valenz zur verheerendsten. Diese Valenz nimmt zu, wenn wir in unserer Ontogenese die Schmerzkette hinabsteigen.

 

Wenn wir mit unseren Anfängen in Berührung kommen - Zeit im Mutterleib, Geburt und frühe Kindheit - sehen wir den tiefsten Schmerz und die größte Gefahr für das System, was ich als 'erste Linie' bezeichne. Wenn wir die Gehirnentwicklung nicht kennen, lassen wir uns leicht täuschen, handeln überstürzt und spornen das Nervensystem des Patienten an, Leistungen zu vollbringen, zu denen es nicht in der Lage ist; deshalb kommt es zu Abreaktion. Wir bringen den Patienten dazu, dass er schreit oder auf die Wand einschlägt, während das wirkliche Feeling woanders ist. Ist ein Patient erst einmal in die Abreaktion eingeschleust, ist es nahezu unmöglich, ihn wieder herauszuziehen. Sie formt eine gerillte Abwehr, die einbetoniert wird und kein anderes Gefühl hereinlässt. Sie wird zur Neurose innnerhalb einer anderen Neurose. Der Patient verliert, auch wenn er vielleicht selbst überzeugt ist, dass er wirklich fühlt. Oder - noch schlimmer- er wird vielleicht von einem Therapeuten überzeugt, dass er fühlt , obwohl dem nicht wirklich so ist. Manchmal mag das alles wie eine Art Komplott scheinen, aber sind einfach unbewusste Reaktionen, um tiefen Schmerz zu vermeiden.  Denken Sie daran, dass es eines großen Fachkönnes bedarf, ein verknüpftes Feeling herzustellen und dass keinerlei Qualifikation nötig ist, um Abreaktion zuzulassen.

 

[1] Gordon Marshall, "abreaction." A Dictionary of Sociology, 1998. Encylopedia.com. (2. Juli 2015),

http://www.encyclopedia.com/doc/1088-abreaction.html

 

 

Auf der falschen Spur in die Abreaktion

 

Um besser zu verstehen, wie Abreaktion funktioniert, schauen wir, was geschieht, wenn eine Sitzung aus der Spur gerät. Wie wir jetzt wissen, gibt es während einer Sitzung ein kritisches Fenster, wenn der Patient ein bestimmtes Gefühl hereinbringt, sagen wir Hoffnungslosigkeit. Wenn der Therapeut nicht handelt und der Person nicht hilft, in das Feeling einzutauchen, kann es später in der Sitzung durchaus zu spät sein. Wenn der Therapeut nicht im entscheidenden Moment eingreift, ist das spezifische Gefühl/die spezifische Frequenz, mit der der Patient hereinkam, jetzt verschwunden. Dem Patienten bleibt jetzt nur Abreaktion, die Entladung eines Sekundärgefühls, nicht des Schlüsselgefühls, das sie/er mitgebracht hatte. Das bedeutet keinerlei Auflösung und Integration des Fühlens, weil das Gefühl nicht durchlebt worden ist. Wenn wir die Vitalfunktionen nach der Sitzung messen, bewegen sich die Werte auf sporadische Art. Sie bewegen sich nicht koordiniert, sondern es ist, als würde sich jede Funktion in anderer Gangart bewegen. Sie scheinen ihren Zusammenhang verloren zu haben, was uns sagt, dass kein Primal statgefunden hat.

 

Was meiner Ansicht nach geschieht, und das ist nur eine Hypothese, ist, dass der Patient in ein Sekundärgefühl schlüpft mit anderem Gehirnmuster und anderer Frequenz, wenn das eigentliche Feeling und seine Frequenz unbeachtet bleiben. Auch wenn es vielleicht so aussieht, als habe sie oder er das Gefühl aufgelöst, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es Abreaktion ist. Es ist nur die Entladung der Gefühlsenergie ohne Verknüpfung.

 

Ich muss das klarstellen, weil so viele sogenannte Primärtherapeuten diesem fundamentalen Irrtum unterliegen. Es gibt eine Zeit in der Sitzung, wenn dieses Feeling dem vollen Bewusstsein sehr nahe ist. Ohne professionelle Hilfe entschlüpft das Gefühl, und der Patient gerät jetzt ins Taumeln und in ein anderes Gefühl, das vielleicht mit den Absichten des Therapeuten zu tun hat aber nicht mit denen des Patienten. Das kommt daher, dass der Therapeut das Eingangsgefühl nicht bemerkt hat und dann seine eigenen  Bedürfnisse und Gefühle auf den Patienten projiziert. Der Patient geht dann dorthin, wohin der Therapeut beschließt, was nichts damit zu tun hat, das Grundbedürfnis anzugreifen und es aufzulösen. Zu oft geht der Patient dorthin, wohin der Therapeut ihn  stillschweigend haben will . Der Patient spürt das und wird zu einem "guten Jungen/guten Mädchen." Das Unbewusste des Therapeuten lenkt den Patienten implizit.

 

Der Schmerz mangelnder Befriedigung ist immer ein Anhängsel eines speziellen Bedürfnisses. Sich mit dem falschen Bedürfnis zu befassen bedeutet, auf richtige Verknüpfung und Auflösung zu verzichten; es bedeutet, den falschen Schmerz zur falschen Zeit zu fühlen. Ein deprimierter Patient kommt herein und fühlt sich hoffnungslos und hilflos. Der Therapeut nimmt vielleicht latenten Zorn wahr und drängt den Patienten, auf die Wand einzuschlagen. Die Freisetzung bietet etwas Erleichterung an, und sie beide mögen denken, es habe Auflösung stattgefunden. Aber das war nur vorübergehend. Das wirkliche Gefühl liegt auf der Lauer und wird immer wieder zurückkehren. Oder der Therapeut sagt vielleicht: "Sag' es deiner Mutter!" Aber vielleicht hat es nichts mit Mutter zu tun, zumindest nicht mit der des Patienten. Was hochkommt, ist der Schmerz des Doktors; er muss seine Mutter anschreien. Tatsächlich kann das Kerngefühl des Patienten in eine Zeit vor den Worten zurückdatieren. Somit ist es der falsche Weg, das Gefühl verbal auszudrücken. Es ist eine verzwickte Angelegenheit. Ein solides Wissen über die Evolution des Bewusstseins hilft hier weiter.

 

Ärzte sind es gewohnt, während Therapie-Sitzungen aktiv zu sein, und somit fällt ihnen schwer zu sehen, wie wenig es zu tun gibt. Im Schnitt rede ich etwa 50 Worte in einer Sitzung. Mein Patient fühlt, und dann folgen die Einsichten. Ich brauche die Erhabenheit nicht, Patienten Einsichten zu schenken. Es ist wunderbar, dass sie ihre eigenen Entdeckungen machen. Und welche Entdeckungen das sind, hochbrandende Gefühle aus dem Untergrund, begleitet von ihren Notizen. Sie sagen dem Arzt, was das Gefühl bedeutet.

 

Andererseits haben Therapeuten eine Menge zu tun, wenn wir spüren, dass Abreaktion eindringt. An diesem Punkt muss der Therapeut wachsam und hyperaktiv sein, um den Patienten in der Spur zu halten. Er muss gewährleisten, nicht das Nebengefühl zu verstärken, und er muss den Patienten auf das Hauptgefühl zurücksteuern. Und wie erkennt der Therapeut den Unterschied? Durch Instinkt und Erfahrung. Der Therapeut muss spüren, dass sein Patient einen Umweg genommen hat, und er muss wissen, was das reale Gefühl ist. Diese Fähigkeit kann man nur durch Primär-Intuition erwerben. Es gibt keinen Lehrsatz.

 

 

Ein Syndrom des Misserfolgs

 

Wenn Abreaktion zu einer eingefrästen Rille wird, ist sie wie ein Höllenpfad nach Nirgendwo. Sie ist eine Abwehr im Gewand des Fühlens und erzeugt somit keinerlei Einsichten und schafft keine Lösung. Stattdessen fördert Abreaktion wiederkehrendes Ausagieren, das sich durch Wiederholen verstärken kann. Wenn die mächtige erste Linie präsent ist, schafft sie keine echten Einsichten. Tatsächlich kann sie falsche oder ziemlich irre "Einsichten" hervorbringen. Das ist die Gefahr der sogenannten Rebirthing-Therapie, die Patienten gezielt und außer Reihenfolge in Schmerz der ersten Ebene eintaucht, obgleich die dafür nicht bereit sind. Die Technik überwältigt die Integrationskapazität des Gehirns, und der Patient wird von sonderbaren Gedanken und bizzaren Vorstellungen überflutet. Plötzlich ist er "eins mit dem Universum" oder vielleicht "mit dem Allmächtigen vereint." Und wenn der Therapeut mystische Neigungen hat, findet er das alles vielleicht nicht so merkwürdig. Ich habe Leute gesehen, die in Rebirthing-Zentren waren und präpsychotisch zu uns gekommen sind. In diesen Fällen ist die Reihenfolge oder Ordnung des Fühlens nicht eingehalten worden. Das Ergebnis ist schwerwiegend; wir können einfach nicht die Evolution herumkommandieren sondern müssen vielmehr ihren Bestimmungen folgen. In der klinischen Praxis bedeutet das, dass man weiß, wie man die für den Patienten richtige Gefühlsspur identifiziert und die Sitzung in der Spur hält - eine  Kunst, die verzwickter ist, als es sich anhört.

 

Da Abreaktion nicht heilt, sind Patienten in einem ewigen Bedürfnis "zu fühlen" gefangen. Nichts wird je aufgelöst und somit wird der Schmerz nie gefühlt oder ausgeleert. Somit kann Abreaktion auf sehr unheilvolle Weise wiederkehrendes neurotisches Verhalten verursachen, das Primals imitiert. Der Schmerz ist ewig präsent, so dass es wahrscheinlicher ist, das er bei den Leuten ausgelöst wird. Tatsächlich ist er gegenwärtiger als zu dem Zeitpunkt, bevor der Abreaktionsprozess einsetzte, weil alle diese ausgelösten Gefühle ins Bewusstsein gerufen werden, ohne jemals aufgelöst zu werden. Sie sind die ganze Zeit "da" und können jederzeit bei der kleinsten Provokation wieder wachgerufen werden.

 

Abreaktion erzeugt einen geschlossenen Schmerzkreis, eine Endlosschleife, die immer wieder abläuft, sobald ein Teil von ihr ausgelöst wird. Und jeder Auslöser - wie verschieden sie auch sein mögen - wird dasselbe abreaktive Gefühl hochbringen: "Ich möchte sterben. Da ist zuviel Schmerz. Ich möchte sterben." Das wird nie mit einer speziellen Sache verbunden und bleibt eine Litanei oder eine Reihe von Empfindungen, die sich ewig wiederholen. Wie ein hungriges Monster wird die Abreaktion all diese verschiedenen Auslöser und Gefühle verschlingen und sie in einem und denselben Kreis körperlicher Empfindungen und /oder nicht-verknüpfter Gefühle einverleiben. Sie werden alle vom selben Abwehrsystem verarbeitet. Es ist wirklich erstaunlich, die Brillianz eines Abwehrsystems zu betrachten, das schmerzvolle Gefühle in Richtung Abreaktion umleiten kann, damit diese Gefühle unbewusst bleiben.

 

Patienten, die abreagieren, verschanzen sich ziemlich hinter ihrem "Primal-Stil" und weigern sich zuzugeben, dass das, was sie tun, nicht der "richtige Weg" ist. Und natürlich sind sie nicht bereit, ihn zu ändern. Warum? Erstens weil es für sie bedeutet, dass sie ihre Therapie nicht richtig ausführen, eine Reaktion, die mit Gefühlen assoziiert ist wie "ich liege falsch/bin schlecht." Zweitens fällt es ihnen schwer zu akzeptieren, dass all die Zeit, Anstrengung und das Geld, das fürs "Fühlen" aufgebracht wurde, tatsächlich Vergeudung war. Es fällt schwer zu akzeptieren, dass das, was sie gemacht haben, keine gute Therapie war und sie möglicherweise tatsächlich schädigte.

 

Ein weiteres Element, das die Patienten resistent gegen Veränderung macht, ist, dass Abreaktion bewirkt, dass sie sich vorübergehend besser fühlen. In der Tat haben sie etwas Spannung freigesetzt. Sie könnten aber auch ein paar Meilen laufen und hätten dasselbe Ergebnis, ein falsches Gefühl der Erleichterung. Wenn die Abreaktion jahrelang fortbesteht, wie im Fall von Leuten, die lange Zeit "selbst-primalen," ist sie vielleicht irreversibel: Die Rillen sind zu stark, weil sie zu einer neurologischen Abwehr in und an sich geworden sind. Meistens ist diese abreaktive Rille mächtig, dauerhaft und tief verwurzelt.

 

Ich erinnere mich an den Fall einer Frau, die so in etwa 20 Jahre lang selbst geprimalt hat - irgendwo tief drinnen in einem weit entfernten Teil dieser Welt. Ihr Stil war andauerndes Schreien. Sie glaubte, allein darum ginge es in der Therapie - um den "Urschrei." Sie konnte stundenlang aus voller Lunge und mit schrillster Stimme schreien.Natürlich war das bar jeden wirklichen Fühlens, Inhalts, Zusammenhangs und ohne Auflösung. Sie wusste nicht, warum oder worüber sie schrie; es waren keine Erinnerungen damit verbunden. Sie hatte das "Gefühl," schreien zu müssen, weil "sie so viele Schmerzen hatte." Es war schlimm, sich das anzuhören und es war völlig unbewegend. Wie zu erwarten war, hatte sie keinerlei Einsichten und es ging ihr nicht besser. Diese "Rille" aufzulösen erwies sich als sehr schwierig.

 

Der Versuch, einen Patienten von Abreaktion abzubringen und zu einer gänzlich neuen Art "wirklichen Schmerz-Fühlens" zu wechseln, ist in der Regel ein langer und schwieriger Wandlungsprozess. Der Grund ist, dass die Abwehrmechanismen durch die Abreaktion verstärkt worden sind. Somit konzentriert jeder Versuch, zu diesen aufgestauten realen Gefühlen zu gelangen, sofort die abreaktiven Abwehrmechanismen, die genau darum geschaffen wurden, diese realen Gefühle in Schach zu halten. Der Patient wird in die abreaktive neurologische Rille gezogen, wo er sich wohl fühlt. Der Versuch, das Muster umzukehren, kann sogar schmervoller sein als der reguläre Prozess in der Therapie, in dessen Verlauf Abwehrmechanismen abgebaut werden. Einige Patienten waren nie fähig, den Abreaktions-Trend auszulöschen, und somit geht es ihnen leider niemals besser.

 

Letztlich ist das klinische Ergebnis der Abreaktion ein Syndrom des Misserfolgs. Keine Einsichten, keine Auflösung, keine Besserung. Dasselbe Ausagieren, dieselben Symptome, die manchmal schlimmer werden. Hauptsächlich liegt die Tragödie der Abreaktion darin, das der Patient ewig diese ganze Qual durchmacht, ohne dass es sich auszahlt.

 

Im Gegensatz dazu muss man reale Feelings nicht ewig fühlen, sie haben ein Ende.  Abgesehen von einem bestimmten Anteil an Gefühlen, die eine Zeit lang immer wieder erlebt werden mussten - abhängig davon, wieviel Schmerz mit ihnen verbunden war - nimmt in der Primärtherapie die Notwendigkeit zu fühlen mit jedem erlebten Feeling ab, bis wir ab einem gewissen Punkt den alten Schmerz kaum je noch fühlen müssen.

 

 

Die Gefahren der Pseudo-Therapie

 

In unseren vier Jahrzehnten Erfahrung haben wir viele Möglichkeiten gesehen, wie die Therapie schiefgehen kann. Ein fähiger Therapeut kann ein hochkommendes Feeling aufgreifen und dorthin lenken, wo es hin muss. Im Fall schwerer Depression ist es die Ankündigung eines frühen Todes. Aber ein schlecht gerüsteter Therapeut kann ein Maß der Todesnähe - wie z.B. sehr hohe Herzfrequenz -  nehmen und auf ein anderes Feeling umzentrieren, das mit der Ursache nichts zu tun hat, für das sich der Arzt aber entschieden hat. Bewusst oder nicht - er pfuscht an der Biologie herum. Das Resultat ist kontraproduktiv, weil der Patient allmählich eine Rille ausformt, sodass ein tiefes Feeling jedes Mal, wenn es mit all seiner Kraft hochkommt, auf die Nebenstraße eines irrelevanten Feelings umgeleitet wird. Und das ist auch ein Aspekt der Abreaktion: ein beginnendes unvollständiges Feeling aufzugreifen und es in etwas anderes zu wandeln. Der Arzt glaubt, er verstehe den Prozess und übernimmt die Kontrolle, anstatt dass das Feeling die Sitzung kontrolliert. Die Gefühle des Patienten - weit entfernt von Vollständigkeit -  werden vorzeitig aufgegriffen, und der Patient befasst sich mit einem Nebenzweig anstatt mit dem nächst verfügbaren Feeling. Diese Gefühle scheinen in einer Schlange zu stehen, jedes darauf zu warten, dass es an die Reihe kommt, und jedes scheint Erleichterung zu bringen, wenn es dran ist. Primärsitzungen beginnen normalerweise mit  Schmerz ganz oben im Gehirn; unglückliche Ereignisse in der Gegenwart, die mit ihnen assoziierte schmerzvollere frühe Erinnerungen auslösen können. "Meine Frau nimmt mir einfach die Luft" verknüpft sich schließlich mit der Grundprägung: "Ich ersticke." Das denkt sich niemand aus; es geschieht automatisch durch Resonanz, wobei ein Schmerz hoch oben in einer Kette von Ereignissen tiefer liegenden Schmerz auslösen kann, wenn der Patient bereit ist, ihn zu fühlen. Es scheint, als sei jedes Feeling nach seinem Inhalt und seiner Beschaffenheit in verschiedene Fächer klassifiziert; eine Art von Gefühl hier und eine andere Art von Gefühl dort. Resonanz im Gehirn verknüpft die evolutionären Verbindungen untereinander und umgreift den größten Teil unseres Lebens. Unsere Biologie entscheidet, nicht ein Arzt oder Therapeut, welches Feeling aufsteigt und erlebt werden kann. Aber wenn das Unbewusste des Doktors in diese noch ungehinderte und ursprüngliche Gefühlssequenz eingreift, ist das Ergebnis eine emotionale Umleitung - Abreaktion.

 

In der Therapie richten wir Schaden an, wenn wir denken, wir wissen, woher es alles kommt, und wir wissen es tatsächlich nicht. Es ist unsere Vermutung gegen die Realität im Patienten. So haben wir einen inneren Konflikt: Das System des Patienten kämpft, um sein neurotisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, welches die natürliche Anpassung des Körpers an frühes Trauma und Schmerz ist, während der fehlgeleitete Therapeut sich bemüht, die lebensrettenden Tricks des Neurotikers zu ändern, indem er an dessen Gedanken und Verhaltensweisen herumbastelt.  Vor allem der kognitive Therapeut möchte neurotisch normal in abnormal umändern, indem er die Depression in ein positiveres, optimistischeres Aussehen umwandelt. Sie verstehen nicht, dass Depression für den Patienten normal ist, weil ihn seine Lebenserfahrung dorthin getrieben hat und seine Biologie ihr Bestes tut, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten - das neurotisch normale -, das sich einrichtete, als ein Trauma den natürlichen Zustand seines Systems störte und umleitete. Der Primärtherapeut versucht auch, das neurotisch Normale zu demontieren, aber dadurch, dass er die Ursprünge auflöst und nicht dadurch, dass er vergeblich versucht, die gegenwärtigen Manifestationen zu manipulieren. Neurotisch normal ist das, was Patienten tun müssen, um sich an ernsthafte Einprägungen anzupassen, während abnormal ein Versuch ist, in dieses Gleichgewicht einzugreifen und seine sorgfältige Balance zu ändern.

 

Das ist ein Zustand, bei dem die Vitalwerte den Patienten betrügen. Es kann buchstäblich eine Todesankündigung sein, weil ständige Abreaktion das System schwächt und zu vorzeitigem Tod führen kann aufgrund der Last ungelöster Gefühle, die sich einschalten und heimlich Druck auf das biologische System ausüben. Wir sehen den Druck nicht, den Verdrängung ständig auf das Herz, Leber, Lungen und andere Organe ausübt. Wir sehen nicht, was chronisch schneller Herzschlag dem gesamtem kardiovaskulären System antut. Kurz gesagt tötet uns, was wir nicht sehen.  Und warum sehen wir es nicht? Es ist einfach zuviel, als dass man es alles auf einmal sehen und erfahren könnte, weil es in und an sich lebensbedrohlich ist.

 

Wir können den Abstieg in die unteren Tiefen des Gehirns beobachten, wenn der Patient machmal während eines Primals auf höherer Ebene mit dem Hirnstamm-Anteil der ersten Linie in Kontakt kommt (die Basis und/oder der untere Teil des limbischen Systems). An diesem Punkt kann er Vitalwerte aufweisen, die in unvorstellbaren Tiefen liegen - Körpertemperatur bei 96,0 (Fahrenheit) und ein Herzschlag unten in der 50er Zone. Wir wissen, welcher Teil des Gehirns aktiviert ist, weil die Gehirnsysteme unmissverständlich enthüllen und aufzeigen, welche Gehirnebene am Werk ist; welches Trauma abgewehrt wird und um welche Periode in der Ontogenese es geht. Wenn es einen plötzlichen Durchbruch gibt - ein abruptes Übertreten -  sehen wir Intrusion am Werk; das momentane Wegreißen des Abwehrsystems, das kurzzeitig tieferen Feelings Platz macht.

 

Das sagt uns, dass tiefes Material jetzt direkt unter der Oberfläche liegt und vielleicht so weit ist, dass es wiedererlebt oder `geprimalt` werden kann. Das ist keine bloße Vermutung, da der Körper seine Bereitschaft signalisiert. Wenn wir Intrusion nicht erkennen, warten wir vielleicht zu lange, um tiefe Einprägungen aufsteigen zu lassen; der Körper ist bereit, aber der Arzt ist es nicht. Noch einmal  - das Feeling kann durch den Doktor in etwas anderes abgeändert werden, weil die persönliche Evolution des Patienten, seine Ontogenese, ignoriert worden ist. Der Therapeut hat das Gefühl anders wohin gelenkt. Ein Anfänger-Therapeut, der scharf darauf ist, seine Fähigkeit und dramatische Effekte zu zeigen, wird den Patienten zu früh in zu tiefes Material zwingen. Das Ergebnis ist, dass der Patient verrückte Gedanken entwickelt, weil das Gehirn auf oberster Ebene sein Bestes tut, mit der vom Arzt induzierten Überlastung fertig zu werden. Es ist dieselbe Wirkung, die wir bei LSD-Konsum sehen.

 

Ich erinnere mich, dass während des LSD-Wahns der sechziger Jahre einige Ärzte mit Halluzinogenen für Patienten experimentierten. Viele entwickelten eine vorübergehende Psychose, weil Schmerzen außer der Reihe hochgeworfen wurden und nicht integriert werden konnten. Das Ergebnis: Überlastung des Neokortex und Wahnvorstellungen. In unserer frühen Forschung sahen wir die Überbleibsel von all dem: Außer allgemeinen Schlafproblemen befand sich der Neokortex in einem ständigen Überflutungs-Zustand, und die Hirnwellen-Amplitude ging nach unten, was für uns nach vielen ähnlichen Messwerten bei anderen LSD-Patienten bedeutete, dass Verdrängung und Abwehr wankten und zusammenbrachen. Wenn Patienten in der Therapie zu sehr angetrieben werden, bekommen wir oft dieselbe Art von Profil.

 

Ein eindeutiges Beispiel gefährlicher Gefühlstherapie ist Rebirthing, eine Technik, bei der Patienten zu früh viel zu tief getrieben werden. Die Geburt in den ersten Therapiewochen wiederzuerleben, bedeutet die Evolution zu ignorieren und führt zum Desaster. Es bedeutet, vorzeitig auf tiefen Bewusstseinsebenen anzukommen, Evolutionsstufen zu überspringen und durch die Bewegungen des Fühlens zu gehen ohne zu fühlen. Das überfordert die Integrationskapazität des Gehirns, und es kommt zu Überflutung mit verrückten Gedanken und bizzaren Vorstellungen. Wir haben Präpsychotiker gesehen, die zu uns kommen und sofort in irgendeine Art von Geburtstrauma gleiten- weit weg von einer angemessenen evolutionären Reise. Oft sind sie tief gestört und beginnen die Therapie mit schwer beschädigtem Schleusensystem. Gewöhnlich benötigen sie Hilfe bei der Schleusung, so dass wir vielleicht für eine gewisse Zeit  Medikamente empfehlen, um das Hochbranden von Hirnstamm-Einprägungen zu kontrollieren. Die Medikation verstärkt vorübergehend die Schleusung, so dass jetzt ein angemessener Abstieg möglich ist. Ohne dies gibt es keine Integration und somit keine Gesundung. Schlimmer noch - wenn der Arzt an die Gedanken und Überzeugungen glaubt, ist der Patient in Gefahr. Plötztlich ist er "mit dem Allmächtigen vereint." Und im Booga-Booga-Land nickt der Arzt vielleicht zustimmend. Jetzt ist es eine Folie a deux. Wenn der Therapeut mystisch ist, findet er das alles vielleicht nicht so sonderbar, weil Leute mit Hang zum Mystischen nie denken, ihre Glaubensüberzeugungen seien seltsam.

 

Das Problem bei Rebirthing ist, dass es das fundamentale Gesetz der Evolution verleugnet. Fordere nie die Evolution heraus; respektiere sie und folge ihr. Sie wird dich zielsicher dorthin bringen, wohin du gehen musst und nur wenn du dorthin gehen musst. Ich habe die Psychose gesehen, die dieser Fehler hervorruft; und wir sehen bei Rebirthing die inhärente Gefahr, weil Gefühle von einem anderen - vom Therapeuten - nach dessen Zeitplan gelenkt werden und weil man vorzeitig bei diesen Gefühlen ankommt und damit die sorgfältige Schrittfolge der Geschichte verletzt. Treibe keine Scherze mit der Geschichte. Niemand ist schlauer als sie und keiner hat eine Ahnung, was im Unbewussten liegt; nur der Patient weiß es. Und es dauert, bis er es weiß. Sein Körper weiß es, aber braucht ein höheres Gehirn, das ihn informiert. Sein Körper schreit die Botschaft durch sein Asthma und seine Migräne und seinen hohen Blutdruck hinaus, aber es ist ein stummer Schrei, den nur sein System fühlen kann. Der Körper sagt "ich leide," und der Patient sagt "ich leide," aber er weiß nicht, woran oder worunter. Die kortexlose Botschaft ist durchgekommen, aber es fehlt ihr die Schlüsselinformation, die nicht mitgeteilt werden kann, wenn wir zu jung und fragil sind, um sie zu verstehen und zu akzeptieren.

 

Wenn das gesamte Gehirn in einen Zustand gezwungen wird, für den es nicht bereit ist, geht es in den Alarmzustand und bewegt sich  abrupt die Evolutions-Skala aufwärts auf der Suche nach einem Hebel, nach einer Möglichkeit, mit dem Druck fertig zu werden. Wenn das unbeschreibliche Feeling den Neokortex auf oberster Ebene erreicht, heckt es Ideen und Überzeugungen aus, die im Grunde psychotisch sind -"eins mit dem Kosmos." Und das ist genau der Mechanismus bei einer echten Psychose (eher als bei einer induzierten), bei der das Schleusensystem durch das jahrelange ständige Anrennen angehäuften Schmerzes so lange demoliert worden ist, dass es schließlich zusammenbricht. Man beachte, dass der Druck des Feelings entlang der Evolutions-Skala hochmarschiert auf der Suche nach einem Weg, den Schmerz abzuschalten. Das ist ein biologisches Gesetz, das alle Therapeuten verstehen müssen. Verrückte Gedanken sind keine alleinstehenden Gebilde; sie sind das Ergebnis einer langen evolutionären Reise, die schließlich in eine Glaubensüberzeugung mündet. Wenn TherapeutInnen an Gedanken/Glaubensvorstellungen herumdoktern, geraten sie in Konflikt mit diesem Evolutionsprozess. Und ich beziehe Verhalten und die anti-evolutionäre Verhaltenstherapie darin mit ein. Wie simplizistisch es doch ist, Verhalten seiner Wurzeln zu berauben und dann andauernd die Ausdünstungen zu manipulieren!

 

Genau das geschieht bei Pseudo-Primärtherapie. Den richtigen Wurzeln ist man ausgewichen, und gleichzeitig wird der Patient in falsche Nebenwege gelenkt. Das Ergebnis? Abreaktion. Eine falsche Wurzel kann bedeuten, dass man den Patienten auf die erste Linie führt, auf die Hirnstamm-Ebene, wo Einprägungen mit hoher Ladung warten. Was also sieht der Doktor, wenn die erste Linie eindringt? Würgen, Kurzatmigkeit, Sich-Winden, Husten. Und was macht er? Er ermutigt den Patienten, da hineinzugehen, obwohl der nicht annähernd bereit ist für so ein tiefes Erlebnis. Was bekommt er? Abreaktion - vorübergehende Freisetzung plus ein Überbleibsel an Gefühlen, die nicht erlebt werden konnten und Druck auf die Abwehr ausüben, sodass sich der Patient schlecht fühlt. Noch häufiger machen solche großen Reaktionen dem Therapeuten Angst, und er vermeidet es, sich überhaupt damit zu befassen. Es bleibt in der Luft hängen und unaufgelöst.

 

Aber Vorsicht: Es besteht auch Gefahr, wenn der Therapeut zu passiv ist. Wer die aufsteigende erste Linie nicht erkennt, unterdrückt das Feeling und lässt es erst hochkommen und erleben, wenn es viel zu spät ist. Es ist zu spät wegen der fehlenden Erfahrung des Therapeuten, der keine Ahnung hat, wie man mit ziemlich strammen Gefühlen umgeht, die im Aufsteigen begriffen sind. Was also Geschieht? Wieder Abreaktion: andere Erinnerungen fühlen als diejenigen, die in Reichweite sind. Wieder wird eine Rille geformt und anstatt tiefen auflösenden Fühlens gibt es kleine Umwege, die nicht zur Auflösung führen. Für diesen furchtsamen und zögernden Therapeuten erweist sich Freuds Spruch über das Unbewusste noch immer als wahr: Geh' nicht zu tief. Freud beschloss vor beinahe hundert Jahren, dass tiefes Schürfen im Unbewussten gefährlich sei für den Patienten und sein Gleichgewicht unwiderruflich zerstören würde. Wir haben das Unbewusste am Werk gesehen, und es stimmt einfach nicht.

 

Wir Therapeuten müssen der Allwissenheit abschwören. Wir wissen nicht genug, und ich habe nicht einmal eine Vermutung, wie es geschah, dass wir zu Experten der conditio humana wurden. Immer wenn ein Therapeut dem Patienten sagt, was er fühlen soll, wissen wir, dass er schon auf dem falschen Pfad ist. Wir müssen Feelings spüren und dem Patienten folgen anstatt ihn zu führen. Wir fassen ihn an der Hand und folgen ihm dorthin, wo er uns hinführt, nicht umgekehrt. Wir Ärzte müssen die Versuchung meiden, klug zu handeln. Wir verbringen Jahre auf der Hochschule damit zu lernen, wie man klug wird, und jetzt müssen wir uns dieser Klugheit entziehen. Wie ironisch! Aber die Geschichte der Psychotherapie war intellektuell und lieferte eine Therapie des Intellekts, und genau das brauchen wir nicht. Wir gestatten den Patienten nicht, "klug" zu handeln; wir erlauben ihnen, intelligent zu handeln, ihre Feelings zu erkennen und wie die sie angetrieben haben und zum Ausagieren veranlasst haben. Wenn Patienten versuchen, klug zu handeln, helfen wir ihnen, zum Feeling zu gelangen, das damit zu tun hat, Mama oder Papa zu gefallen. Letztlich ist es eine große Erleichterung, einfach du selbst zu sein und nicht so oder so handeln zu müssen, um Liebe zu bekommen.

 

Es scheint banal und harmlos, dass ein Therapeut für den Patienten Einsichten bereitstellt, aber es ist bei weitem nicht so, weil der Patient vom Fachmann eine Vermutung über seine Gefühle bekommt, die zutreffend sein kann, es meistens aber nicht ist, weil sie nicht den Gefühlen des Patienten entspringt sondern denen eines anderen. Es ist eine subtile Art, den Patienten in eine Rille zu lenken, weil der Therapeut unsicher ist und sicher gehen will, dass der Patient wirklich fühlt. Und an einer solchen mühelosen Rille leiden die meisten Leute bei Abreaktion; sie finden einen Weg der Freisetzung, auf den sie ihr Fühlen lenken, und es wird bequem, darauf zu bleiben. Der Weg gräbt sich ein, bis sie nicht mehr heraus können, und sie wissen nicht einmal, dass sie drin sind. Die Kraft des Fühlens, der tatsächliche Inhalt, findet seine Rille, und es erfordert Monate richtiger Therapie, Patienten da heraus zu helfen. Abreaktion hat die Neurose verstärkt anstatt sie zu eliminieren. Schlimmer noch ist, dass der Mensch überzeugt ist, es gehe ihm besser, was nicht der Fall ist. Noch viel schlimmer ist, dass der Arzt überzeugt ist, dass alles in Ordnung ist, obwohl nichts in Ordnung ist. Der ganze Prozess ist zu einer Farce geworden; eine Illusion von Gesundheit. Es fühlt sich gut an für den Patienten, weil er den Druck des hochkommenden Feelings freisetzen kann, und das fühlt sich wie Fortschritt an: also geht es ihm besser.

 

Wenn wir versuchen, uns in den Gefühlsprozess einzublenden, bekommen wir eine Reflexion unserer selbst und nicht des Patienten. Und diese Reflexion verlässt sich auf einen Wust von Theorien, die von Ärzten ausgeheckt wurden, um das zu erklären, was keine Erklärung braucht. Die Fehler in der Theorie sind so vielfältig wie das Unbewusste des Arztes. Vielleicht sieht er ein Bedürfnis nach Macht oder nach Bedeutung oder nach Sex und so fort. Oft sieht er, was nicht da ist, und weigert sich zu sehen, was wirklich da ist. Seine Vision ist durch das Maß seiner Offenheit beschränkt. Und das hängt davon ab, wieviel er von seinem eigenen Schmerz gefühlt und erlebt hat. Du kannst nicht offener sein als deine Verdrängung. Die blockiert so viel: Vision, Einsicht, Empathie, Mitleid und Verständnis. Wenn du in deinem Kopf lebst, wirst du nie in Betracht ziehen, in die Tiefen des Fühlens einzutauchen; es geht dann einzig darum, Gefühle zu erklären, sie zu diskutieren oder über sie zu schreiben. Heutzutage gibt es eine Therapie, wo die Patienten glauben, sie könnten gesund werden, indem sie ein Journal über ihre Gefühle führen. Das ist einmal mehr zu offensichtlich, als dass man es kommentieren müsste, aber es ist die oberste Ebene, die sich damit befasst, wenngleich wir weit unter sie vordringen müssten. Dasselbe trifft auf die Achtsamkeits-Therapie zu, welche die Aufmerksamkeit verstärkt und vom Patienten verlangt, dass sie/er sich auf Details wie die Atemfrequenz konzentriert. Das hält diese oberste Ebene super-aufmerksam, wenngleich sie ruhig liegen sollte. In diesen Therapie-Modellen gibt es keinen Weg in die Tiefe, weil jede Bewegung in der Therapie gegen das Fühlen gerichtet ist. Sie können nicht tiefer gehen, weil sie selbst in einer Art Abreaktion eingeschlossen sind. Es gibt keinen größeren umfassenden Bezugsrahmen, der sie führen könnte. Sie sind von Gefühlen so abgetrennt wie der Patient, der abreagiert.

 

Diese kognitiven Theorien basieren auf einem grundlegenden Misstrauen gegen Gefühle zugunsten des Intellekts; das Gegenteil dessen, was man braucht, um Heilung durch Fühlen zu bewirken. Wenn ein Arzt seine Therapie als kognitiv definiert, hat er schon verloren. Es bedeutet, dass er sich mit dem halben Gehirn befasst und dabei die anderen Teile vernachlässsigt; vor allem die fühlenden Bestandteile; diese Teile heilen. Fühlen ist Heilen. Kein Fühlen, kein Heilen.

 

 

Verknüpfung ist der Schlüssel

 

Wie also schützen wir uns vor Abreaktion und erzeugen echte Gefühle? Zwei wichtige Faktoren sind im Spiel. Zuerst muss der Patient zu einem bestimmten Gefühl/Schmerz/Bedürfnis gelangen, und zwar ungehindert von anderen Feelings, die sich oft aus einer Geschichte unerbittlichen Schmerzes aus Kindheitstrauma und Vernachlässigung anhäufen. Das heißt, der Therapeut muss sich des Leitmotivs in der Sitzung überaus bewusst sein - welche Feelings entscheidend sind und welche peripher. Zu wissen, wie man das macht, erfordert viel Erfahrung, weil man oft dazu neigt, Gefühle zu verschmelzen und auf der falschen Tangente loszumarschieren. Wenn man sich mit dem falschen Feeling befasst, bekommt man Abreaktion. Wenn sich zum Beispiel der Patient in einem Gefühl befindet und plötzlich  als Ergebnis einer Intrusion aus der ersten Ebene anfängt zu würgen und husten, dann sollte ihn der Therapeut zum ursprünglichen Gefühl zurücklenken, weil die Intrusion eine Ablenkung ist, und diese Ablenkung selbst ist die Abreaktion. Oder wenn der Patient hereinkommt und über seine Frau meckert - "sie nimmt mir die Luft mit ihren Forderungen" - und dann anfängt zu würgen, wissen wir, dass der Ursprung seiner Klagen tief im Gehirn liegt, wahrscheinlich in dem Teil des Hirnstamms, der mit Atmen zu tun hat. Wir stoßen den Patient nicht in das Geburtstrauma, es sei denn, er ist lange genug in der Therapie und für ein solches Erlebnis bereit. Andernfalls wird er zum ursprünglichen Gefühl zurückgelenkt, um herauszufinden, warum er sich erstickt fühlt. Das Wissen, auf welcher Ebene sich der Patient befindet und zu welcher Ebene er ohne unerträglichen Schmerz Zugang hat, ist in der Tat ein schmaler Grat.

 

Dasselbe trifft auf einen Patienten zu, der hereinkommt, auf der dritten Ebene weint und nie tiefer zu älteren Schmerzen geht. Auch das ist Abreaktion. Er entlädt tiefere Feelings auf einer höheren Ebene der Gehirnfunktion, weil er unfähig oder unwillig ist, sie weiter und tiefer zu tragen. Das Ergebnis ist kein volles Feeling; vielmehr wird es eine chronische Entladung der Gefühlsenergie ohne endgültige Auflösung. Zum Beispiel kann ein Patinet hereinkommen und nur über einen Film weinen, den er gerade sah, ihn aber nie mit seinem eigenen Leben verbinden und mit seinem Vergangenheits-Erlebnis. Ersteckt auf der dritten Linie fest und reagiert ab. Schreien und Brüllen  in und an sich bleibt immer eine simple Entladung. Fühlen bedeutet letztlich ein Erlebnis im Zusammenhang. Das Problem ist, dass Schreien und Weinen ohne Zusammenhang sich dennoch gut anfühlt und eine Rille der Erleichterung formen kann.

 

Hier wird es verzwickt, weil es Kontext-Ebenen gibt: die Gedanken (oberste Ebene), die emotionalen Erlebnisse (limbisches System) und die frühkindliche Ebene (Hirnstamm). Der Zusammenhang vertieft sich, wenn der Patient in der Lage ist, in seiner Therapie tiefer zu gehen. Ein vollständiges Primärerlebnis bedeutet den Einschluss aller drei Ebenen der Gehirnfunktion, die an einem Einzelgefühl beteiligt sind. Das kommt später in der Therapie, wenn der Zugang es dem Patienten ermöglicht, zum Anfang der Erfahrung und des Lebens zu reisen. Er kann dann den Gefühlszyklus vervollständigen und zur Auflösung bringen. In dieser Art Primal fühlt der Patient den ganzen Schmelztiegel seines Verhaltens und seiner Symptome. Sie sind kein Geheimnis mehr, sobald wir der Evolution ihre Arbeit machen lassen. Manchmal ist es für einen Therapeuten zu verführerisch, den Patienten in etwas sehr Dramatisches zu drängen, um sein sogenanntes Fachkönnen zu beweisen.

 

Also müssen wir wissen, auf welcher Linie oder Ebene der Patient gerade funktioniert, sodass wir ihm und uns zur Konzentration verhelfen. Das verhindert eine Vermischung von Ebenen, die auch richtige Verknüpfung verhindert. Wir sehen das bei Patienten, die während einer einzigen Sitzung wahllos von einem Feeling und Thema zum anderen wandern. Beinahe immer bedeutet das Herumwandern des Patienten zwischen vielen Themen/Problemen, dass eine Vermischung großen Schmerzes zugrunde liegt, der ihn von einem Ort zum anderen treibt. Überflüssig zu sagen, dass dies der Patient ist, der oft aus demselben Grund an Aufmerksamkeitsmangel leidet: eine Primärkraft, die zu stark ist und Konzentration verhindert.

 

Feelings müssen auf allen Ebenen gefühlt werden, aber in geordneter Reihenfolge und nicht alle zugleich. Der Therapeut muss den Patient in die Spur bringen, sodass sich das natürliche Gefühl entfalten kann im Einklang mit der natürlichen Resonanz, welche die Gefühlsebenen neurologisch miteinander verbindet. Ist der Patient erst auf der richtigen Spur, nimmt die Resonanz ihren Lauf, führt den Patienten mit der Zeit auf natürliche Weise tiefer und zu weiter enfernten Orten. Bei Abreaktion führt der Therapeut den Patient in die falsche Richtung und erzeugt damit alle möglichen schlechten Ergebnisse.

 

Der Grundgedanke ist, in der Gefühlszone zu bleiben, in der einzigen Zone, in der Verknüpfung stattfinden kann. Außerhalb der Primärzone ist keine Integration möglich. Deshalb hilft es dem Therapeuten, wenn er wenigstens ein Mindestmaß an Gehirnwissen zur Verfügung hat. Zum Beispiel wissen wir bei einigen Fällen, dass der Gebrauch von Tranquilizern helfen kann, den Patient eine Zeil lang in die Zone zu bringen. Die sollen nicht an Stelle der Therapie treten sondern diese unterstützen.

 

Warum befasst nman sich mit dem falschen Feeling? Wenn zum Beispiel eine Therapeutin eigene ungelöste Gefühle hat, wird sie dazu tendieren, den Patienten dahin zu lenken, wohin sie selbst gehen muss. Oder was noch schlimmer ist, sie wird Gefühle des Patienten vermeiden, für die sie nicht bereit ist. Zum Beispiel Wut. Wenn die Therapeutin Angst vor Feindseligkeit hat, wird sie diese beim Patient unterdrücken. Sie lässt den Patient da nicht ran, und das Feeling bleibt ungelöst. Wenn die Therapeutin keine Kritik vertragen kann, wird sie jedem Vorwurf ausweichen und versuchen, jeden Fehler dem Patient anzulasten anstatt sich selbst. Das ist das bei Therapeuten am weitesten verbreitete Problem. Vor allem wollen wir vermeiden, den Patienten unter Vernachlässigung des Fühlens auf seinen Gedanken-Kortex zu beschränken. Mit anderen Worten wollen wir genau die vorherrschende Therapiemethode in der gegenwärtigen Psychotherapie vermeiden, nämlich die kognitive Verhaltenstherapie. Die Kognitivisten glauben wirklich, es sei alle in deinem Kopf, dass die Änderung von Gedanken Verhalten ändern kann. Für mich bedeuten Gedanken etwas "Entkörperlichtes." Wenn ein Therapeut in der Gedankenwelt lebt, dann gibt es da nicht viel Gefühl. Ein Grund ist, dass ihnen Gefühle zweitrangig scheinen. Gedanken, so sagen sie übereinstimmend, sind von herausragender Bedeutung und haben Wert.

 

Im Gegensatz dazu bedeutet ein volles Gefühlserlebnis im Sinn der Primärtherapie, dass wir nicht auf die neokortikale Ebene beschränkt sind, wo Gedanken und Intellekt zuhause sind. Worauf wir aus sind, ist die Verlinkung der primitiven tieferen Gehirnebenen mit höheren Ebenen, sodass eine richtige Verknüpfung zustandekommt. Das bedeutet, dass das historische Bedürfnis/Feeling/Schmerz mit jeder Faser unseres Seins voll erlebt worden ist.

 

Und wie wissen wir, dass reales Fühlen stattgefunden hat? Wir können es physiologisch verifizieren. Vor und nach jeder Sitzung messen wir systematisch die Vitalfunktionen jedes Patienten. In einem realen Primal erwarten wir, dass sich die Messwerte ziemlich zusammen bewegen - nach oben am Anfang und zurück nach unten zum Ende einer Sitzung. Über die Monate kommt es zu einer ständigen Normalisierung der Vitalwerte, sodass Blutdruck, Herzschlag und Körpertemperatur nach einigen Monaten Therapie auf den Normalbereich zurückgesetzt werden. Mit der Zeit sinken auch die Kortisol-Spiegel signifikant ab und die natürlichen Killerzellen nehmen zu. (Siehe zur weiteren Erörterung mein Buch "Primal Healing"). Messbare metabole Änderungen beinhalten auch ein permanentes Absinken der Körpertemperatur um ein Grad (Fahrenheit). Da die Körpertemperatur ein Schlüsselfaktor für unsere Lebensdauer und die Arbeit unseres Körpers ist, ist sie ein wichtiger Index. Zusätzlich fanden wir in unserer Forschung heraus, dass nach einem Jahr unserer Therapie systematische Änderungen in der Gehirnfunktion stattfanden in Richtung eines harmonischeren zerebralen Systems. Das alles bedeutet, dass wir an den Schmerz gelangen und Verdrängung ungeschehen machen.

 

Bei Abreaktion ist das nicht der Fall. Beim Fühlen ohne Zusammenhang, das eine Abreaktion ist, gibt es nie diese Art organisierter, koordinierter Bewegung von Vitalfunktionen. Stattdessen wird eine Zufallsentladung der Gefühls-/Schmerzenergie eine sporadische, unorganisierte Bewegung der Vitalwerte erzeugen. Es ist keine Harmonie im System. Wenn also die Vitalwerte keine Integration widerspiegeln, lönnen wir sicher sein, dass keine Verknüpfung zustande gekommen ist. Diese Messungen legen nahe, dass zwischen "denken," wir fühlen und tatsächlich ein wirkliches Gefühl haben neurologische Welten liegen.

 

Bei Abreaktion fehlt per Definition die Verknüpfung, welche die sine qua non der Primärtherapie ist. Ohne Verknüpfung gibt es keine Heilung. Also ist sie eindeutig von entscheidender Bedeutung. Ohne Verknüpfung, die das Feeling festigt, gibt es keinen Fortschritt. Was also ist Verknüpfung eigentlich? Es bedeutet, dass die Patientin, während sie fühlt und wiedererlebt, sich mit dem Schmerz/mit der Angst/mit dem Terror verbindet. Stück für Stück stellt sie beim Wiedererleben und Fühlen eine Verbindung her zu einer Sache, die vielleicht jahrelang vergraben war. Verknüpfung bedeutet, etwas im Zusammenhang zu fühlen und jede Ebene oder jeden Aspekt des Feelings einzubeziehen, bis der Patient da angelangt, wo alles anfing. Dorthin müssen Patienten letztlich gehen. Zufälliges Schreien oder Weinen bringt dich da nicht hin. Auf jeder Ebene muss sich das Gefühl mit seinem Kontext verbinden, der sich ändert, wenn wir die Schmerzkette hinabsteigen. Jede Gehirnebene steuert ihre Spezialität bei: Gedanken, Gefühle oder Instinkte.

 

Andererseits ist Abreaktion einfach eine Freisetzung der Gefühlsenergie ohne Bedeutung und Zusammenhang. Es besteht eine große Kluft zwischen Wiedererleben und Erleichterung, und das ist der Fehler, den sogenannte Möchtegern-Therapeuten die ganze Zeit machen. Den Fehler macht man leicht, weil Abreaktion wie Fühlen aussieht, es aber nicht ist. Es sollte festgehalten werden, dass der Patient nicht absichtlich ein Feeling vortäuscht. Abreaktion kann ein reales Feeling sein, aber es ist außerhalb der Sequenz und deshalb nicht heilsam, weil es keine richtige Verknüpfung über alle drei Ebenen auf natürliche geordnete Weise zulässt. Der Patient wird in das Nebengefühl gedrängt, weil der Schmerz des Hauptgefühls zu groß ist. Dieses schwere schmerzvolle Gefühl macht in der Therapie, was es auch im Alltagsleben macht; es hält uns von Konzentration ab. Es drängt uns vom zentralen Gefühl ab. Somit geht  Abreaktion durch die Bewegungen des Fühlens ohne dessen Tiefe und Geschichte. Und sie erfordert, dass der Mensch das Nebengefühl immer wieder durchmacht - relieving not reliving - Erleichterung anstatt Wiedererleben.

 

Also noch einmal: Verknüpfung bedeutet Freisetzung von Gefühlen im Zusammenhang. Es gibt Leute, die schreien und winden sich und weinen ohne Zusammenhang, wie bei einer Übung. Sie ändern sich nicht tiefgreifend, aber wenn ein Patient mit der Zeit langsam auf tiefe Ebenen hinabsteigt und auf Stimuli und Ereignisse auf dieser Ebene mit den neurologischen Fähigkeiten dieser Ära reagiert, dann ergibt sich ein Fortschritt.

 

Ziel unserer Therapie ist, Erinnerung wiederzufinden, nicht nur die Szene oder den Ort sondern auch die Gefühle, die zu ihnen gehören; das heißt, das, was verdrängt und gespeichert worden ist, den Schmerz und Schrecken. Wenn wir ein Primal haben, gelangen wir physiologisch tief nach unten zu einem Teil unserer Geschichte, der über Jahrzehnte abgetrennt worden ist und seine Geheimnisse nicht leicht preisgibt. Manchmal ist der Patient für das Erlebnis nicht bereit und so bleibt es ein Geheimnis, bis die Zeit reif ist. Wenn Patienten schließlich diese Feelings in ihrer Gesamtheit inklusive physiologischer Aspekte erleben, werden sie integriert. Der neurologische Spalt wird geheilt und der Mensch befindet sich nicht mehr im Krieg mit sich selbst. Jetzt können wir den Begriff "holistisch" verwenden. Der Patient ist ganz geworden in jedem Sinne des Wortes. Seine Gefühle sind jetzt in sein Bewusstsein und in seine Neurophysiologie integriert.

 

 

Bewusstheit versus Bewusstsein

 

Das Leitmotiv jeder intellektuellen Therapie ist, dass Bewusstheit uns hilft, Fortschritte zu machen. Ich räume ein, dass Bewusstheit hilft; aber voll bewusst sein heilt. Solange wir in der Psychotherapie nicht in der Lage sind, volles Bewusstsein zu erlangen, können wir höchstens auf der Stelle treten, der Illusion von Fortschritt ohne dessen Essenz nachhängen.  Wenn es in der Psychotherapie um die Messung von Fortschritt geht, ist es wichtig, ob man das Gesamtsystem misst oder nur Aspekte der Gehirnfunktion. Bewusstheit entspricht letzterem. Sie hat ihren konkreten Platz im Gehirn.

 

Die Psychotherapie stand zu lange in der Pflicht der Bewusstheit. Seit den Tagen Freuds haben wir Einsichten vergöttert. Wir sind so gewohnt, an den allmächtigen Frontalkortex zu appellieren, an die Struktur, die uns zu den fortgeschrittenen Menschen gemacht hat, die wir sind, dass wir unsere wertvollen Vorfahren, ihre Instinkte und und Gefühle vergessen haben. Wenn sich also der Patient in einer konventionellen Gesprächstherapie-Sitzung unwohl fühlt, nehmen Therapeuten typischerweise die Position an, dass "wir mehr Einsichten brauchen; dem Patient fehlt es an Bewusstheit." Aber was auf tiefen Ebenen der Gehirnfunktion liegt, ist der Gedankenwelt, wo die Einsichten liegen, unergründlich. Deshalb können wir ängstlich sein und Bewusstheit haben aber nicht ängstlich sein und zugleich voll bewusst. Volles Bewusstsein ist das Ende der Angst.

 

Volles Bewusstsein bedeutet Verknüpfung mit dem, was uns antreibt - unsere abgetrennten Gefühle. Bewusstheit dagegen bedeutet, sich nur mit der letzten neuronalen Entwicklung zu befassen: mit dem präfrontalen Kortex. Es ist der Unterschied zwischen der Abtrennung der obersten zerebralen Ebene und dem Zusammenfluß aller drei Ebenen, der volles Bewusstsein bedeutet. Wenn wir einmal voll bewusst sind, haben wir Worte, um unsere Gefühle zu erklären, aber Worte löschen sie nicht aus; sie erklären und verdeutlichen. Wir werden tief verletzt, lange bevor Worte in unseren Gehirnen in Erscheinung treten. Worte sind weder das Problem noch die Lösung. Sie sind der letzte evolutionäre Schritt in der Verarbeitung des Gefühls oder der Empfindung. Sie sind die Begleiter der Gefühle.

 

Wir brauchen eine Therapie des vollen Bewusstseins, nicht der Bewusstheit. Wenn wir glauben, dass wir ein `"Es" haben, das in uns schmort, dann gibt es keine geeignete Behandlung, weil die Ursache ein Gespenst ist -  ein Phantom, das  nicht existiert. Oder schlimmer noch - sie ist eine genetische Kraft, die unveränderlich ist und deshalb nicht behandelt werden kann. In jedem Fall sind wir die Verlierer. Es gibt keine Ohnmacht wie die des Unbewusstseins; in einer Zwickmühle zu stecken und nicht wissen, was man mit diesem oder jenem machen soll, mit sexuellen Problemen, mit hohem Blutdruck, Depression und Wutausbrüchen. Alles scheint ein großes Geheimnis zu sein. Dem Mensch, der Bewusstheit sucht, muss man alles sagen. Er hört zu, gehorcht - und leidet. Bewusstheit macht uns nicht empfindsam, mitfühlend oder liebevoll. Sie macht uns bewusst, warum wir es nicht sein können. Es ist, als sei man sich eines Virus bewusst. Es ist gut zu wissen, was das Problem ist,  aber nichts ändert sich. Das Beste, was Bewusstheit tun kann, ist, Gedanken zu erzeugen, die Bedürfnis und Schmerz verleugnen.

 

Bewusstheit heilt nicht; Bewusstsein dagegen heilt. Wahres volles Bewusstsein bedeutet Gefühle und deshalb Menschlichkeit. Dem voll bewussten Menschen muss man nichts über seine geheimen Motivationen sagen. Er fühlt sie, und sie sind kein Geheimnis mehr. Volles Bewusstsein bedeutet denken, was wir fühlen, und fühlen, was wir denken; das Ende einer gespaltenen, heuchlerischen Existenz. Bewusstheit kann das nicht leisten, weil sich Bewusstheit mit jeder neuen Situation ändern muss. Deshalb ist konventionelle kognitive Einsichtstherapie so kompliziert. Sie muss jeder Kehrtwendung auf der Straße folgen. Sie muss das Verlangen nach Drogen bekämpfen und dann die Unfähigkeit, einen Job zu behalten, und dann versuchen zu verstehen, warum Beziehungen auseinanderfallen. Das erklärt auch, warum konventionelle Therapie so lange dauert; jeden Weg muss man unabhängig durchwandern.

 

Volles Bewusstsein dagegen ist global; es entspricht allen Situationen, umfasst alle diese Probleme zugleich. Die wahr Macht des vollen Bewusstseins liegt darin, ein bewusstes Leben zu führen mit allem, was dies bedeutet; nicht unkontrolliertem Verhalten ausgeliefert sein, sich konzentrieren und lernen zu können, stillsitzen und entspannen können, Entscheidungen treffen, die gesund sind, Partner zu wählen, die gesund sind, und vor allem liebesfähig zu sein.

 

Eine Therapie der Bewusstheit gegen eine Therapie des vollen Bewusstseins macht einen wichtigen Unterschied hinsichtlich der globalen Auswirkung. In der Wissenschaft sind wir auf das Universelle aus, sodass wir unser Wissen auf andere Patienten anwenden können. Eine Bedürfnis-Therapie lässt sich auf viele Individuen anwenden, weil wir alle ähnliche Bedürfnisse haben. Eine Gedanken-Therapie kann man in der Regel nur auf  einen besonderen Patienten anwenden. Wenn wir versuchen, den Patienten von anderen Gedanken zu überzeugen (z.B. "die Leute machen es wirklich genau so wie du"), schaffen wir keine universellen Gesetze. Es ist alles idiosynkratisch. Aber wenn wir uns mit den darunter liegenden Gefühlen befassen, können wir Thesen schaffen, die allgemein zutreffen: zum Beispiel, dass freigesetzter Schmerz paranoide Gedanken oder Zwänge erzeugen kann. Oder dass der frontale Kortex einfache Bedürfnisse und Feelings in komplexe Unwirklichkeiten wandeln kann, sie in ihr Gegenteil verkehren kann.

 

Ohne intakten präfrontalen Kortex kann man keine Bewusstheit haben. Im Gegensatz dazu hat volles Bewusstsein keinen konkreten Platz. So banal es scheint, reflektiert volles Bewusstsein unser Gesamtsystem - das gesamte Gehirn, wie es mit dem Körper interagiert.

 

Wenn in einer Sitzung Bewusstheit ohne Verknüpfung auftritt, nennen wir das Abreaktion. Um es noch einmal zu sagen, die Vitalwerte steigen und fallen sporadisch, und zwar selten unter die Ausgangswerte. Allein auf der dritten kognitiven Ebene können wir keine Fortschritte machen. Wir können Bewusstheit erlangen, warum wir so oder so handeln, aber biologisch ändert sich nichts; es ist, als sei man sich eines Virus bewusst und erwarte, dass die Bewusstheit allein ihn tötet. Unsere Biologie fehlt in der therapeutischen Gleichung. Wir können keine fühlenden empathischen Menschen vom obersten Ende des Gehirns aus erzeugen. Irgendwie bekamen Gefühle den Beinamen "schlecht, außer Kontrolle, negativ, dem Denken entgegengesetzt, unreflektiert und impulsiv." Das alles trifft auf unterdrückte Feelings zu, die sich ohne Warnung in unser tägliches Leben injizieren und uns irrational handeln lassen. Es trifft nicht zu, wenn diese Gefühle Teil eines fühlenden Menschen sind, der seine Gefühle lebt und nicht abreagiert

 

Wie gute Primärtherapie funktionieren sollte

 

Schauen wir uns jetzt an, wie eine Primärtherapie-Sitzung funktionieren sollte.

 

Ein Patient kommt in diese Sitzung, ist ängstlich und weiß nicht warum. "Wonach fühlt es sich an?" fragen wir. Er weiß es nicht. Er ist ganz aufgeregt und "schreckhaft" und kann nicht still sitzen. Und hier unternehmen wir keine Anstrengung, ihn in ein Feeling zu bringen. Wir verbringen viel Zeit damit, das Gefühl einfach zu verstehen; wann es schlimmer ist, wie es die Arbeit und den Schlaf beeinflusst, etc.Wie es sich anfühlt. Er weint ein bisschen und wir lassen es geschehen; er ist überreizt. Wir betten die gegenwärtigen Gefühle fest ein, bevor wir in der Zeit zurückreisen und tiefer ins Gehirn gehen. Die Gegenwart wird zur Plattform, von der aus wir arbeiten. Wir wollen so viel wir können in die Gegenwart aufnehmen und das Gefühl in die Gegenwart eingliedern. Kein direktes Zurückgehen, wenn der Patient uns nicht dorthin führt. Aber wir wollen mit dem Feeling leichte Schritte machen und zur späteren Kindheit zurückgehen und das Feeling auf jeder Stufe tiefer ansiedeln. Der Patient beginnt, tiefer zu fühlen; das kann viele Monate so weiter gehen und dann, nach einem Jahr oder länger bringen ihn die Gefühle hinab auf die erste Linie, falls es eine traumatische erste Linie gibt und falls die Gefühle sehr verstörend sind. Es ist nicht immer notwendig. Dann wechselt der Patient vielleicht beim Wiedererleben zwischen Ereignissen der ersten und zweiten Linie/Ebene, die mit der Zeit tiefer und stärker werden. Wir halten das Tempo gleichmäßig und nicht zu überwältigend; andernfalls bekommen wir Abreaktion aufgrund von Überlastung. Es ist ein geordneter Prozess, soweit das möglich ist. Wir helfen ihm, dass er in der Spur bleibt, wenn er vom Anfangsgefühl abweicht, so dass er nicht in eine neue Gefühlsrille gerät. Das ist unser Fachkönnen - zu wissen, wann und wie der Patient in der Spur zu halten ist. Die ganze Zeit über folgen wir der Evolution in umgekehrter Richtung.

 

Bedenke, dass jede Bewusstseinsebene eine Ganzheit für sich selbst ist. Wenn jemand etwas Emotionales wiedererlebt und dann mit Geburtsbewegungen anfängt, bedeutet das für uns, dass Intrusion von einer anderen Ebene im Gange ist; vielleicht ist es eine Abwehr gegen zu starke Emotionen. Und wenn natürlich Worte aussickern, wissen wir, dass wir nicht mit einer präverbalen Einprägung arbeiten, ein weiteres Zeichen für Abreaktion.  Genauso wissen wir, wenn eine Patientin ihre Füße und Arme während eines Primals der ersten Linie nicht in einer bestimmten Position hat, dass es Abreaktion ist. Abwehrmechanismen sind verzwickt, und wir brauchen langes Training, um sie korrekt zu erkennen. In der Primärtherapie bieten wir die nötige Sicherheit, um Schmerz nicht zu blockieren. Da jede höhere Gehirnebene dieselbe Empfindung/dasselbe Gefühl/Bedürfnis verschieden ausarbeitet, können wir von der obersten Ebene hinabreisen und gelangen schließlich auf den Grund - zu den Ursprüngen. Sind wir dort unten angelangt, bewegt sich das System von sich aus automatisch aufwärts in Richtung Verknüpfung, wobei es den Pfaden der Evolution folgt. Das heißt, wir reisen dann wieder zurück nach oben zum rechten orbitofrontalen Kortex, um die Augenhöhlen herum, und dann zum linken präfrontalen Kortex zur endgültigen Verknüpfung.

 

Wie gehen wir in der Zeit zurück? Gute Frage, und die Antwort ist einfach. Wir beschließen nicht willkürlich, zurückzugehen und unseren Lebensanfang aufzusuchen; das ist ein Rezept für Abreaktion. Wir können den Kortex der höheren Ebene nicht einschalten; wir müssen uns von ihm freimachen, uns den Gefühlen überlassen. Und das ist unsere wissenschaftliche Mission: für den Zugang zu Gefühlen zu sorgen und den gesamten Organismus  in geordnetem langsamen Abstieg ins tiefe Unbewusste vordringen zu lassen. So seltsam es scheint - Feelings sind das Vehikel, das uns dorthin bringt, wohin wir gehen müssen. Tiefes Fühlen hat wenig Beschränkung und fließt mühelos. Es gibt kein Versuchen, ein tiefes Feeling zu haben; es fließt und rieselt wie das berühmte Salz.

 

Ich sage es noch einmal: Es ist nicht Aufgabe des Therapeuten zu beschließen, was der Patient fühlen sollte. Unser System hat einen biologischen Sensor, der nicht nur weiß, wohin wir in der Vergangenheit gehen müssen, sondern auch wie weit und vor allem wann. Wenn die Körpertemperatur in der Therapie einen Tiefpunkt von 96 Grad (Fahrenheit) erreicht,  bedeutet das oft, dass eine Komponente der ersten Linie im Spiel ist. Der Patient ist mit dem Hirnstamm-Anteil des Feelings in Berührung gekommen, und deshalb fällt die Temperatur außergewöhnlich. Und so fühlt sich der Patient deprimiert, und seine Vitalwerte zeigen an, dass er der Ursprungs-Einprägung nahe ist. Andernfalls bekämen wir früh in der Therapie keine so niedrigen Messwerte. Diese physiologische Reaktion liefert uns einen Hinweis über die Anfänge der Depression. Eine  Bedrohung auf Leben und Tod während der Zeit im Mutterleib zwang das System zu einer letzten Verteidigung, um Energie zu sparen. Alle Systeme verlangsamten sich und gingen in den Energiesparmodus. Noch schlimmer ist, dass dieser Modus eingeprägt wird. Dann sind wir ein Leben lang deprimiert und haben keine Ahnung warum. Um Depression zu beenden - beachten Sie, ich habe nicht gesagt "um Depression zu behandeln" - müssen wir uns voll und ganz mit diesen Ursprüngen befassen. Das bedeutet, einen weiten Weg zurückzugehen. In unserer Therapie haben wir Patienten, die weit zurückliegende tiefe Schmerzen wiedererleben, solche ohne Worte und ohne Tränen, und wir sehen das seit Jahrzehnten.

 

In der Primärtherapie  suchen wir den Zugang zu jenen tiefen Schlupfwinkeln des Gehirn, wo letztendlich die Heilung liegt. Die erste Linie ist immer mächtiger als andere Einprägungen; und somit sind die Einsichten, die Feelings der ersten Linie entspringen, weit umfassend, weil sie die Basis für so viele spätere Verhaltensweisen sind. Bei diesen Einsichten gibt es weniger Worte, was den präverbalen Schmerzen entspricht, die diese Einsichten entstehen lassen. Aber sie haben Gewicht und Bedeutung. Wiedererleben auf der Hirnstamm-Ebene bedeutet vollständige Verknüpfung, weil die Triebkraft von Impulsen endlich erlebt wird. Wir stellen kurz gesagt auf der Ebene des Traumas eine Verbindung her und nur in diesem Zusammenhang. Hier haben wir es mit dem Haifisch-Hirn zu tun: kein Schreien, keine Worte und keine Tränen. Die Evolution hat die Regie übernommen. Es bedeutet, dass der Patient in der Zeit zurückgegangen ist und wieder erlebt, was vor Jahrzehnten vor sich ging. Damals war es für ein naives und zerbrechliches Gehirn zu überwältigend, sodass es nicht integriert werden konnte. Jetzt ist der Patient vielleicht dafür bereit. Das ist die wahre Bedeutung von "sich mit sich selbst konfrontieren" und "sich selbst akzeptieren." Nicht im "Booga-Booga"- New Age-Sinn, sondern in der biologisch-evolutionären Bedeutung, wo das Feeling jetzt in das physische System integriert worden ist. Es ist "ich-syntonisch". (Entschuldigen Sie, dass ich den alten Dr. Freud benutze, denn dieser sein Beitrag drückt genau aus, was ich sagen will.) Im weiteren Verlauf des Wiedererlebens wird das Feeling voll integriert und die Werte der Vitalfunktionen sinken kontinuierlich und enden unter den Ausgangswerten. Die Körpertemperatur fällt auf "real normal" anstatt auf "durchschnittsnormal". In diesem Sinn ist "Integration" ein neuer biologischer Zustand, in dem sich das Gesamtsystem neu einstellen kann. Der Blutdruck sinkt und der Herzschlag verlangsamt sich.

 

Aber ein Wort der Warnung: Vitalwerte sind ein Symptom und nicht das Problem. Das Problem allein zu behandeln ist ein Fehler, der die Dinge verschlimmern kann. Wenn somit Ärzte jemanden mit sehr niedrigen Vitalwerten sehen, sehen sie sich nach einer guten Diagnose um. Sie arbeiten zum Beispiel am Blutdruck des Patienten im medizinischen Bemühen, ihn zu normalisiern, ohne zu verstehen, dass sich der Patient bereits in seinem normalen lebensrettenden Modus befindet. In der Primärtherapie tun wir nichts, um uns direkt mit den Vitalfunktionen zu befassen. Wir arbeiten daran, das gesamte neurobiologische System zu ändern, indem wir uns mit dem verdrängten Schmerz befassen, den die Vitalwerte nur widerspiegeln. Der Unterschied liegt zwischen einer temporären Anstrengung, die bis in alle Ewigkeit wiederholt werden muss, und einer grundlegenden biologischen Änderung, die von Dauer ist.

 

Die erste wissenschaftliche Psychotherapie

 

Die Aufgabe, das gesamte System eines Patienten zu normalisieren, ist ein kompliziertes Vorhaben, weil nicht alle Nervensysteme gleich geschaffen sind. Im Fall des Parasympathen - diese Niedrigenergie-Typen, die aufgrund umformender Ereignisse im Mutterleib und bei der Geburt vorherrschend vom parasympathischen Nervensystem kontrolliert werden - verlangsamt sich die Reaktivität. Sie bleiben ihr ganzes Leben lang passiv und lethargisch, stecken andauernd fest im Energiespar-Modus. Dieser Operationsmodus wird eingestanzt, eingeprägt als lebensrettende Maßnahme. Diese Einprägung ist eine Erinnerung, was das Gesamtsystem unter Bedrohung getan hat, um zum Beispiel Sauerstoff zu sparen, Energie zu binden und den Stoffwechsel zu verlangsamen, um die schädlichen Auswirkungen einer Mutter zu bekämpfen, die Drogen nahm, trank, oder von hundert anderen Arten von Missbrauch. Diese Prägung unterscheidet sich vom aufgedrehten Sympathen, der vom sympathischen Nervensystem dominiert wird, vom wachsamen, aggressiven, lebensrettenden Kampf- (um herauszukommen)- und Fluchtsystem. Bei einem Patienten, der ein Sympath ist, beginnt eine typische Sitzung mit höheren Vitalwerten und tendiert zu niedrigeren Werten, wenn im weiteren Verlauf der Therapie Gefühle erlebt und verknüpft werden. Das ist nicht der Fall beim Parasympathen, dessen Körpertemperatur oft in die 96 Grad-Zone (Fahrenheit) absinkt und über die Monate beständig nach oben klettert. Das ist das Schlüssel-Unterscheidungs-Merkmal für Personen mit unterschiedlicher Art von Nervensystem-Dominanz. Und es ist das Kennzeichen für Fortschritt in der Primärtherapie. Jedes Nervensystem tendiert in unserer Therapie dazu, sich in Richtung Normalisierung zu bewegen; der Parasympath neigt zu höheren Werten, wohingegen der Sympath zu niedrigeren Werten tendiert. Genau das erwarten wir im Verlauf der Zeit bei unseren Patienten. Wir können unsere Biologie nicht täuschen. Wenn wir versuchen, unsere Natur auszutricksen,bringen wir den Patient in Gefahr.

 

Das parasympathische System als Energiebewahrer ist beim Fühlen dominant. Wir können beim Sport sehen, wie sich diese Dynamik abspielt,besonders am Ende von Spielen, wenn Athleten oft Emotionen zeigen. Es passiert vielen Tennisspielern, Gewinnern oder Verlierern, nach langen zermürbenden Spielen. Einige brechen einfach auf dem Platz in Tränen aus. In  einem berühmten Fall war Roger Federer im Jahr 2009 durch die Niederlage, die einem hart umkämpften, über 4 Stunden dauernden Wettkampf folgte, so am Boden zerstört, dass er in einer Pressekoferenz kaum sprechen konnte. Er weinte so heftig und so lange, dass Beobachter beim Australian Open erschracken und sich unwohl fühlten. Mit einer "Tränenflut," die über sein Gesicht hinabströmte, wie ein Journalist es beschrieb, konnte der besiegte Champion nichts sagen außer "Es bringt mich um." Was geschieht, ist, dass Athleten sich auf den Kampf vorbereiten und während des Spiels eine intensive (sympathetische) Kampfhaltung aufrecht halten. Wenn es vorbei ist, lässt die Aktivierung nach, und sie können fühlen, so dass Emotionen sie überwältigen. Das neurologische Pendel ist zur parasympathischen Seite geschwungen.

 

Die Bedeutung der Sympathikus-/Parasympathikus-Dominanz liegt darin, dass sie uns eine biologische Basis zur Verfügung stellt, um die Persönlichkeitsentwicklung zu verstehen. Endlich können wir Abstraktion und Metapher hinter uns lassen und die Launen der Spekulation durch die Präzision nachweisbarer Prozesse ersetzen. Wir müssen nicht vom "Willen zur Macht" oder vom "Willen zur Bedeutung" oder von der "transzendenten Funktion" reden. Stattdessen können wir über die präzise Art und Weise reden, wie das Gehirn und Nervensystem auf konkrete Ereignisse reagiert und wie diese Reaktionen zur physiologischen Basis für die Ausarbeitung der Persönlichkeit werden. Die Genauigkeit der Theorie und Therapie führt zu einem genauen Wissen dessen, was in Sitzungen geschieht; wir haben einen besseren Anhaltspunkt, was schiefgehen könnte. Wenn die Theorie unpräzise ist, sind es auch die Maßnahmen, die in der Therapie getroffen werden. Deshalb nenne ich Primärtherapie die erste wissenschaftliche Therapie. Wir müssen uns nicht auf Patientenberichte verlassen, um herauszufinden, ob es Fortschritte gibt; es gibt viele neurologische und biologische Werkzeuge, die uns informieren können.

 

Wenn zum Beispiel der Sympath die erste Linie wiedererlebt, sehen wir hohe Messwerte der Vitalfunktionen und beschleunigte Hirnwellen -Frequenz als auch höhere Wellen-Amplituden. Wenn wir tiefer hinabsteigen, finden wir das limbische System in Aktion und dann - noch weiter unten - den Hirnstamm und seine Kohorten. Wir erkennen das Wirken der Evolution auch daran, welches Nervensystem gerade dominiert. Beim Weinen ist es wahrscheinlich das limbische System und nicht der Hirnstamm. Wenn geächzt wird und keine Tränen fließen, sehen wir ein Nervensystem bei der Arbeit, das der limbischen Evolution vorausgeht. Wir können das Gehirn nicht täuschen, weil es uns auf seine eigene unbeschreibliche Art mitteilt, womit wir es zu tun haben.

 

Wir haben herausgefunden, dass sehr frühe Ereignisse im Leben die Einstellungen unseres Nervensystems bestimmen. Was die zwei Schlüssel-Nervensystem - beide unter der Schirmherrschaft des Hypothalamus - beeinflusst, ist die Art biologischer und neurologischer Reaktion, die uns und unseren Nervensystemen unter spezifischen Bedrohungen sehr früh im Leben während Schwangerschaft und Geburt aufgezwungen wird. Es gibt das Kampf-und-Erfolg-Syndrom (der Sympath) und das Kampf-und-Scheitern-Syndrom (der Parasympath). Letzterer gibt leicht auf und wittert Misserfolg. Nicht so der Sympath, der es immer wieder versucht und nicht aufgibt. Und wenn ein neuer Patient ums Fühlen kämpft, auch wenn er noch nicht so weit ist, haben wir grundsätzlich einen Sympathen vor uns. Der Parasympath kommt herein und ist lustlos, herunterreguliert, ausgelaugt, unmotiviert und deprimiert. In nichts sieht er einen Sinn. Hier braucht der Therapeut alle seine Fähigkeiten, um der Herausforderung zu begegnen. Sollte der Patient ermutigt werden? Diese Fragen greifen wir ständig in unseren Personal-Meetings auf. Oft bringen wir den Patienten mit und fragen ihn, was funktioniert. Manchmal weiß er es und manchmal nicht. Bei Langzeit-Patienten kommt es vor, dass ich sie frage, ob ich einen Fehler gemacht habe und welcher das war. Ich bekomme gute Antworten und lerne daraus.

 

Ein Schlüsselproblem in der Therapie entsteht, wenn der Doktor versucht, dem Patienten ein Nervensystem aufzuzwingen, das nicht seines ist. Zum Beispiel kann der Therapeut versuchen, den Patient dazu zu bewegen, dass er aggressiver mit seinem Chef umgeht, wenngleich sein ganzes System, das ihm beim Überleben geholfen hat, sich im Energie sparenden, passiven, unaggressiven Modus befindet. Das ist, als würde man beschließen, dass jemand Rechtshänder sein soll, und ihn zwingen, seine linke Hand nicht zu benutzen. Wir bringen (vom Hypothalamus geführte) Nervensysteme durcheinander, was später schreckliche Resultate zur Folge hat wie Stottern und Lesen und Schreiben kreuz und quer. In der Therapie entsteht eine vergleichbare Situation durch Abreaktion: Das falsche Nervensystem wird zur Aktion gezwungen.

 

 

Wir sind Spezialisten für Freude, nicht für Schmerz

 

Primärtherapie ist keine Schnellreparatur. Wir bemühen uns, das gesamte Leben eines Menschen in Ordnung zu bringen und wiederherzustellen. Das geschieht auf langsame methodische Weise, um den Patienten nie zu überwältigen und ihn nicht noch einmal leiden zu lassen, wie es bei Abreaktion geschieht. Wenn er gerade genug erleben kann, um ein volles Erlebnis zu haben, dann reicht das für eine Sitzung. Wir wollen nicht, dass er mehr leidet als nötig. Er leidet, wenn der Schmerz mutwillig  und vorzeitig hochkommt, sodass er ihn nicht integrieren kann. Der Schmerz hängt da auf ego-dystonische Art (wieder Freud), und man ist entfremdet und abseits mit reinem Schmerz, der nicht ego-syntonisch gemacht oder integriert werden kann.

 

Warum also müssen wir unsere Evolution zurückverfolgen? Ein Grund ist, dass wir in unserer Evolution nie etwas dauerhaft sehen; wir unterdrücken das Alte und fügen das Neue hinzu. Manchmal ist das Überbleibsel des Primärschmerzes so mächtig, dass es eine ständige Kraft ausübt, die unser Funktionieren stört. In meinem Fachjargon bricht die erste Ebene aus und flutet nach oben. Dann muss man sich mit ihr befassen und sie wiedererleben. Ich nenne es "Intrusion," eine Einprägung, die so stark ist, dass sie unserer Persönlichkeitsentwicklung und unserem Funktionieren in der Gegenwart in die Quere kommt. Wir sehen das an körperlichen Symptomen und Deformation von Organen und Wachstum; wir sehen das an Krankheiten wie Bluthochdruck, Krebs und Herzversagen, die in Wirklichkeit Ableger der zentralen schädlichen Erinnerung sind, eingeschlossen als Prägung, die außer Reich- und Berührungsweite ist. Das ist auch bei der Aufmerksamkeitsmangel-Störung der Fall, bei der starke Einprägungen ständig auf die oberste Ebene hochbranden und Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprozesse stören. Erinnere dich, an früherer Stelle habe ich erklärt, dass die Evolution die Einprägung immer weiter nach oben befördert, sodass Schaden der ersten Linie auf den oberen Ebenen der Gehirnfunktion ausgedrückt werden kann, wo Aufmerksamkeit und Konzentration aufgebracht werden. Jemand auf Konzentration zu trainieren ist nicht die Antwort; die Antwort ist, die Kraft zu fühlen, die Gedanken zerstreut.

 

Wenn wir den Deckel der Verdrängung (auf geordnete Weise) anheben, gibt es keine unbewussten Kräfte mehr, die Verhalten und Symptome steuern. Und wenn die Verdrängung nachlässt, enthüllt sich die Wahrheit des Patienten selbst. Stück für Stück sagt ihm sein Unbewusstes, was er wissen muss, aber nicht zu viel, gerade genug, um den Schmerz und seine Information zu integrieren. Sein ordentlicher Abstieg in die Gefühle teilt ihm schließlich mit, was das alles bedeutet. Alles, was er lernen muss, liegt in ihm und wartet auf Entdeckung. Es muss von innen kommen und nie von außen, einfach weil die Gefühle vom System festgeschrieben wurden und nicht durch Verfügung des Präsidenten.

 

Einsichten sind nicht das Ziel; es geht um die Veränderung in allen Aspekten der Person: Ihr Verhalten, ihre Biochemie, Neurologie und ihr Gefühle.Wir sind auf totale Veränderung aus, weil zum Zeitpunkt der Einprägungen totale Veränderung stattgefunden hat. Wir wollen Normalisierung der Gesamtperson. Wir sind nicht da, um Liebe zu geben; paradoxerweise sind wir da, um Patienten dabei zu helfen, dass sie sich ungeliebt fühlen, sodass sie die Fähigkeit zu fühlen zurückgewinnen und dann Liebe fühlen können, wenn sie da ist.

 

Wenn ein Therapeut Liebe braucht, wird er am Patienten ausagieren und ihm geben, was er, der Therapeut, nie bekommen hat. Er ist zu einem "Kumpel" geworden und nicht mehr des Patienten Arzt. Der Patient fühlt sich geliebt, es fühlt sich gut an...und er verliert! Oder es gibt große Diskussionen über Musik und Kunst und Politik, und der Patient wird zum intellektuellen Kumpan....und verliert wieder. Von einem Patienten, der Behandlung braucht, ist er umgeformt worden zu einem guten Freund. Nette Idee aber sehr falsch. Wir sind nicht da, um Liebe zu geben; wir bieten Freundlichkeit und Fürsorge an aber auch Wissen. Wir ersetzen Wissen nicht durch Pseudo-Fürsorge. Wir halten uns an Schlüsselprinzipien. Der Patient beginnt zu leiden; wir greifen nicht ein, um ihn aufzuhalten und ihn besser fühlen zu lassen. Wir tun ihm keine Gefallen, die den Schmerz mit "Liebe" ersticken. In seinen Gefühlen geht es um reales Leiden. Da darf man sich nicht einmischen. Es ist der Teil, den er jahrelang im Verborgenen hielt; dieser Teil muss jetzt raus und erlebt werden. Dann wird der Mensch frei;  frei von dem Schmerz, der ihn so lange deprimiert oder ängstlich machte. Der Patient ist endlich er selbst.

 

Es ist Dialektik; er muss sich ungeliebt fühlen, um die Schleusen des Fühlens zu öffnen. Durch Zustimmung, Wärme und Verständnis des Therapeuten wird er das nie zustande bringen. Er bekommt das nach dem Fühlen, nicht vorher. Wenn er einen Durchbruch geschafft hat, freuen wir uns mit ihm. Es geht nicht nur um Schmerz; es geht um Zufriedenheit, Leichtigkeit und Entspannung. Es geht um Freude. Genau das wollen wir auch für die Leute; warum sonst sollte man die Therapie machen? ich habe an meinem Geburtstag über fünfzig Briefe von Menschen bekommen, die mir und meinen Mitarbeitern dafür dankten, dass wir ihr Leben retteten oder dass es ihnen viel besser ging. Das ist die Belohnung und die Bedeutung unseres Lebens. Wir sind keine Schmerz-Spezialisten; wir sind Spezialisten für Freude, die Schmerz brauchen, um der Freude auf die Sprünge zu helfen.

 

Es gibt einen Grund, warum der Patient sich ungeliebt fühlen muss. Er muss zum offenen sensorischen Fenster zurückgehen, als "ungeliebt" dominierte. Das ist die Essenz unserer Therapie, sich auf die Zeitreise zurück machen und den Ursprungs-Schaden ungeschehen machen. Wir können nichts Besseres tun.

 

_______________________

 

 

 

Übersetzung: Ferdinand Wagner

Artikelauswahl 2015