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Primal Mind

 

 

Dr. Arthur Janov:     Warum haben wir Angst ?   (Teil 1 - 6)            

 12. Dezember 2009 - 16. Januar 2010, Why Are We  Anxious?, www.arthurjanov.com                                                                                   

                                                                                                          

 

(1) Warum haben wir Angst? Woher kommt sie? Wie bringen wir sie zum Verschwinden? Das können wir nicht. Aber ich greife mir selbst vor. Zuerst einmal müssen wir wissen, was Angst ist und wie sie sich anfühlt.

Die Angstsymptome werden im Grunde vom Hirnstamm und einigen alten Teilen des limbischen Gefühlssystems kontrolliert – primitive Überlebensfunktionen: Kurzatmigkeit („ich bekomme kaum Luft“), das Bedürfnis zu urinieren, das Gefühl, zerquetscht zu werden, Druck auf der Brust, Schmetterlinge im Bauch, Krämpfe, Herzrasen, die Unfähigkeit stillzusitzen, Probleme mit der Verdauung, das Gefühl, zerstreut und unkonzentriert zu sein, Konzentrationsverlust und vor allem Weltuntergangsgefühle – der Tod ist nahe. Mit diesem Gefühl verbunden ist ein tiefes Empfinden von Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Darüber hinaus hat man ständig das Gefühl: „Schaff’ ich es?“ Das ist genau die Angst, die man physiologisch während des Geburtsprozesses hat, bei dem das erfolgreiche Ende überhaupt nicht sicher war. Das Substrat ist vielleicht „Ich schaff’ es nicht,“ das sich in der Semesterabschlussprüfung im Körper der Person als reiner Angstzustand zeigt. Es ist Angst, weil Resonanz von der Abschlussprüfung den frühen Schrecken ausgelöst hat, bei dem es wirklich problematisch war, es zu schaffen. Und was ausgelöst wird, ist eindeutig unbewusst und trotzt somit dem Bewusstsein. Es löste das wirkliche Gefühl von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit aus, weil es nicht zu schaffen den Tod bedeutete; nie artikuliert sondern empfunden aus der Erfahrung. Die Artikulation steckt in der Angst. Und der Körper drückt sich jetzt präzise aus.

Wir könnten hier die schreckliche Angst vor dem Versagen mit einschließen. Den ein Abschlussexamen zu schreiben löst die Angst vor dem Versagen aus, als Versagen den möglichen Tod bedeutete. Niemand artikuliert das, doch der Körper in seiner großen Weisheit drückt es auf seine Weise aus. Angst ist ein Überlebensmechanismus, der uns alarmiert und zum Handeln elektrisiert, um den Tod zu vermeiden. Das Problem ist die Unfähigkeit, von diesem Alarmstatus wegzukommen. Ich möchte diesen Punkt wiederholen: Angst ist nicht nur ein ärgerliches Gefühl, das man beseitigen muss; man muss es als Warnsignal behandeln, das unser Leben rettet.

Das ist es, was ich als „erste Linie“ bezeichne. Konzentrationsunfähigkeit kommt von massivem Schmerz-Input von unten. Er stört das normale Funktionieren des Neokortex. Und das alles ist logisch, weil der Tod beim Originalereignis nahe war. Es könnte eine schwangere Mutter sein, die schrecklich ängstlich und aufgewühlt ist, eine Mutter, die Drogen nimmt, die sich nicht ausreichend oder angemessen ernährt und der es einfach miserabel geht aus irgendwelchen Gründen. Der Gehirnforscher J.K.S. Anand fand heraus, dass, wenn eine Nadel in den Bauch der Mutter eingeführt wurde (Amniozentese), der Fetus versuchte, ihr zu entkommen; er verzog das Gesicht und drehte seinen Kopf weg, während die Sekretion eingebauter Anti-Schmerz-Chemikalien in die Höhe schoss. Der Fetus war nicht ängstlich, er war erschrocken. Wenn er aufwächst und fern dieser Erinnerung ist, wird man es Angst nennen. Noch immer der gleiche Schrecken, den der Salamander in uns mit herumträgt.

Warum die Weltuntergangsgefühle? Weil es eine logische Reaktion auf bedrohliche Ereignisse war. Das Verhängnis zeichnete sich ab, genau wie eine massive Dosis an Betäubungsmitteln, die man der Mutter während der Geburt gibt, das System verschließt und als Verhängnis empfunden wird. In der Erinnerung ist die Bedrohung noch immer aktiv und präsent; wir können sie nicht abschütteln, weil sie jetzt in die Neurophysiologie eingeprägt ist. Wenn wir an diese Erinnerung herankommen und die ganzen Umstände und beteiligten Gefühle erleben, können wir  uns endlich entspannen und wohl fühlen.

Nehmen wir als Beispiel das Angstgefühl, das eine meiner Patientinnen in der KFZ-Zulassungsstelle hatte. Sie ging hin wegen eines neuen Führerscheins. Sobald sie dort ankam, fingen die Hindernisse an; lange Schlangen, in denen sie warten musste; sie musste ein Formular ausfüllen, brauchte Bescheinigungen für dies und das. Es nahm kein Ende. Alles häufte sich, und sie wurde ängstlich, war aufgeregt und konnte das Gefühl nicht aufhalten. In der Nachmittagssitzung fühlte sie die Hilflosigkeit hinter all dem und erlebte das Hilflosigkeitsgefühl bei der Geburt wieder, als sie nicht hinaus konnte, egal, was sie sie tat. Niemand konnte sie im Arm halten, und sie konnte sich mit ihren Gefühlen niemanden anvertrauen. Denn ihr drohte der Tod, und die Angst begann. Jedes ernste Hilflosigkeitsgefühl tunkte in das Originalgefühl ein, als es eine Sache auf Leben und Tod war. Diese Patientin war in ihrer Therapie weit genug fortgeschritten, sodass sie tiefen Zugang hatte, was nicht immer der Fall ist. Warten (um rauszukommen) quält viele meiner Patienten wegen des Resonanzfaktors, als dieses ursprüngliche Warten den Untergang hätte bedeuten können.

Einer meiner Präpsychotiker wartete an der Bar des Empfangsraums auf seinen Restauranttisch. Ständig wurde er vom Rezeptionisten auf später vertröstet. Er explodierte und fing an, die Teller zu zerbrechen, die an der Wand hingen. Sein Schmerz war direkt an der Oberfläche (was in präpsychotisch machte). Es war, als würde er wie damals darauf warten geboren zu werden; es (das Gefühl/die Empfindung) war absolut hier und jetzt. Er war verzweifelt und wusste nie warum – bis er es fühlte. Und natürlich pflanzte ihm niemand irgendwelche Vortsellungen von all dem in den Kopf, sondern er nahm es wahr während des Wiedererlebnisses, als er hustete und rot anlief und ihm offensichtlich schnell die Luft ausging.

Diese frühen Reaktionen waren nicht irrational oder neurotisch. Wer bekommt Angst, wenn er oder sie lange Formulare ausfüllen muss? Sie waren damals angemessen, dauerten aber an, weil die mit dem frühen Ereignis verbundenen Empfindungen und Gefühle jetzt eingeprägt sind und uns für immer verfolgen. Nur der Kontext hat sich verändert; wenn wir die Verbindung herstellen mit der eingeprägten Erinnerung, ergibt das alles einen Sinn. Wenn wir die Einprägung nicht in Betracht ziehen, scheint es schrecklich neurotisch. Wir haben die oben erwähnten Gefühle nicht einfach so; wir stellen sie nicht aus einer Laune heraus her. Sie sollten bereits da sein. Es ist unsere Aufgabe, herauszufinden warum. Das Gefühl, wenn es darum geht, einen Test zu schreiben, wird von einem Patienten erklärt: „Ich bin nicht darauf vorbereitet, eine Arbeit zu schreiben. Ich weiß, dass ich es nicht schaffe.“ Er sagte, dass er sich wie ein „Wrack“ fühle. Seine Frau bezeichnete ihn als Chaoten.

Angst bedeutet, dass das untere Gehirn in Funktion ist, das Gehirn, das wir mit dem Salamander gemeinsam haben; und tatsächlich ist das Salmandergehirn nahezu intakt in den tieferen Zonen unseres Gehirns. Im Inneren unseres Gehirns haben wir ein Reptil, welches genau das macht, was Reptile machen. Es reagiert noch immer so, wie es reagierte, als es im Inneren des Tiergehirns war. Dieses Gehirn ist über Millionen von Jahren weitgehend unverändert geblieben. Es reagiert unmittelbar, oft ohne Überlegung, und bereitet uns auf den Angriff (sowohl von außen und – noch wichtiger – von innen) eintretender Ereignisse vor. Diese inneren Ereignisse sind Gefühle, die uns fremd scheinen und die wir jederzeit zu verdrängen versuchen. Wenn wir es nicht können, werden wir ängstlich; der Vorbote sonderbarer Gefühle, die sich dem Bewusstsein nähern. Das Reptiliengehirn wird durch die sich später entwickelnden Gehirne weitgehend gezähmt oder besänftigt. Aber wenn wir die neu entwickelten Gehirndeckel entfernen (was wir im psychologischen Sinn machen), sehen wir es weitgehend unberührt, wie es einst war. Wir können das Reptil im Inneren sehen. Wir beobachten, wie sie die primitiven „S“-Bewegungen während eines Geburts-Wiedererlebnisses machen, etwas, das der Patient nicht wiederholen kann, wenn er aus dem Gefühlserlebnis heraus ist.

Warum klingt das seltsam - der Salamander, der in unseren Köpfen herumwühlt? Nicht seltsamer als die Tatsache, dass uralte Flossen unsere Hände und Arme werden. Wir tragen Überreste unserer uralten Vergangenheit in unseren meisten Organen herum. Ratten haben Gehirne und Nieren auch; und es stellt sich heraus, dass ihre Gene von unseren nicht so verschieden sind und nahezu ebenso reichlich vorhanden.

Die impulsiven Neurotiker, Vergewaltiger, Mörder, ausagierenden Impulsiven haben in der Regel eine große Menge an Trauma und Schmerz der ersten Linie (wie ich es nenne). Ihr Neokortex hat sich nie richtig entwickelt und das tiefere Gehirn hat sehr viel Schaden (Schwächung) erlitten; dieser Schaden hinterlässt einen Rückstand an Impulsen, die kaum im Zaum gehalten werden. Sind diese Individuen Menschen? Sie sind im Grunde primitive Tiere, denen es an kontrollierendem Nervengewebe fehlt; Eidechsen mit Zusatz. Andere haben vielleicht ein geschwächtes Gefühlsgehirn; das geschieht nach den ersten paar Lebensmonaten auf der Erde und es bestimmt, welche Beziehungen sie mit anderen eingehen werden oder ob jemand überhaupt eine Beziehung mit anderen eingehen kann. Ich würde das als limbische Schwächung bezeichnen. Oft denke ich, dass es sich um ein „fehlendes Gefühlsband“ handelt.

Aber selten ist es entweder das eine oder das andere. Schädigung im Mutterleib wird später so viele unserer Funktionen beeinflussen: das Gehirn, das Eingeweidesystem, Organsysteme und Vitalfunktionen. Das Ziel ist, dass sich unser Menschengehirn zuerst mit dem Schimpansengehirn trifft und dann mit dem Eidechsengehirn, sodass sie miteinander vertraut werden, einander kennenlernen und untereinander kommunizieren können. Wenn sie das tun, sind wir normal. Und wir sind bewusst, weil alle drei Ebenen fließend zusammenwirken. Genau das bedeutet Bewusstsein.

(2) Diese inneren Ereignisse, Empfindungen wie zerquetscht oder erstickt zu werden, werden in das Salamander-Gehirn eingeprägt. Sie können dem System genau so gefährlich erscheinen wie ein Virus oder wie eine drohende Schlange; der einzige Unterschied besteht darin, dass die Schlange im Inneren ist und tiefen Terror einschließt. Wenn diese Gefühle drohen, reagiert das System tatsächlich, als gäbe es einen Virusangriff. Das Immunsystem wird beeinträchtigt, mit Verdrängung befasste Grundsubstanzen verringern sich, und wir können auch Fieber bekommen.Wenn ein Patient von uns diesen Gefühlen nahe kommt, kann er ein Fieber von mehreren Grad [Fahrenheit] bekommen, auch wenn er sich überhaupt nicht körperlich betätigt hat. Oder was noch seltsamer ist, die Körpertemperatur kann während einer Sitzung binnen Minuten um einige Grad sinken. Dafür verantwortlich ist eine Dominanz des parasympathischen Nervensystems (mehr darüber in Kürze).

Angst ist der Atavar der Gefühle. Wie fühlt sie sich an? Es ist ein schreckliches Gefühl. Es scheint, dass man sie nicht abschalten kann. „Ich kann machen, was ich will – sie hört nicht auf.“ Warum? Weil ihr Ursprung so weit entfernt ist, anscheinend so unzugänglich, dass man sie als „Gegebenheit“ betrachtet, etwas, das uns angeboren ist und vor dem wir uns nur verbarrikadieren können – hoffentlich. Sie ist immer zugegen und kommt von der Schwangerschaft oder der Geburt. Bevor wir darauf hoffen können, sie auszumerzen, müssen wir uns sicher sein, was „sie“ ist. Angst ist nicht wie eine aktuelle Furcht; sie hat immer das Schreckenselement an sich. Es kann eine aktuelle gerechtfertigte Furcht geben, die einige Angst nennen; zum Beispiel der bevorstehende Tod oder die ernste Erkrankung von Verwandten. Vielleicht hat man große Angst um ihre Sicherheit und Gesundheit. Das kann eine schreckliche Bedrohung sein, aber ich ziehe es vor, den Begriff Angst für etwas zu reservieren, das mit einem sehr frühem Trauma resoniert; das ist leichter zu verstehen. Und Angst sollte uns automatisch auf die Ursachen hinlenken.

Angst beginnt ihr Leben als reiner Terror, eine viszerale Reaktion, die während der Zeit im Mutterleib die höchste Ebene der Gehirnfunktionen darstellt. Später wandelt sie sich zu Phobien oder frei fließender Furcht. Wir können sie mit einer Vielzahl von Abwehrmanövern dämpfen, aber sie ist niemals weniger stark als ursprünglich. Ich möchte das nochmals feststellen. Reiner Primärterror ändert sich nie; er wird abgewehrt, gefiltert und gemildert durch höhere Gehirnprozesse, aber er ändert nie seine inneren Wirkungen. Er ist biologisch. Es ist wieder dieses Reptil, das am Werk ist. Und weil sein Ursprung so früh ist und so weit entfernt und so tief, und weil die verschiedenen Psychotherapien an der Oberfläche bleiben, mussten wir, um uns zu beruhigen, auf Medikamente warten, die auf diese unteren Gehirnzentren einwirkten, aus denen der Schmerz stammt. Macht es für eine Therapie nicht Sinn zu versuchen, tiefer zu gehen, so tief wie bis dorthin, wo diese Medikamente wirken?

Schon früh in der Schwangerschaft reagiert das fetale Stammhirn auf äußere Geräusche - auch auf den Klang der mütterlichen Stimme – mit Kopfdrehungen, reflexartigen Körperbewegungen und Änderung des Herzschlags. Wenn der Mutter in der Schwangerschaft ein ernstes Unglück zustößt, wird das zweifellos die Systeme des fetalen Hirnstamms und limbischen Systems beeinflussen und kann sich ebenso auf die Herzfunktion des Fetus auswirken. Das Baby kann fragil und schwächlich auf die Welt kommen, ständig von Furcht gequält werden und leicht erschrecken. Es ist ein ängstliches Baby. Es kann eine Kolik dazukommen, welche die Gegenwart von Angst andeutet, die sich in der Haut und im biologischen System ausdrückt; aber sie teilt uns etwas Entscheidendes mit. Später kann jemand auf ‚Booga-Booga’-Ideen kommen ( die sind so, wie sie sich anhören), um das Gefühl im Zaum zu halten, das früher nach der Geburt kaum von der Haut gebändigt wurde. Es bricht erneut aus.

Was macht ein Fetus angesichts eines Traumas? Er reagiert viszeral. Wenn wir ein solches Trauma hatten, werden wir für den Rest unseres Lebens dazu neigen, weiterhin viszeral zu agieren. Wir entwickeln dann Magenprobleme, Herzjagen, Kolitis, Geschwüre, Krämpfe, Atmungsprobleme und wissen nicht warum. Deshalb kennen wir oft die Ursache eines Problems nicht, wenn sich uns ein Patient zum Beispiel mit Kolitis präsentiert. Wenn ein Problem allein und ernsthaft viszeral ist, datiert sein Ursprung wahrscheinlich zur Geburt zurück oder noch früher. Wenn wir uns den Hirnstamm anschauen, werden wir die Ursache finden. Er erzeugt das Bedürfnis, ständig geschäftigt zu sein und Pläne zu haben. Er ist ein ständiger Agitationszustand.

Wenn es zu einer Angstattacke kommt, können wir sicher sein, dass sie einen sehr frühen Ursprung hat, der in eine Zeit zurückreicht, als der Hirnstamm (und Teile des limbischen Systems) der am weitesten entwickelte Teil des verfügbaren Nervensystems war. Strukturen und Organe der Mittellinie sind der Ort, wo wir oft Leiden sehen, die einen sehr frühen Beginn in unserem Leben haben.Verdauungs- und Atmungsprobleme haben deshalb ihren Ursprung oft auf der ersten Linie (Ebene). Bettnässen und spätere Sexualzwänge haben ihre Ursache auf der ersten Linie. Ebenso Kolitis. Wenn wir also versuchen, Sexprobleme zu behandeln und unser Brennpunkt dabei auf die Sexualorgane beschränkt ist, machen wir vielleicht einen Fehler; dieser Fokus ist viel zu eng. Es ist nicht der Penis oder die Vagina; es ist das Gehirn, das untere Gehirn; die Sexualorgane befolgen nur Anweisungen. Angst wird oft auf etwas projiziert oder einer Sache angeheftet, die in der Gegenwart liegt, um ihre Existenz zu begründen, aber das ist oft nur eine Rationalisierung.

Der Hirnstamm prägt die tiefsten Schmerzebenen ein, weil er sich während der Schwangerschaft entwickelt und sich mit Angelegenheiten auf Leben und Tod befasst, bevor wir das Tageslicht erblicken. Nahezu jedes im Mutterleib erlebte Trauma ist eine Sache auf Leben und Tod. Der Hirnstamm spricht kein Englisch oder irgendeine andere Sprache. Stellen Sie sich vor, Sie versuchen mit ihm mit Worten über seinen Schmerz zu kommunizieren, wenn es keine Worte gibt.  Wir entwickeln Probleme wie hohen Blutdruck oder Schlaflosigkeit oder Geschwüre. Der Hirnstamm trägt ein eingeprägtes Trauma-Gedächtnis mit sich und drückt sich durch die Möglichkeiten aus, die schon früher in den Eingeweiden ausgewählt wurden. Vielleicht ist der Magen verwundbar, sodass sich die Angstlast dort entlädt und sich durch ständige Krämpfe zeigt.

Wenn die Einprägung auf der unteren Ebene später im Leben versucht, den Frontalkortex über ihre Erfahrung der Todesnähe zu informieren, geht der Blutdruck nach oben und ebenso der Herzschlag; es ist eine Warnung vor gespeichertem Terror. Der Hirnstamm schreit den Neokortex, den Verstand an: „Hör mir zu! Ich muss dir etwas mitteilen, du musst dir das anhören. Ich muss eine Verknüpfung herstellen. Lass’ mich durch.“ Er schreit mittels hoher Spiegel der Biochemikalien wie z.B. Noradrenalin, Glutamat und Kortisol – in der Sprache seiner Biologie. Und der Kortex gibt Kontra mit erhöhtem Serotonin-Ausstoß und sagt damit eigentlich: „Sorry, du hast Informationen, von denen ich nichts wissen will. Versuch’s später!“ „Ja, aber wenn du mich nicht rauslässt, steigt mein Blutdruck dramatisch.“ „Tur mir Leid. Ich muss meinen „Verstand“ schützen. Schließlich will ich nicht verrückt werden.“

Eine dem Hirnstamm eingeprägte Erinnerung kann ernste Folgen für viele Überlebensfunktionen haben. So kann ein chronisch schneller Herzschlag und hoher Blutdruck Herzprobleme ankündigen, Jahrzehnte nachdem sich die Einprägung festgesetzt hat. Durch eine Gefühlssitzung kann man sie bis in den Mutterleib zurückverfolgen. Warum der chronisch schnelle Herzschlag? Er ist Teil der Einprägung. Er ist eine Reaktion auf die eingravierte Erinnerung; sie bleibt so lange bestehen, bis man sich mit dem Ursprung befasst und ihn wiedererlebt. Die Gefahr ist deshalb allgegenwärtig. Genau das ist es, was es am Ende des Tages bedeutet: Gefahr. Wollen wir unsere Warnsignale wirklich beseitigen?

Wenn ein Patient frühen Terror wiedererlebt und dann aufhört, die Schlösser an seinen Türen zwanghaft zwanzig Mal am Tag zu überprüfen, hat er ein wichtiges Geheimnis gelöst. Und das ohne ausgedehnte Diskussion über den Zwang. Er fühlte sich früher unsicher, zutiefst unsicher; die Zwänge kontrollierten den Schrecken, von dem er nicht einmal wusste, dass er existiert. Der linke Frontalkortex sagte: „Ich prüfe besser die Schlösser. Das gibt mir ein angenehmeres Gefühl.“ Da der Schrecken existent ist, kann die Person sich nie lange sicher fühlen; die Zwänge dauern an. Das Gefühl von Unsicherheit sickerte in kleinen Zuwächsen aus dem rechten Gehirn durch. Es wurde auf der linken Seite sofort durch die Obsession aufgefangen. „Ich bin sicher, wenn das Haus verschlossen ist,“ lautet die unbewusste Formel. „Ich bin sicher, wenn mich niemand penetrieren kann.“ Würden wir das Zwangsverhalten verhindern, sähen wir wieder Panik und Hilflosigkeit – genau das, was in unserer Therapie geschieht. Aber man muss es in einer sicheren, kontrollierten Atmosphäre machen. Um sich zutiefst unsicher zu fühlen, muss man sich in der Gegenwart völlig sicher fühlen. Diese Sicherheit wandelt sich dialektisch in ihr Gegenteil. 

(3) Das Wiedererlebnis einer Vorgeburts- oder Geburts-Einprägung wird genau dieselben Reaktionen wie zur Zeit des Originaltraumas hervorrufen. Aber wenn ein Wiedererlebnis ausbleibt, werden die Reaktionen oder Fragmente der Erinnerung fortbestehen, wie zum Beispiel schneller Herzschlag oder hoher Blutdruck. Die Gedanken rasen; sie rasen, weil sie von den Einprägungen einer tieferen Ebene in Bewegung gesetzt werden. Man wird auch nicht klar denken können – Konfusion herrscht. Wir haben es mit Einprägungen zu tun, bevor wir geordnete Gedanken hatten, und somit  wird verständlich, dass man nicht klar denken kann. Es kommt auch zu Schlafproblemen, insbesonders zu Einschlafstörungen.

Wenn wir eine vollständige frühe Vorgeburts-Erinnerung wiedererleben, deren Bestandteil hoher Blutdruck war, dann wird beim totalen Wiedererlebnis auch dieses Erinnerungsfragment enthalten sein, und der Patient sollte demzufolge Erleichterung von den aufdringlichen Symptomen erleben. Wenn Aspekte der Originalreaktion fehlen, ist das Wiedererlebnis nicht vollständig und deshalb nicht heilsam. Wenn wir den Blutdruck medikamentös behandeln und die Anstiegsreaktion unter Verschluss halten, ist ein vollständiges Wiedererleben nicht möglich. Das ist eine der Gefahren, wenn man Beruhigungsmittel nimmt. Wir fühlen uns besser, aber in der Regel leben wir dann nicht so lange.

Alle tiefen Symptome wie ständiges leichtes Fieber oder chronisch erhöhte Körpertemperatur weisen den Weg zum Hirnstamm und zu einigen Teilen des limbischen Gehirns. Das heißt, sie weisen auf ein eventuelles Vorgeburts-Erlebnis hin; sie zeigen die Reiseroute an, auf die sich der Patient begeben muss. Es kann sein, dass wir das Problem Jahrzehnte lang nicht sehen und uns deshalb nicht vorstellen können, wie früh das Herzproblem eines Menschen begann. Für den Angstfall ist der Ausweg gewöhnlich ein Schlaganfall oder eine Herzattacke. Realistischerweise muss der wirkliche Ausweg oder Ausgang der Eingang sein; die Angst ungehindert, nackt und unverhüllt fühlen als das, was sie ist und war – reiner Terror; sie ist Panik angesichts des drohenden Todes – bei der Geburt.

Die meisten gegenwärtigen Probleme bei Neurose lassen sich auf Angst zurückführen, welche die primitivste Reaktion ist, die wir mit vielen primitiven Tieren wie z.B. mit der Eidechse gemeinsam haben. Wir brauchen den Schrecken, der uns bei Gefahr alarmiert. Es hört sich seltsam an, dass wir den Schrecken brauchen, aber es stimmt; und eine Nation von Pillenschluckern macht sich jede Chance auf wirkliche Gesundheit zunichte, indem sie die Warnzeichen unterdrückt. Es wäre so, als würde man die Vorläufer einer Herzattacke (Angina) unterdrücken, nur um sich wohl zu fühlen. Ich weiß, wie notwendig das sein kann; es ist keine Moralhaltung, sondern eine, die dem Überleben dient.

Nehmen wir Zwänge. Patienten werden offen ängstlich, wenn sie ihre Rituale nicht ausführen können; dasselbe gilt für alle unsere Neurosen, wenn man uns nicht gestattet, sie auszuagieren. Sexrituale sind ein weiteres Beispiel. Kurz gesagt versuchen die Rituale, die Angst zu binden. Der Inhalt des Rituals hat mit der Grundsache vielleicht wenig zu tun, dient aber als Kanal für Reaktionen der ersten Linie. Dasselbe gilt für viele Phobien.

Also noch einmal – was ist diese Angst und woher kommt sie? Ich habe es herausgefunden, indem ich einfach jeden Tag zur Arbeit ging und Patienten beobachtete. Wenn ein Patient dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit oder Hilflosigkeit nahe ist, durchlebt er oft eine Angstattacke. Er bekommt kaum Luft, hat Schmetterlinge im Bauch, Druck auf der Brust, erlebt hochgradige Erregung und ein Gefühl der Todesnähe. Er fühlt sich total agitiert und ‚aufgewickelt’ und hat keine Ahnung, wie er es beenden kann. Und das geht weiter, bis diese Gefühle verknüpft und aufgelöst werden. Die Person hat keine Ahnung, was sich abspielt, es ist unbegreiflich, und das verschlimmert den Angstzustand.

Das ist kein idiosynkratisches Zufallsereignis. Angst taucht bei nahezu allen unseren Patienten an einem gewissen Punkt in einer Sitzung auf, wenn sie sich der ersten Linie nähern. Diese Gefühle waren so erschütternd, als das Baby klein war, dass sie sofort verdrängt wurden – im Interesse des Überlebens und auch im Interesse, einen funktionierenden Neokortex aufrecht zu erhalten. Es ist ein automatischer Prozess, der uns davor bewahrt, überwältigt zu werden. Er ermöglicht uns, unter den drastischten Umständen zu überleben. Können wir uns vorstellen, wie sich der Fetus oder das Baby angesichts dieses Terrors fühlt? Diese Zerbrechlichkeit ist im Inneren noch immer da. Überwältigt sein kann bedeuten, dass man nicht funktioniert, und dennoch haben die meisten von uns Kinder, müssen arbeiten gehen, Einkäufe erledigen, usw. Für Dysfunktion bleibt keine Zeit. Man lässt sich auf Beruhigungsmittel ein.

Der Grund, warum man es, auch wenn es genau dasselbe Gefühl ist, Angst nennt und nicht Terror, besteht darin, dass Leidende nie wissen, woher Angst kommt und was sie wirklich ist. Deshalb behandeln wir sie als separate Einheiten. Angst begann so früh, dass sie überhaupt keine Beziehung mit dem zu haben scheint, was zwanzig Jahre später geschieht. Wegen der Durchtrennung [fehlenden Verknüpfung] scheint die Angst ohne spezielle Vorgeschichte im Raum zu hängen. Wenn der Patient dann ein Geburtstrauma fühlt und nach Luft schnappt, wird die Angst zu dem Schrecken und zu dem Lebenskampf, der er ist und war. Jetzt hat er ein Zuhause – und einen Besitzer.

Also noch einmal, woher kommt die Angst? Ein hoher Angstpegel bei der Mutter wird zum Stress (und zu späterer Angst) des Fetus beitragen. Es gibt viele Untersuchungen, die das bestätigen (in späteren Kapiteln zitiert). Eine ängstliche Schwangere, die auf ihre Außenwelt reagiert, wühlt den Stoffwechsel ihres Fetus auf, der ebenso auf seine Umwelt reagiert. Wenn die Angst der Mutter lange genug andauert, wird sie beim Fetus zu einem Dauerzustand und ändert ihn ein Leben lang. Es sieht so nach den Genen aus, dass wir es leicht als Vererbung missverstehen; schließlich scheint das Baby mit der Unfähigkeit geboren worden zu sein, stillzusitzen oder in der Schule zu lernen.

Die Angst der Mutter wird den Fetus übermäßig stimulieren und sein Nervensystem schwächen, sie wird ein Kind schaffen, dem ein hohes Stimulationsniveau eingeprägt worden ist; das Kind kann sich durch jede Kleinigkeit überwältigt fühlen, die in seinem Leben geschieht. Als Erwachsene könnte sie auf die Bitte ihres Mannes reagieren, ihm das Salz an den Tisch zu bringen. Sie entgegnet ihm mit einem zornigen „Erwartest du wirklich, dass ich alles mache? Hol es dir selbst.“ Alles wird zu viel, weil es während der Zeit im Mutterleib so war. Dann wird alles, was zu viel war, als Grundlage verankert, und alle neuen Forderungen arbeiten gegen diese Grundlage. So hat eine einzige kleine neue Forderung, die man an sie als Erwachsene stellt, eine aufgebauschte Wirkung. Und sollte ihr einmal ein Fehler unterlaufen, würde sie die Sache sofort umdrehen und die Schuld dem zuschieben, der ihr den Vorwurf macht. Sie kann kein Unrecht eingestehen und überträgt das schreckliche Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben, so dass sich die andere Person schuldig fühlt und sich letztlich verteidigen muss. Noch einmal, es geht nicht so sehr darum, dass sie etwas falsch gemacht hat, sondern darum, dass dieser kleine Irrtum mit etwas sehr Wichtigem in ihr resoniert, dass Folgendes bedeuten kann: „Ich werde nicht geliebt.“

Wenn diese Person jetzt Panikattacken erleidet, bedeutet das, dass der zugrunde liegende Schrecken nahe an der Oberfläche ist; deshalb das chronische Gefühl des Überwältigtseins (überwältigt von Gefühlen). Ein Beispiel dafür sehen wir in der Affenstudie, die in einem späteren Kapitel erörtert wird. Man gab Affenmüttern Kokain, das sie erregte und aufhetzte, ähnlich wie bei einer mütterlichen Angstattacke, und wir sahen die Ergebnisse; impulsiver Nachwuchs mit erhöhter Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter Drogen zu nehmen. Ängstliche Affen greifen wie wir zu Alkohol. Und was macht sie ängstlich? Sporadische und unvorhersehbare Trennung von der Mutter; der Mangel an beständiger Liebe.

Nehmen wir an, diese Ängste konzentrierten sich auf Fahrstühle, auf die Furcht, eingeschlossen zu werden, als Gegenstand des Schreckens. Der Schrecken liegt in der Tiefe des Gehirns; der Brennpunkt liegt im höheren Gehirn. Psychotherapie kann den Terror, der tief im Gehirn steckt, nicht durch eine Diskussion mit dem höheren Gehirn heilen. Das ist nicht der Ort, wo die Wunde sich befindet. Es kann Lebensumstände geben, die eine solche Phobie erzeugen könnten, wie z.B. als kleines Kind in einem Aufzug oder einem anderen eingeengten Ort festzustecken, aber wirklicher Terror – ein Ereignis auf Leben und Tod – stammt nur selten von Ereignissen der späteren Kindheit. Die Einprägung ist die Ursache, der Schrecken wird zur Reaktion und die Phobie wird zum Brennpunkt. Wir müssen das auseinanderhalten, damir wir das Problem verstehen, und dann müssen wir uns um die Einprägung mitsamt ihrer Reaktion kümmern. Die Einprägung erzeugt alles Übrige.

Für einen Fetus ist der Mutterleib die Außenwelt. Eine Mutterleibs-Umwelt, die den Fetus ständig in Alarmzustand versetzt, wird schließlich zu einem Teil des Babys, das zu einem eher aggressiven, hyperaktiven Kind wird, welches sich in der Schule nicht konzentrieren kann. Es wächst hyperwachsam auf. Das kann von Nutzen sein, wenn es ein verdeckter Ermittler wird, aber es ist schlecht für seine Lebenserwartung.Wenn dagegen die Schwangere längere Zeit deprimiert ist, geht ihr Baby vielleicht in den „Down-Modus,“ der ein Leben lang als Charakterzug fortbestehen kann. Später im Leben liebt sie oder er vielleicht Kokain. Oder noch besser Methamphetamin, das den Körper in eine „Obenauf-Position“ versetzt.

Angst manifestiert sich oft durch Würge- oder Erstickungsgefühle, Benommenheit und einem Gefühl, dass der Untergang bevorsteht. Und schon bald hustet und würgt der Patient in einer Sitzung, die ein Vorbote für durchbrechenden Geburtsschmerz ist. Wenn der Patient später dann das Geburtstrauma wiedererlebt und in diesem Erlebnis versinkt, hustet er oft und bringt Schleim in großen Mengen hoch. Jetzt ist der Zusammenhang hergestellt.

Wenn jemand das auf übertriebene Weise macht (husten und würgen), wenn er Angst hat, dann hilft es ihm tatsächlich und er fühlt sich besser. Und wir empfehlen es unseren Patienten, wenn sie im Augenblick keinen tieferen Zugang haben. Es ist einfach die Entladung eines Teils der Gefühlsenergie. Nichts davon erfordert einen Kortex oder höhere Gehirnfunktionen. Das ist ein wichtiger Grund, dass Worte das Problem nicht lösen können. Es ist im Grunde eine viszerale und subkortikale Angelegenheit. Diese Manifestationen (Husten, Ersticken, Ertrinken) teilen uns mit, dass sie einer sehr primitiven Gehirnorganisation entstammen und aus einer Zeit kommen, als für den Umgang mit Traumen nur eine rudimentäre Gehirnstruktur vorhanden war. (Es fehlte ein voll entwickelter Neokortex.) Es gibt keine Einsicht, die ein Trauma behandeln könnte, den es begann sein Leben, lange bevor wir Worte hatten. Die erste Linie oder Ebene kennt keine Worte oder Schreie (Patienten schreien nie, wenn sie eine Geburtssequenz durchmachen), es gibt nur Grunzen und Stöhnen. Wenn Kindheits-Weinen oder Worte oder Schreien auftreten, weist das darauf hin, dass höhere Gehirnebenen involviert sind und dass es sich deshalb nicht um ein wirkliches Wiedererlebnis handelt. Wir können das untere Gehirn einfach nicht täuschen. Das höhere? Ja. Wie um alles in der Welt könnten wir sonst Psychopathen ins Amt wählen? Wenn wir keinen Zugang zu tieferen Ebenen haben, sind wir nicht in Gefühlen verankert, so dass wir den Wahrheitsgehalt dessen, was andere sagen, nicht beurteilen können. Wir können keine Nuancen oder Feinheiten sehen (weil wir sie nicht fühlen können). Wir kapieren es einfach nicht. Das sollten wir aber, weil man uns sonst täuschen oder austricksen kann.

Schrecken oder Terror ist das, was wir bei niederen Tieren sehen, die von einem anderen Tier erschreckt werden. Ihre Reaktionen scheinen wie reine Panik. Wir sehen das bei einigen Individuen, die sich einer Magnetresonanz-Tomographie (MRI) unterziehen. Im selben Augenblick, wenn sie in einer Stahl- und Zementhülle eingeschlossen werden, bricht Panik hervor. Das kommt dem nahe, was ursprünglich geschehen war. Es bedarf der Eingeengtheit einer solchen Maschine, um das Urgefühl wiederzuerwecken. Der Patient glaubt vielleicht, es sei die Maschine, die Angst erzeugt, aber es ist die Urpanik von dem eingeengten umschlossenen Raum; der Mutterleib, in dem er versuchte, den Ausgang ins Leben zu finden. Was die Tomographie bewirkt, ist, dass sie eine resonierende Erinnerung stimuliert; keine Erinnerung, wie wir sie uns gewöhnlich vorstellen, sondern eine Körperreaktion, die ausgelöst wird. Wenn wir bei einer MRI so eine Angst haben, können wir uns ziemlich sicher sein, dass wir eine schwere Geburt oder Vorgeburtszeit durchgemacht haben. Kurz gesagt ist das ein Differenzialdiagnostik-Instrument, um Leute mit gesunder Geburt von denen zu unterscheiden, die eine traumatische Geburt hatten. Wir können die Techniker, die MRI durchführen, anweisen, in unregelmäßigen Abständen gegen das Bein oder den Fuß der Person zu klopfen, so dass man keine ausgewachsene Angstreaktion entwicklen kann. Oder eine Augenbinde anbieten, so dass sich die Person ihrer Umgebung nicht bewusst wird. Wenn diese Ablenkung versagt, könnte es zu einer Angstattacke kommen.

Somit haben wir jetzt einen guten Grund, keine Worte zu benutzen, wenn wir Leute behandeln, die viele Symptome der ersten Linie zeigen. Wir haben es mit einem nonverbalen Tier zu tun, das sich in den tieferen Zonen unseres Nervensystems herumtreibt. Im Grunde ist es viszeral, da sich unsere Innereien anfühlen, als würden sie gleich explodieren. Der Hysteriker ist ein gutes Beispiel; jemand, der kaum Kontrolle hat, konzentrtionsunfähig, zerstreut, durcheinander, explosiv, überreagierend, anscheinend die ganze Zeit von Gefühlen übermannt. Das ist jemand mit Schaden auf der ersten Linie (tieferes Gehirn) – Deprivation im Muterleib, bei der Geburt oder gleich danach. Worte werden diese Person nicht beruhigen, die anscheinend die ganze Zeit im Eiltempo ist und es auch eilig hat, die Sitzung hinter sich zu bringen. Sie will, dass es ihr jetzt besser geht! Man muss ihr ermöglichen, zu jenen fernen Orten zu gehen, die sie antreiben; angetrieben von sehr früher Bedürfnis-Versagung. Die liegt weit unterhalb der verbalen Ebene. Oder wenn die Person keinen Zugang zum tiefen Gehirn hat, können wir Schmerztöter verabreichen, welche die Kraft des Traumas eine Zeit lang unterdrücken, bis der/die Betreffende seine/ihre Gefühle erleben kann.

Zu oft sieht der Therapeut oder Arzt seine Aufgabe darin, das Symptom zu beseitigen, weil es als eine Art unerklärliches Geheimnis aufgefasst wird. Und natürlich ist das Symptom unangenehm und könnte lebensgefährlich sein. Und wenn wir nur das Symptom angehen, nehmen wir stillschweigend an, dass es  keinen guten Grund dafür gibt; warum sonst sollten wir die Ursache nicht angehen? Symptome zu bekämpfen ist gewöhnlich eine vergebliche Übung. Die Sache hat kein Ende. 

(4) Der Begriff der Resonanz ist für das Verständnis der Angst wichtig, weil in uns Situationen von Sprachzentren mit Ebenen unterhalb der Sprache resonieren können, wo die Panik existiert. Wir können erregt sein, auch wenn wir nicht wissen, womit die äußere Situation resoniert. So kann beim Sex ein nackter Frauenkörper bei einem Mann mit einer frühen Erfahrung mit seiner Mutter resonieren. Vielleicht war sie verführerisch, lange bevor das Kind das verstehen konnte. Ich hatte einen weißen Patienten, der eine sehr verführerische Mutter hatte; sie küsste ihren Sohn französisch. Später konnte er nur Freundinnen haben, die schwarz oder asiatisch waren – eine zu weiße Freundin würde mit dieser frühen Verführung resonieren, die ihn erschreckte. Hier resonierten „weiße“ Frauen mit einer weißen Mutter, was er unbedingt vermeiden musste. Ich behandelte eine lesbische Frau, die von ihrem (weißen) Stiefvater sexuell belästigt wurde. Sie konnte nur Beziehungen mit schwarzen Männern haben. Später resonierte jeder Mann mit dem frühen Stiefvater. Sie schaltete auf Sex mit Frauen um. Das schien ihr sicherer. Sie entdeckte, dass sie eine chronische leichte Angst hatte, wenn sie mit einem Mann im Bett war. Als sie zu Frauen wechselte, gab es kein Problem mehr.

Wenn es zum Beispiel bei der Geburt aufgrund eines Sauerstoffmangels (Anoxie) einen Kampf auf Leben und Tod gibt, wird das existierende Reaktionssystem aktiviert, aber weil es aufgrund der gesamten Schmerz- und Schreckenslast nicht voll reagieren kann (sie vollständig zu fühlen würde bedeuten, eine Herzattacke zu erleiden oder das Bewusstsein zu verlieren), reagiert es partiell innerhalb seiner biologischen Grenzen und legt den übermäßigen Teil des Schreckens zur Verwahrung beiseite; sie verräumt ihn, bis unser System stark genug ist, um ihn zu fühlen und aufzulösen. Er lebt hinter unseren Schleusentoren. Wir reagieren jedoch ständig auf diesen gespeicherten Terror mit chronisch hohen Stresshormon-Werten, einem beeinträchtigten Immunsystem, Fehlwahrnehmungen, sonderbaren Gedanken, Alpträumen, chronischem Unwohlsein und schreckhaftem Reagieren. Dieses hohe Aktivierungsniveau nagt am kardiovaskulärem System, sodass wir mit 55 Jahren ernsthaft erkranken, auch wenn wir in dem Alter ein entspanntes Normalleben zu führen scheinen.

Wir haben an unseren Patienten systematische Stresshormon (Kortisol)-Untersuchungen durchgeführt und fanden eine Normalisierung nach einem Jahr Therapie. Das sagt uns, dass die Variable – Wiedererleben – durchaus für die Angstminderung verantwortlich sein kann. Dieser Rückgang ist auch mit einem Rückgang bei der Herzfrequenz und beim Blutdruck verbunden. Der Patient sagt auch, dass er sich besser fühlt. Biologische Messungen sind verlässlicher, weil sie uns ungeachtet dessen, was die Person glaubt, darüber informieren, was die Physiologie gerade macht.

Beruhigungsmittel scheinen obligarorisch zu sein, um jemanden, der unter Schmerz steht, auf tagtäglicher Basis funktionieren zu lassen. Teuflisch ist, dass die Person trotz einer liebevollen Kindheit leidet. Vielleicht hat sie auf der ersten Ebene keine Liebe bekommen, als ausreichend Sauerstoff und gute Ernährung wesentlich waren, aber fehlten; oder die Mutter war schrecklich angespannt, weil sie in der Wirtschaftskrise ihren Job verloren hatte. Das Baby ist von seinem Standpunkt aus ungeliebt; seine Bedürfnisse (nach Ruhe) werden nicht erfüllt. Vom Standpunkt der Mutter aus hat sie ihr Bestes getan und konnte nichts für ihre Gefühle.

Eine Schwangere, die raucht und trinkt, liebt ihr Baby nicht; ihre Bedürfnisse kommen zuerst. Wenn sie Drogen wie Kokain nimmt, ändert sie die Physiologie ihres Babys. Männlicher Affennachwuchs von Müttern, denen man Kokain gab, zeigte schlechte Impulskontrolle und griff später mit größerer Wahrscheinlichkeit zu Drogen. Diese Studie ging 15 Jahre auf Affenmütter zurück, denen man Kokain gegeben hatte. Trotz der Auswirkungen des Lebens im Mutterleib wurden zu viele von uns offensichtlich in unserem späteren emotionalen Leben nicht geliebt, als es keinen Körperkontakt und keine Umarmung gab.

Eine Möglichkeit, von der Herkunft der Angst Kenntnis zu erlangen, ist die Tiefe und Agonie des Schreckensgefühls. Da ist immer die Furcht vor dem Sterben, weil das tatsächlich im Mutterleib oder bei der Geburt geschah. Furcht ist zweite Linie und wird weiter oben im Gehirn organisiert. Angst lähmt, weil sie die Reaktion eines gewissen Teils von uns auf Schrecken ist. Wenn wir chronische allumfassende Angst haben, haben wir es mit einer Vermengung von Furcht und Schrecken zu tun, die das Abwehrsystem überwältigt; die Vermischung einer harten Kindheit und einer schlechten Zeit im Mutterleib. Hier kommt es zu Resonanz. Gegenwärtige Besorgnis wandelt sich schnell in Angst, weil das Gefühl den Terror der tieferen Ebene auslöst.  Ich erinnere den Leser, dass der Terror bereits da ist. Er lässt nicht zu, dass wir uns am Strand entspannen und stößt uns in ständige Aktivität. Und wir rationalisieren: „ Ich mag den Sand nicht.“  Was wir in der Gegenwart machen, ist gewöhnlich die Widerspiegelung unserer Geschichte. Das Leben wird zu einer Rationalisierung für unsere Prägungen. Wenn wir eine Therapie mit Brennpunkt in der Gegenwart machen, entgehen uns alle diese Ursachen.

Bei einigen Patienten müssen wir, damit sie die Furcht und ihren Zusammenhang fühlen können, den Terror ruhig stellen, so dass er den Gefühlen, die der Patient hat, nicht in die Quere kommt. Wir bieten  Blocker der ersten Ebene an. In der konventionellen Medizin und Psychotherapie kennt man das als antipsychotische Medikation. Blockiert wird der Terror, der beim Patienten oft bizarre Gedanken produziert. Der ruhig gestellte Patient wird nicht mehr überwältigt, weil wir die Gesamtschmerzlast reduziert haben; er oder sie kann sich auf ein Einzelgefühl konzentrieren. Und es gibt keine Überlastung mehr, die alle diese sonderbaren Gedanken und Überzeugungen erschaffen hat. Wir sehen hier, wie sich psychotische Gedankenbildung entwickelt.  Man speise zu viel Schmerz ein, und das System sucht nach einem Auslass. Man reduziere das Schmerzniveau, und das System beruhigt sich und braucht all die Gedanken nicht mehr, mit denen es rationalisiert, was im Inneren vor sich geht. Diese sonderbaren Gedanken sind wie ein Überdruckventil, das den Schmerz von vollem Bewusstsein zu Bewusstheit wegleitet. Die Person ist hyperwachsam.

Man fühlt sich überwältigt, wenn etwas in der Gegenwart mit frühem Terror resoniert, und die kombinierte Kraft ist dann überwältigend. „Es ist alles zu viel.“ Wir können keine Ordnung einhalten, weil  es eine Reihe von Anordnungen aus der Vergangenheit in uns gibt, die uns kommandieren; sie haben den Vorrrang.

Das Teuflische an Angst ist, dass viele von uns unter einer chronischen leichten Angst leiden, die kaum wahrnehmbar ist, jedoch ständig ausagiert wird. Der Mensch ist sich ihrer selten bewusst, wird jedoch von ihr so gesteuert, dass er die ganze Zeit herumrennt und geschäftig ist: Er kann kein Buch lesen ohne dieses Unruhegefühl. Kann sich nicht lange konzentrieren, kann keinem langen Vortrag zuhören, kann den Geschichten der Kinder nicht zuhören, und vor allem holt ihn diese Agitation ein, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen und er nicht einschlafen kann. Wir können keine liebevollen Eltern sein, wenn wir nicht die Geduld haben, unseren Kindern und ihren Geschichten zuzuhören. Es ist nicht so, dass die Eltern schlechte Menschen sind oder lieblos in ihren Absichten, aber sie leiden und können nicht anders. Sie rationalisieren, dass sie umtriebig bleiben müssen, um ihre Kinder zu ernähren. Uns stellt sich das anders dar. Sie müssen geschäftig bleiben, um die ganze Energie zu entladen. Wenn sie das nicht können, leiden sie.

Die Person mit chronisch leichter Angst kann selten zuhören; das erfordert zu viel Geduld und sie kann nicht warten. Dieses Individuum kann keinen komplizierten Anweisungen zuhören (wie man diesen Tisch aufbaut oder wie man an einer Kreuzung rechts abbiegen muss); er ist sehr schnell überfordert und ‚erledigt’. Wenn man diese Person beauftragt, im Supermarkt einzukaufen, ist sie weg, sobald  es um drei verschiedene Sachen geht. „Ich weiß, sie hat ‚Mager-‚ gesagt, aber ‚Mager’-Was?“

Schlafen ist problematisch, wenn die leichte Mobilisierung (gegen den frühen Schmerz) jetzt aktiv ist, da die dritte Ebene ihren Griff etwas lockert. Vergessen Sie nicht, dass der Neokortex der höheren Ebene oft herangezogen wird, um unsere Gefühle auf tieferer Ebene zu kontrollieren. Es ist eine Rettungsluke. Da wir, um zu schlafen, diese Kontrolle der obersten Ebene fahren lassen müssen, werden wir verletzlicher. Wir müssen die Kontrolle aufgeben. Und wir betreten eine unruhige Gedankenwelt. Ein geschäftiger, ruheloser Geist, der von sich aus nicht lange genug Ruhe geben kann, so dass man einschlafen könnte. Da wir im Tiefschlaf dem tiefen Gehirn näher kommen, erreichen wir allmählich diese Primärgefühle. Sie wühlen uns auf, wandern nach oben und lassen das denkende Gehirn sehr hart arbeiten. Sogar im Schlaf, wenn wir unter dem aufsteigenden Terror der ersten Linie zu leiden beginnen, eilt das Gehirn herbei, um ihn mit einem Alptraum zu deckeln. Der Alptraum versucht, das Gefühl einzukapseln, so dass es nie bewusst wird. Dieser Alptraum ist kein Willensakt. Er ist ein eingebauter Überlebensmechanismus, der gewährleistet, dass unser Bewusstsein nicht von überwältigenden Eingaben geschwächt wird. Die Geschichte im Alptraum zählt nicht viel, aber das Gefühl darin bedeutet sehr viel. Dieses Gefühl kann uns den Eingang weisen; den Königsweg ins Unbewusste.

Die Einprägung einer Erinnerung ist wirklich ein Ensemble von Reaktionen, die gleichzeitig in das Gesamtsystem eingeprägt werden, wenn eine übermäßige Gefahr besteht, zum Beispiel eine rauchende Mutter. Es ist eine totale Erfahrung, ganz anders als intellektuelle Erinnerung, die weitgehend mental ist, das heißt, eine Operation des linken präfrontalen Kortex. Vielleicht können wir eine Einprägung intellektuell nicht erinnern. Wir können sie nur mit unserem Gesamtsystem erinnern; mit unseren Muskeln, Eingeweiden und unserem Blutsystem, weil jeder Teil von uns in das Originalerlebnis verwickelt war; deshalb muss man diese Einprägung mit allen Systemen wiedererleben, die ursprünglich beteiligt waren, als sie verankert wurde. Nicht nur das, sondern man muss sie mit derselben Intensität wiederleben, mit der sie einbeprägt wurde, was der Grund ist, dass man sie in der konventionellen oder kognitiven Therapie, bei der die emotionale Ebene ziemlich unterdrückt wird, selten gesehen hat. Ein paar Tränen entsprechen nicht unbedingt dem tiefen Weinen, das wir in unserer Therapie sehen.

Verwechseln wir intellektuelles Abrufen nicht mit Erinnerung. Tiefe präverbale Schmerzen kann man nur mit dem biologischen Gesamtsystem abrufen. Verbales Abrufen/Erinnern ist ein ganz anderes Tier (wortwörtlich). Was heilt, ist systemische, organische, physiologische Erinnerung; verbales Erinnern kann das nicht. Wenn wir zum Beispiel unter hohem Blutdruck leiden, leiden wir vielleicht unter dem nachklingenden Überrest eines Gesamttraumas, das uns früh im Leben zugestoßen ist – im Mutterleib. Der hohe Blutdruck ist von der generierenden Erinnerung  abisoliert worden und lebt sein Leben getrennt von ihr. Er versucht uns etwas darüber mitzuteilen, woher er kam; aber leider traktieren wir ihn gnadenlos mit Medikamenten, so dass er seinen Ursprung nie preisgibt. Dasselbe gilt für den Herzschlag. Wir schläfern diese Erinnerungen für immer ein.

So gibt es mindestens zwei Hauptwege, um Angst und Verdrängung hervorzurufen; erstens die Bedeutung eines gewissen Blicks von den Eltern (oder jede negative Reaktion ihrerseits), der bedeutet, dass ich nicht geliebt werde und dass es nie so sein wird. Zweitens, wenn etwas geschieht, das eine unmittelbare Bedrohung für mein Leben ist. In jedem Fall kommt es zu einer Störung in der Entwiclung des Organismus.

Ursprünglich provozierte das Ersticken während der Geburt Verdrängung, um das System im Gleichgewicht zu halten und um das Baby vorm Sterben zu bewahren. Zweien meiner Patienten teilte ein Arzt später mit, dass sie bei der Geburt anscheinend eine Herzattacke hatten. Als sich dieses Gefühlserlebnis später durch zusätzlichen Schmerz und Schrecken verstärkte, erzeugte es noch mehr Verschließen und Verdrängung. In beiden Fällen besteht Gefahr.

Wenn die Resonanz die Schmerzkette hinabwandert und die unteren Ebenen der Neuraxis erreicht, dann erscheint der Terror. Er ist nichts Neues; nichts, das man zu erreichen versuchen müsste. Er ist ein alter Freund (oder Feind). Tatsächlich ist der willkürliche Versuch, eine tiefere Ebene zu erreichen, ein Oxymoron; je mehr wir die oberste Ebene benutzen, umso weniger können wir dorthin hinabsteigen, wohin wir uns begeben müssen. Je mehr wir von der Vergangenheit loslassen, umso mehr Zugang werden wir haben. Die Person unter Terror wird Angst erleiden, weil sich der Körper auf extreme Reaktionen vorbereitet, um zu überleben. Man kann nicht langsam reagieren, wenn ein Löwe auf einen zukommt.

Gewöhnlich hat das Angstgefühl diesen Weltuntergangsaspekt: „Ich habe das Gefühl, das ich gleich sterbe.“ Da niemand ein Gefühl fabriziert, das keine Grundlage in der Wirklichkeit hat, müssen wir nach dem Ursprung Ausschau halten. Wenn wir die sogenannten psychosomatischen Symptome (Migräne, hoher Blutdruck) erfolgreich behandeln wollen, müssen wir die Quelle finden, die sie hervorbringt. Hier muss das Gefühl seinem Erzeuger begegnen, und es gibt einen Erzeuger. Was geschieht, ist, dass aufgrund einer Gegenwartssituation – einer Rede – eine milde Furcht und Beklemmung durch den Resonanzprozess den ursprünglichen Schrecken tief im Gehirn ausgelöst hat, so dass die Person nicht nur irgendwie ängstlich ist, sondern eine voll ausgewachsene Angstattacke erleidet und das Gefühl hat, gleich zu sterben. Das Gefühl ist richtig!  Wir verstehen ihre Reaktionen nicht, weil es nur darum geht, vor 15 Leuten eine Rede zu halten. Dennoch fühlt sie sich überwältigt. Oder jemand wird kritisiert und gleitet in einen Angstzustand. Warum? Weil es bedeuten kann: „Ich werde nicht geliebt, wenn ich einen Fehler mache.“ Oder: „Eine Katastrophe geschieht, wenn ich eine falsche Bewegung mache.“ Und zweifelsohne wurde diese Person in ihrer Kindheit nicht geliebt, wenn sie einen Fehler machte.

(5) Das Zusammenleben mit überkritischen Eltern kann diesem Gefühl den Boden bereiten, und natürlich kann das Katastrophengefühl auch vom nonverbalen Geburtserlebnis herrühren, wo das Baby fühlte, dass ein Fehler verhängnisvoll sein konnte. Da ist das andauernde Gefühl: „Ich darf mich nicht irren oder einen Fehler machen.“ Und die Unfähigkeit sich zu irren ist bei so vielen von uns gegenwärtig. Diese Art von Mensch weiß nicht, wie er in der Krise reagieren soll. Es ist keine bedachte Reaktion erforderlich sondern eine physiologische (gefühlsgesteuerte). Die Abwehr gegen die Möglichkeit eines Fehlers beginnt mit jenem frühen Gefühl/Empfindung, wo das Falsche zu tun - sich zu irren - hätte verhängnisvoll sein können. Die Abwehr hat das Gefühl versiegelt, das dann fortbesteht und die Person zu einem „Besserwisser“ machen kann. Einer, der sich nicht irren kann. Wenn ein Fetus sich normal entwickelt, entwickeln sich auch die Hemmungs-/Serotonin-Zellen auf geordnete Weise. Aber ein Trauma, das der schwangeren Mutter zustößt (der Ehemann verlässt das Zuhause) stört diesen Prozess. Wenn das Baby später als Erwachsener Panik- und Angstattacken erleidet, die wie aus dem Nichts auftauchen, können wir vielleicht die Ursachen verstehen. Wir sehen es bei Neugeborenen, deren Körper es durch Ruhelosigkeit und Krankheiten wie z.B. eine Kolik ausdrückt. Oft sind es nicht-kuschelige Babys.

Ein Grund für die Evolution des linken Frontalkortex bestand darin, ein Gehirnsystem hervorzubringen, das sich von den anderen Arealen des Nervensystems distanzieren konnte, wo schmerzhafte Gefühle liegen – eine Methode, um nicht von dem überwältigt zu werden, was sich weiter unten befand, so dass wir mit dem Leben weitermachen und uns mit den täglichen Problemen befassen können. Die Präfrontalzone ist ein Gehirnsystem, das sich von massivem schädlichen Input abkoppeln kann. Es ist der menschliche Teil von uns, der das tun kann; er kann sich von dieser Eidechse in unserem Kopf loslösen mit unserem Gehirn über Wasser. Es ist ein System, das  die Abwehr stärken und uns aus übermäßigem Schmerz heraushalten kann. Ein anderer wichtiger Grund für die Evolution der linken Hemisphere ist, dass sich der linke frontale Kortex mit dem Gebrauch von Werkzeugen entwickelte. Es ist die linke Frontalzone, die bei präzisem Werkzeuggebrauch beteiligt ist, z. B. mit dem Hammer einen Nagel einschlagen. Präzision wurde zur Domäne der linken Frontalzone. Wenn wir nach einem guten Chirurgen suchen, sollten wir einen finden, der Linkshirn-dominant ist. Wir können sicher sein, dass er präzise sein wird. Wenn wir einen Therapeuten wollen, der fühlen kann und sensibel ist, wollen wir vielleicht ein Rechtshirn-dominantes Individuum; aber natürlich ist jemand mit einem ausgeglichenen Gehirn immer das Nonplusultra.

Der ängtliche Patient serviert uns seine frühe generierende Ursache auf einem Tablett. Das Schlüsselgefühl liegt direkt hinter der Angst, die eine Art Atavar ist, der in ein Katastrophengefühl hineinführt. Der Vorläufer des Untergangs. Woher wissen wir das? Wenn ein Patient die Sitzung mit Weltuntergangsgefühlen beginnt und sich elend fühlt, wissen wir oft, welches Gefühl kommt. Und von welcher Ebene. Wenn wir aufmerksam zuhören, wissen wir, wohin wir in der Vergangenheit des Patienten gehen müssen. Das Gefühl ist da. Wir müssen seine Bedeutung verstehen. Wir können mit der ernsthaften Therapie anfangen, während der Patient leidet, weil er dem Gefühl und seinem Ursprung sehr nahe ist. Akute Angst bedeutet an sich, dass ihre generierende Ursache dem Bewusstsein sehr nahe ist. Und wie ich an anderer Stelle bemerke, wird die Person umso ängstlicher, je näher sie ihren Gefühlen ist; das sagt uns mit nahezu mathematischer Präzision, wie nahe das Gefühl dem Bewusstsein ist.

Wie die Abwehr funktioniert, sehen wir, wenn wir die Gehirne unserer Patienten untersuchen. Wenn Gefühle im Vormarsch sind, gibt es höhere Vitalwerte und eine steigende Amplitude der Gehirnwellen (wie viele Neuronen rekrutiert werden, um Gefühle abzuwehren). Wenn die Verknüpfung hergestellt wird, fällt die Amplitude steil ab. Es scheint, dass ein Aspekt der Hirnwellen-Amplitude in der Errichtung der Abwehr liegt. Wenn an einem bestimmten Punkt die Abwehrschwelle niedriger liegt, kommt die Verknüpfung zustande, und das Gehirn kann sich entspannen.

Weil bewusst zu sein bedeutet, frei von Angst zu sein, sind wir bereits halbwegs da. Es gibt keinen großen Unterschied zwischen einem ängstlichen Patienten und einem, der während der Sitzung Angst entwickelt. In beiden Fällen nähert sich das Gefühl. Beide werden ängstlich, wenn sie sich dem Gefühl annähern. Dann können wir eine voll entwickelte Angstattacke sehen; unmittelbar bevor er das Gefühl voll erlebt, wispert der Patient: „Ich sterbe gleich!“  Im Allgemeinen hat der ängstliche Patient undichte Schleusen, so dass ein Teil des Gefühls ständig durchsickert. Beide eignen sich gut für die Therapie, solange die Angst nicht schrecklich überwältigend ist; was bedeutet, dass der Patient in die Prima-l/Gefühlszone gebracht werden muss. In der konventionellen Therapie ist es nicht hilfreich, weil man sich bemüht zu unterdrücken und nicht auszudrücken. Ganz andere Prozesse und Ziele.Wenn Gefühle ausbrechen, ist es eindeutig besser, sie auf methodische Weise herauszulassen als sie ständig zurück zu stoßen. Man hat das nie getan aufgrund der Warnung Freuds, dass das Unbewusste ein gefährlicher Ort sei. Es ist die Kehrseite der alten religiösen Lehre, die besagt, dass wir von Dämonen bewohnt werden und sie unter Verschluss halten müssen. Für den Laien waren diese Dämonen teuflische Geister. Für den Psychologen sind sie vielleicht negative Gefühle. Dieselbe Sache; eine geheimnisvolle Macht am Werke. Die Fachleute im Bereich psychischer Gesundheit können es oft nicht als das akzeptieren, was es wirklich ist, weil es in ihrer Theorie keinen Platz gibt für tiefliegende Erinnerungen, die ständig unser Leben lenken. Und sie haben nicht die Techniken, um tief hinab zu den Antipoden des Geistes zu reisen.

Je mehr wir über persönliche Entwicklung lernen, umso mehr verstehen wir von der Evolution unseres inneren Universums. Wie ich bemerkt habe, können wir im Inneren des menschlichen Gehirns Überreste unserer Fisch- und Reptilien-Ahnen finden. Das bedeutet, dass das, was wir sind, auf den erfolgreichsten Anpassungen dessen aufbaut, was wir waren.Wenn unsere Patienten in ihren Wiedererlebnissen zu den primitivsten Gehirnen zurückgehen, sehen wir diese uralte Gehirn in Funktion. Und ich könnte hinzufügen, dass es bei diesen Wiedererlebnissen der ersten Linie (Primals) niemals Worte gibt. Es kann keine geben, weil es bedeuten würde, dass kein echtes Wiedererlebnis stattfand (es gab keine Worte, als es geschah). Kein wirkliches Wiedererlebnis und deshalb keine Besserung.

Die Macht der Angst erklärt viel über die Macht der Einprägung. Und wir stellen fest, dass ängstliche Individuen zu ständiger Geschäftigkeit gezwungen sind, so dass sie nie lange genug untätig bleiben, um die Angst voll zu fühlen. Sie wird absorbiert von den ständigen Telefonanrufen, von den Fahrten nach hierhin und dorthin. Telefongespräche sind aufschlussreich, weil der Angstursprung gleich nach der Geburt gewesen sein kann, als niemand da war, um das Baby zu halten und zu liebkosen, kein wirklicher Kontakt. Das Gefühl hinter der Angst kann ein Gefühl totaler Isolation und Entfremdung sein. Auch ein Gefühl von Verlassenheit. Telefongespräche stellen ständig die Verbindung wieder her. Das Ausagieren ist: „Ich brauche Kontakt, um zu zeigen, dass ich nicht alleine bin.“ Und vor allem muss die Person nicht das Gefühl der Verlassenheit empfinden, das sie gleich nach der Geburt oder in der ersten Monaten der Kindheit erlitt. Sie bleibt lange am Telefon, weil sie das Gefühl der Kontaktlosigkeit abwehrt. Die Person kann nicht richtig einschätzen, dass sie vielleicht mit jemandem zu lange telefoniert, weil sie alte Gefühle ausagiert, die sie zum Gespräch zwingen; sie hat ein Ventil gefunden für ihre Gefühle.

Auf meinem Tisch liegt ein wissenschaftlicher Artikel darüber, wie der Lebensanfang den Erwachsenen beeinflusst (Max Planck Institut, Deutschland, 8. November 2009. Online veröffentlicht in Nature Neuroscience von Chris Murgatroyed und neun anderen Autoren). Was sie ziemlich schlüssig gezeigt haben, ist, dass sehr frühe Lebensereignisse langanhaltende Veränderungen in Gehirn, Physiologie und Verhalten herbeiführen können. Früher Lebensstress kann die Übersekretion des Stresshormons Kortisol verursachen, das Veränderungen bei Gedächtnis- und Bewältigungsmechanismen bewirkt. Für die Wissenschaftsversessenen gibt es eine detaillierte Erklärung der Methylierung im Artikel, die Langzeitwirkungen erklärt). In ihrer Mäusestudie fanden sie heraus, dass periodische Mutter-Kind-Trennung gleich nach der Geburt ein Hauptgrund für Angst war. Und bei Menschen: Je früher die Trennung, umso tödlicher.

Ich habe Angst und die Bewusstseinsebenen in mehreren meiner früheren Bücher diskutiert (siehe Primal Healing oder The Biology of Love). Eine Einprägung der ersten Ebene erfordert eine Antwort der ersten Ebene, das heißt Reaktionen, die den Hirnstamm und das limbische System intensiv einbeziehen. Der Hirnstamm ist involviert bei hohem Blutdruck, Herzjagen und Kurzatmigkeit – die lautlosen Killer. Er beherbergt viele unserer Instinkte, unseren Schrecken und unsere Wut und unsere primitiven Grundbedürfnisse. Er ist wortlos und wird es immer sein, es sei denn, wir glauben, dass Salamander sprechen können. Er enthält die Geheimnisse unserer Geburt und unseres vorgeburtlichen Lebens im Mutterleib. Wenn wir wissen wollen, welche Art von Geburt wir hatten, wird er uns das auf seine eigene Weise sagen. Er wird präzise und unmissverständlich sein. Seine wundervolle Eigenschaft ist, dass er nicht lügen kann und wird. Wenn wir behaupten, keine Angst zu haben, tief drinnen aber unverminderter Schrecken herrscht, dann ist jede Diskussion überflüssig.

Ein Symptom chronischen Herzjagens bezeugt die Möglichkeit einer Einprägung, die tief im Nervensystem liegt. Es ist ein Fragment einer zentralen Erinnerung, bei der ein schneller Herzschlag erforderlich war; ein Aspekt eines Angstzustandes. So geht man zu einem Spezialisten für Herzprobleme; zu einem anderen für hohen Blutdruck; zu einem weiteren für Migräne, wo sie doch alle Teil einer einzigen Einprägung sind, die, wenn wiedererlebt, alle Reaktionen normalisiert. Es gibt einen Grund für hohen Blutdruck. Zu oft ist der Grund so verborgen, dass man nicht an ihn glaubt. Aber er ist da. Entweder genetisch oder wahrscheinlich eine Einprägung während unseres Lebens im Mutterleib (epigenetisch). Der Spezialist, eine Notwendigkeit, bietet Medikamente an, um den Blutdruck zu senken, ohne zu fragen, woher er ursprünglich kommt. Er hat eine Aufgabe zu erfüllen, eine Aufgabe, dem Patienten zu helfen, dass er nicht leidet. Diese Ursache ist so mysteriös, dass die Frage kaum jemals vom behandelnden Arzt gestellt wird. Und - wie ich oft klarstelle - wir sind nicht gewohnt, tief ins Gehirn und seine Unterbewusstseinsebenen einzutauchen. Wir tauchen nicht, weil wir oft nicht die Werkzeuge dafür haben. Jetzt machen wir es. Aber dennoch erfordert es ein solches Maß an Abstraktion, Herzjagen im Hier und Jetzt mit einem Ereignis während unseres Lebens im Mutterleib in Verbindung zu Bringen. Glücklicherweise müssen wir diesen intellektuellen Sprung nicht vollziehen; der Patient macht das für uns. Und wenn wir dem Patienten die Möglichkeit geben, tief in sich selbst einzudringen, ihm totale Ausrucksfreiheit geben, werden wir Dinge entdecken, von deren Existenz wir keine Ahnung hatten. Und wir werden vom Patienten lernen und unsere Theorie und Therapie entsprechend ändern. Wir werden aus der Erfahrung lernen, anstatt dieselben alten Umstände und Erklärungen zu schaffen, die unsere Vorurteile bekräftigen. Und auch der Patient wird aus der Erfahrung lernen, nicht aus Vortsellungen; nicht aus den Glaubensüberzeugungen des Therapeuten; das heißt, dass es ein ‚Es’ gibt oder Schattenkräfte, die uns lenken. Vielmehr gibt es konkrete Ereignisse in unserem Leben, die für eine Herzattacke oder unkontrolliertes Verhalten verantwortlich sind.

Wenn ein Patient einmal Zugang hat, kann er Sauerstoff-Deprivation (eine rauchende Mutter) während seiner Zeit im Mutterleib wiedererleben. Der Patient hat vielleicht einen vorübergehenden Anfall von Herzjagen oder den Angina-Schmerz, den er jetzt mit der ursprünglichen Bedrohung (vielleicht zu geringe Sauerstoffzufuhr) verknüpfen kann. Wie ich an anderer Stelle erörtere, erlebte eine Patientin wieder, wie sie im Mutterleib vergiftet wurde, als ihre Mutter ständig rauchte. Sie lernte daraus warum Bars oder Rauch sie verrückt machten. Sie konnte keinerlei Art von Verschmutzung aushalten; sie resonierte mit ihrer Ursprungsquelle. Ursprünglich kannte sie es nicht als Verschmutzung. Es war einfach eine widerwärtige Empfindung. Als sie erwachsen war, nannte sie es Verschmutzung. Aber jenes frühe Raucherlebnis, jeden Tag immer wieder, lagerte eine bleibende Elendsschicht ab, die sie auf Dauer unglücklich machte. Und natürlich wusste sie nie warum, bis sie Zugang hatte. Endlich stellte sie die Verknüpfung her. Das Gefühl stellt die Verknüpfung her. Angst ist ein widerspenstiges Symptom, weil sie Grundlage unseres Überlebens ist. Sie sollte nicht leicht verschwinden.

Weil sich der Hirnstamm mehrere Monate nach der Geburt weiter entwickelt, kann das, was mit uns während der ersten Lebensmonate auf Erden geschieht, unsere Herzfunktion, die meisten unserer Überlebensmechanismen und unsere Gehirnentwicklung beeinflussen. Er ist die erste organisierte Reaktion auf Bedrohung unter den meisten Tieren. Er involviert Atem- und Herzprobleme. Mein Hund wird ängstlich, wenn es in der Nachbarschaft ein Feuerwerk gibt. Er fängt an herumzulaufen und heftig zu atmen, und sein Herzschlag ist kräftig und stampfend, und das hört erst eine Stunde oder mehr nach dem Feuerwerk auf. Bei Menschen kommt es oft zu sehr schnellem Herzschlag (gibt mir das Gefühl, als wollte ich „aus der Haut fahren.“) Man ist unfähig, sich von einem außer Kontrolle geratenen sympathischen Nervensystem abzukoppeln und bleibt machtlos. Das ist eine gute Definition von Machtlosigkeit; der Dreh-und Angelpunkt, warum die meisten Kontrollbemühungen scheitern.

Schmerztöter und beruhigende Gedanken von einem Therapeuten können Angst für eine begrenzte Zeit kontrollieren. Aber sie wird nie ausgelöscht. Und wenn wir sehen wollen, ob diese Hypothese stimmt, müssen wir während der Therapie nur wichtige biologische Prozesse messen, nicht zuletzt die Kortisolwerte. Wenn sich der Patient einem Feeling der ersten Linie nähert, beginnen die Vitalfunktionen schnell anzusteigen und erreichen viel höhere Werte als wir sie sehen, wenn ein Feeling der zweiten Linie greifbar ist. Für uns ist das eine Möglichkeit zu erkennen, wie stark und gefährlich das Feeling ist. Auf diese Weise wissen wir, welche Gefühle wir für den Augenblick ignorieren müssen. Wir wollen den Patienten nicht in ein Feeling stoßen, für das er nicht bereit ist. Wenn wir sorgfältig zuhören, werden wir diesen Fehler nicht machen. Wenn wir glauben, dass wir es am besten wissen, wird der Patient leiden.

 (6) Leider wird ein Großteil des intrauterinen Traumas im rechten Gehirn registriert. Es wird dann eine vergebliche Aufgabe, das sich später entwickelnde linke Frontalhirn zu benutzen, um Zugang zu ihm zu gewinnen. Es sind zwei getrennte Universen, und, wie ich früher erklärte, sprechen sie zwei verschiedene Sprachen.

Zu Beginn der Therapie findet der Patient kaum Erinnerungen von hoher Leben-oder-Tod-Valenz wieder. Die Gesetze der Evolution lassen das oft nicht zu; das heißt, die Verdrängung erledigt die Aufgabe, für die sie beabsichtigt war. Zuerst erlaubt sie nur Furcht, die sich bewältigen lässt. Wir haben einen Weg gefunden, auf die Tiefen des Unbewussten auf geordnete, methodische Weise zuzugreifen, sodass der Patient nicht von Schmerz überwältigt wird. Der Mensch ist ein Mikrokosmos des Universums; deshalb ist das, was der Mensch ist, ein Schlüssel zum Universum. Und gewiss lernen wir über die Evolution des Gehirns, indem wir in unserer Therapie Patienten beobachten.

Eine Studie an 3 Tage alten Kaninchen-Babys, denen Sauerstoff entzogen wurde, ergab radikal niedrigere Vorstufen (Bausteine) von Serotonin (5-HT). Und sie haben sich von diesem Defizit nicht erholt. Würden wir diese Kaninchen später finden und ihnen Prozac (Serotonin-Verstärker) anbieten, so bin ich sicher, sie würden buchstäblich nach der Chance springen (die Gelegenheit beim Schopfe packen). Es gibt viele Tierstudien, die zeigen, wie Sauerstoff-Deprivation bei der Geburt die Sollwerte von Serotonin senkt.  Die Forschung ist jetzt endlos, meistens immer mit denselben Schlussfolgerungen: frühes Trauma einschließlich Vorgeburtstrauma ändert den Spiegel von Serotonin und anderen Neurotransmittern im Gehirn.

Werden wir wirklich mit nicht genug Serotonin in unseren Systemen geboren? Ja, aber das ist nicht genetisch; wir werden damit geboren, aber nicht damit geboren. Überlegen Sie es sich auf diese Weise: Wir nehmen Medikamente (Prozac, Zoloft, etc.), um die Verdrängung von Angst und Schmerz zu unterstützen. Bedeutet das, dass Angst auf einen niedrigen Serotonin-Spiegel zurückzuführen ist? Ist das nicht, als würde man fragen, ob Kopfschmerzen aufgrund eines niedrigen Aspirin-Spiegels auftreten? Nicht wirklich. Weil Serotonin ein natürliches Produkt ist, etwas, das wir innerlich produzieren; und es kann wenig davon da sein. Wir werden tatsächlich mit einem niedrigen Serotonin-Spiegel geboren aufgrund der Epigenetik, wo die Angst einer Mutter und ihre eigenen niedrigen Serotoninwerte dem Fetus keine Vorräte spenden können. Somit erleidet der Fetus Schmerz.

Ein Kind, das mit zornigen Eltern lebt, fühlt sich nie sicher und kann sich nie wirklich entspannen. Die Welt wird für sie oder ihn zu einem gefährlichen Ort, und wenn der Schmerz durch ein kahles, steriles, liebloses Zuhause verstärkt wird, könnte es zur Entwicklung von Wahnvorstellungen kommen: „Sie sind hinter mir her und wollen mich verletzen.“ Das alles kommt von einem Gefühl, das es nirgendwo Sicherheit gibt, niemanden, der helfen und beruhigen könnte. Überall lauert Gefahr, nicht nur von außen, sondern auch von innen; es ist eine Gefahr, der man kaum entrinnen kann.

Wir Fachleute werden diese Person nie überzeugen, dass es keine Gefahr gibt. Es gibt sie, aber der Arzt kann sie nicht sehen; nur der Patient kann sie spüren und wissen, was sie ist. Was Kummer macht, ist die Tatsache, dass die Person überzeugt ist, dass die Gefahr außen liegt.

Ich erklärte in anderen Arbeiten, wie eine meiner Patientinnen während ihres achten Monats im Mutterleib in einen Autounfall verwickelt wurde. Ihre Mutter wurde gegen das Lenkrad gequetscht und erlitt den Schreck ihres Lebens, als sich das Auto zweifach überschlug. Eine chronisch ängstliche Mutter kann dieselbe Wirkung erzeugen. Das Kind schien ängstlich, nervös und zerstreut und blieb so ein Leben lang. Sie litt ihr Leben lang unter einem Angst-Niveau, das sie unfähig machte, mit den leichtesten Aufgaben fertig zu werden. Sie konnte keinen zusätzlichen Druck mehr aushalten.

Ein offensichtlicher Grund war, dass die Mutter die gesamte Schwangerschaft hindurch ängstlich blieb und diese Angst auf ihr Baby ablud. Das Baby hatte dann selbst einen Nährboden der Angst. Wenn der Vater mit einer starken, lauten Stimme drohte, neigte sie dazu, überzureagieren und besonders furchtsam (und deshalb gehorsam) zu sein. Überreagieren bedeutet, auf verschiedene Epochen des Lebensanfangs zu reagieren, auf verschiedene Arten von Trauma und Liebesmangel oder auf Schichten desselben Feelings, das sich mit der Zeit verstärkte.

Also reagiert sie nicht nur auf die Gegenwartssituation, sondern sie reagiert auch auf das Vergangenheitstrauma. Auf diese Weise nehmen uns unsere Eltern unser „Nein.“ Wir wagen nicht zu widersprechen, weil wir von Beginn an so voller Furcht sind. So würde ein gesundes Baby seinen Kopf schütteln und zu seinen Eltern sagen „Ich will das nicht essen,“ während das Kind, das sein Leben in einem angsterfüllten Mutterleib verbrachte, nicht wagen würde, „Nein“ zu sagen; die gefürchteten Folgen, die Auslösung des Geburts- und Mutterleibs-Traumas wären überwältigend. Ohne eine Theorie, die das Schwangerschaftsleben in Betracht zieht, können wir Patienten nicht helfen. Die Person, die ich beschreibe, ist eine, die keine Einladung ablehnen kann oder kein Kind zurechtweisen kann. Sie kann nicht „Nein“ sagen, auf dieselbe Weise, wie sie als Kind nicht „Nein“ zu ihrem Vater sagen konnte.  

Wenn wir normale Serotoninwerte hätten, könnten wir selbst verdrängen, und es gäbe keine Angst oder Panikattacken. Niedrige Serotoninwerte bedeuten unzureichende Verdrängung. Somit haben Leute, die von Impulsen beherrscht werden, die mörderisch oder selbstmörderisch sind, typischerweise niedrige Spiegel dieser Neuro-Chemikalie. Das bedeutet Kontrollverlust. Angst beginnt ihr Leben als reiner Schrecken, der vom Schleusensystem kaum zurückgehalten wird. Später wandelt er sich zu Phobien oder frei fließender Furcht. Wir können ihn mit einer Vielzahl von Abwehrmechanismen dämpfen, aber er ist nie weniger kraftvoll als er ursprünglich war. Lassen Sie mich das nochmals feststellen. Reiner Primärterror ändert sich nie; er wird abgewehrt, gefiltert und gemildert, aber er ändert nie seine inneren Wirkungen. Er ist biologisch. Aus Überlebensgründen bleibt er an Ort und Stelle. Aber er braucht die Vorräte an hemmenden Neurotransmittern auf. Und das Leiden kann sich verschlimmern.

Das Problem scheint zu sein, dass einige von uns von ummittelbar nach der Empfängnis bis ins Erwachsenenalter mehr Serotonin verbrauchen als wir herstellen. Tiere, die man schockierte, während man sie hilflos machte, hatten weitaus geringere Serotoninwerte. Teuflisch ist, dass Traumen im Mutterleib nicht nur dazu führen, dass wir riesige Serotoninvorräte verbrauchen, sondern auch das Hemmungs-/Verdrängungssystem beeinträchtigen können, sodass wir nicht genug herstellen können. Der Sollwert ist dann sehr niedrig. Vergessen Sie nicht, dass es fast bis zur Halbzeit unseres Lebens im Mutterleib dauert, bis wir unser eigenes Serotonin herstellen können.

Bewusstsein ist das Ende der Angst. Bewusstsein bedeutet Verknüpfung mit dem, was uns antreibt. Es sind unverknüpfte Gefühle, die uns ständig in Bewegung halten. Ihre Energie findet sich wieder in Form von Geschwüren oder Reizdarm, in Phobien und der Konzentrationsunfähigkeit. Sie sind die allgegenwärtige Gefahr, die ein Parallel-Selbst bildet – eine Persönlichkeit der Abwehrmechanismen und der Schmerzvermeidung; ein Selbst, das für immer in der Geschichte feststeckt. Tatsächlich gibt es ein Parallel-Selbst, die irreale Front; und das reale Selbst, das fühlt und leidet.

Somit gibt es Paralleluniversen, welche die Bedingungen menschlichen Seins ausmachen; eines, das fühlt und leidet, und das andere, das eine gute Fassade vorgibt. Letzteres, die Fassade, ist das, womit sich die meisten Psychotherapien befassen; die Psychologie der Erscheinungen im Gegensatz zum eigentlichen Wesen; die Psychologie der Phänotypen anstatt der Genotypen. Man navigiert somit im falschen Universum. Ich schlage vor, dass wir mit den richtigen Werkzeugen und dem richtigen Gehirn in der richtigen Epoche navigieren.

Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass eine allgemeine Theorie, die aus vielen Hypothesen besteht, wesentlich dafür ist, Patienten zu ihrem Schmerz zu führen. Sie sollte etwas Philosophie enthalten, etwas Neurologie, Psychologie und vor allem ein starkes Gespür für Menschlichkeit. Stellen Sie sich vor, wir wären wie die ganz frühen Erforscher (und gegenwärtigen Fachleute), die nicht wussten, dass es ein „Down Under“ gab? Ihre Erkundungen waren zufällig, ohne Landkarten, eine Unternehmung aufs Geratewohl.

Wir müssen wissen, dass es ein richtiges Ziel gibt, und wir müssen wissen, wie man dorthin gelangt; wir müssen Kartographen aller Elemente der Psyche sein, nicht nur des Verstandes. Wenn Ärzte und Therapeuten von einem „Unten drunter“ nichts wissen, werden sie Panik- und Angstattacken, Depression, Selbstmordtendenzen, hohen Blutdruck, Sexprobleme, Alpträume und Hormondefizite nicht auflösen, ganz zu schweigen von Herzattacken und anderen katastrophalen Erkrankungen. Um die Metapher fortzusetzen – wenn wir in der verbalen Nachbarschaft bleiben, werden wir die Fremsprache nie lernen – die Sprache der Empfindungen und Gefühle – die wortlose Sprache.

Obwohl diese tieferen Ebenen ständig mit uns reden, haben wir nie gelernt, mit ihnen zu reden. Wir haben ihre Sprache nicht erlernt, weil ihre Sprache uralt ist und sich lange vor der neueren Wortsprache entwickelte, die wir heute haben. Wir versuchen, eine Gehirnebene dazu zu bringen, dass sie die Arbeit einer anderen Ebene macht, und sie kann es einfach nicht. Wir benutzen Worte, um Angst zu kontrollieren, wenngleich sie nichts mit Worten zu tun hat. Mit jeder Gefühlsbefreiung in unserer Therapie ergibt sich ein schrittweises Wachstum des Bewusstseins, und man wird weniger von unbekannten, unbewussten Kräften getrieben. Unser Ziel ist, das Bewusstsein auszudehnen und die Spaltung zu verengen.

Jeder Monat unserer persönlichen Fetalevolution und unserer Kindheit (Ontogenese) scheint Millionen von Jahren menschlicher Evolution zu repräsentieren (Phylogenese). In diesem Sinne rekapituliert die Ontogenes in unseren Therapie-Sitzungen die Phylogenese. Wir können jetzt zu unseren Anfängen zurückgehen, und durch Wiedererleben können wir herausfinden, was bei unserer Geburt geschah. Weiterhin können wir entdecken, wie dieses Ereignis unser Leben beeinflusste. Wir können zum Anfang unserer Überlebens-Strategien gelangen, und jeder Schritt bedeutet, mehr von uns selbst zurückzuerlangen.

Überlegen Sie sich das: Wir können entdecken, wie und wann unsere Neurose begann, wenn es am Lebensanfang tatsächlich ein signifikantes Trauma gab. (Erinnern Sie sich an den Autounfall der schwangeren Mutter?) Andernfalls kommt es zum langsamen Schmerzwachstum Woche um Woche, Jahr um Jahr, bis wir eines Tages aufwachen und entdecken, dass es uns dreckig geht. Wir kämpfen eifrig gegen die Befreiung des Unbewussten, wenngleich allein das emotionale Freiheit bedeutet. Wir müssen „emotional“ werden.

Wir haben die Macht, einen atavistischen Sprung in unsere Vergangenheit zu machen und das Unbewusste aufzuschließen. Wir können Millionen Jahre der Evolution hinabspähen, indem wir in unsere persönliche Entwicklung zurückreisen. Wir können sehen, wie Gedanken und Glaubensvorstellungen sich ins Kampfgetümmel stürzen, wenn die Gefühle zu stark werden. Wir können den Ursprung der Angst in unserem System sehen, wenn wir den ursprünglichen Terror oder Schrecken fühlen. Angst ist kein normales Gefühl. Es gibt Leute, die behaupten, sie sei notwendig, um uns anzutreiben. Das stimmt, wenn wir neurotisch sind. Normal werden wir nicht ängstlich geboren.  

Die große Mehrheit der heutigen Medizin und Psychotherapie beinhaltet die Behandlung von Bruchstücken eines Menschen, Stücke einer Originalerinnerung, die ihre Verbindung zum Ganzen verloren hat. So haben wir Hustenanfälle, häufige Erkältungen, Angst und Phobien, Anfälle, Migränen – alle Stücke einer Originaleinprägung. Wir behandeln dann die verschiedenen Ableger einer zentralen Einprägung anstatt die Einprägung selbst; die Behandlung wird dann endlos. Was wir bekommen, ist ein Fortschrittsfragment – eine Änderung bei Aspekten einer frühen Erfahrung. Wir behandeln die Phobien, den hohen Blutdruck und das Herzrasen – manchmal alle mit demselben Medikament.

Denn es ist alles aus einem Stück, Aspekte desselben frühen Erlebnisses. Wir haben mehrere verschiedene Ärzte, die in Wirklichkeit dasselbe Problem behandeln. Unbeabsichtigt behandeln wir das Zentralerlebnis, auch wenn wir uns dessen vielleicht nicht bewusst sind. Was wir vermeiden wollen, ist eine falsche oder trügerische Wahrnehmung von Gesundheit bei unseren Patienten. Wir haben diese falsche Wahrnehmung, wenn wir keinen guten Zugang zu unserem Innenleben und Gefühlen haben. Fühlen ist nicht einfach eine weitere psychologische Methode. Es ist eine sine qua non für psychische Gesundheit.

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Übersetzung:  Ferdinand Wagner