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BEWUSSTSEINSWANDEL

Leboyer-Baby

Odent glaubt, dass viele der heutigen Frauen im gebärfähigen Alter wissen, dass die Umstände und Bedingungen der Geburt einen gewichtigen Einfluss ausüben, und dass das "neue Bewusstsein" bei ihnen bereits vorhanden ist. Wir befinden uns, so sagt er, in einer Übergangsphase zum postindustriellen Zeitalter. Überall gebe es Menschen, die sich "der herrschenden Sichtweise" entgegenstellen. Sie schlössen sich zu Gruppen zusammen und würden Schwangeren helfen herauszufinden, in welcher Klinik/welchem Geburtshaus in der jeweiligen Region die besten Bedingungen für die Geburt anzutreffen sind.

In deutschsprachigen Ländern, sagt er, seien  viele unabhängige Geburtszentren (Geburtshäuser) 10 entstanden. Die Institution spezieller Geburtshäuser sei älter als die Hausgeburt selbst. In vielen traditionellen Gesellschaften hätten die Frauen ihre Kinder nicht zu Hause sondern in besonderen Hütten zur Welt gebracht.

Bei einer Hausgeburt ließen sich laut Odent die Vorzüge einer intimen, ungestörten Atmosphäre mit der Sicherheit moderner Medizin verbinden. Viele Frauen lebten in städtischen Umgebungen, und im Falle einer Komplikation sei der Weg ins Krankenhaus nicht weit. Wenn die Frauen grundsätzlich möglichst lange zu Hause blieben, auch wenn sie nicht zu Hause gebären wollen, würde einer der häufigsten Gründe für schwierige Geburten  wegfallen, nämlich dass die Schwangere zu früh in die Klinik geht, noch bevor die Eröffnungswehen richtig eingesetzt haben, und dann "sehr sensibel auf die dortigen Umgebungseinflüsse reagiert." Dieses Prinzip, so Odent, würde allerdings den Einsatz von Laienhebammen (Doulas) erforderlich machen, die er für eine Übergangszeit sowieso für unentbehrlich hält.

Auch heute noch - oder heute bereits wieder - gebe es Frauen, die es wagten, autonom zu gebären. Sie fänden einen Weg, um sich gegen das Heer von Unterstützungspersonen, Helfern, Spezialisten abzuschirmen, ohne die nach herrschender Doktrin eine Geburt unmöglich, in jedem Fall aber völlig verantwortungslos sei. Diese Frauen "wissen intuitiv, dass Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und absolute Abgeschiedenheit die besten Voraussetzungen für eine leichte Geburt sind." Odent sagt sinngemäß: "Schaut euch genau an, was diese Frauen tun, denn von ihnen könnt ihr lernen, wie beschaffen die physiologischen Bedürfnisse einer Gebärenden sind!" Bei industrialisierten Geburten spielen oft die Geburtshelfer mitsamt ihrem technischen Equipment die Hauptrolle, während die Gebärende eine Statistin ist. Im Idealfall - wenn die Geburt durch innere Faktoren (Neurose, Urschmerz, Angst) nicht schwer beeinträchtigt wird - ist die äußere Präsenz einer Hebamme, die sich im Hintergrund zu halten weiß, ausreichend.

"Selbst nach Jahrtausenden des kulturell reglementierten Gebärens gibt es noch immer Frauen, die von ihren archaischsten Säugetierbedürfnissen nicht entfremdet sind. Im Mittelpunkt einer biodynamischen Sichtweise des Gebärens stehen die elementaren Bedürfnisse der Frau in den Wehen und nicht Aufgaben, die andere bei der Entbindung zu erfüllen haben. Wer vor dem Jahr 2034 als Geburtshelfer oder Hebamme arbeitet, sollte genau beobachten, was diese Frauen tun."

 [Odent, Im Einklang mit der Natur, Patmos/Walter, 2004, s. 135]

Auch unter den ärztlichen Geburtshelfern gibt es laut Odent solche, die mit dem aktuellen System der Geburtshilfe einschließlich der "Intensivvorsorge", der sich die Schwangere zu unterziehen hat, nicht einverstanden sind. Oft seien sie auf sich allein gestellt, manchmal fänden sie Gleichgesinnte und schlössen sich zu Gruppen zusammen. In Korea, zum Beispiel, gründeten Ärzte die Vereinigung "Better Birth". Korea scheint eine better birth dringend nötig zu haben. Die Kaiserschnittquote liegt bei über 40%, die Hebammen sind ausgestorben, und die Schwangeren und ihre Feten werden in weltmeisterlichem Eifer mit Ultraschall durchsucht. Odent sagt immer wieder: "Reduziert diese Schwangerschaftstest auf ein sinnvolles Maß. Alles, was dabei rauskommt, ist ein Nocebo-Effekt. Es schadet mehr, als es nützt! In diesem Zusammenhang ist wohl Rockenschaubs Polypragmasie, die Vielgeschäftigkeit, die er der modernen Medizin bescheinigt, eine akkurate Diagnose.

Holland zeigt, dass sich die Sache mit der Geburt von Grund auf anders gestalten lässt. Laut Odents Angaben sind dort 80% der Hebammen unabhängig, der Anteil der Hausgeburten liegt bei 30% (Gesamtquote aller anderen Industieländer: 2%), weniger als 5% aller Frauen benötigen bei der Geburt eine Epiduralanästhesie und die Kaiserschnittquote liegt bei 10% (niedrigste in Westeuropa).Rockenschaub war 1947 bei einem Besuch in Holland von der Kunst der einheimischen Hebammen beeindruckt (damals lag die Quote der Hausgeburten noch bei über 80%): "Gegenüber der Kunst dieser Hebammen [..........] nahmen sich die Mediziner am Gebärbett eher wie Dilettanten aus."  (A. Rockenschaub in dem weiter oben erwähnten Interview)

Odent sieht Zusammenhänge zwischen dem Geburtssystem und Phänomenen der niederländischen Erwachsenengesellschaft. Amsterdam sei sicherer als Paris und bei Abtreibungen, Freiheitsstrafen und Teenager-Schwangerschaften habe Holland die niedrigsten Quoten der westlichen Welt. Zudem sei die Zahl der Drogenabhängigen relativ niedrig, "obwohl doch Marihuana und Haschisch legalisiert sind." (Odent, 2002)

Vor kurzem landete ich via Zapping bei einer Sendung des Hessischen Fernsehens. Den Reportern war aufgefallen, dass es in einer deutschen Stadt etwa 10 gynäkologische Privatpraxen gab, in einer vergleichbaren holländischen Stadt dagegen war die einzige Gynäkologen-Praxis in der städtischen Klinik zu finden. Zudem ergaben Recherchen, dass dreimal so viele deutsche Frauen wie Holländerinnen in den Wechseljahren zum Facharzt laufen, um sich Hormone verschreiben zu lassen. Können die Bürgerinnen und Bürger Hollands gelassener altern, weil sie "besser" geboren wurden? Sind sie deswegen allgemein gelassener und zufriedener als die Deutschen?

Eine mehrjährige bundesweite Studie des Nordrhein-Westfälischen Ministeriums für Frauen, Arbeit und Soziales erbrachte das Resultat, dass Hausgeburten genauso sicher sind wie Klinikgeburten.  

 Eine schweizerische Studie erbrachte das gleiche Ergebnis.  

(Quelle:  http://www.geburtsstaette.ch , "Thema Sicherheit"). 

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Der Vorteil der Hausgeburt liegt darin, dass die Frau im Mittelpunkt steht und in einer Atmosphäre der Privacy (Ungestörtheit, Zurückgezogenheit) "alle Zeit der Welt" hat, instinktiv, ohne aufgezwungene Disziplin und ohne künstliche Eingriffe zu gebären, während sie in vielen  Kliniken vermutlich lediglich eine Randfigur ist, die "am beschleunigten Fließband" abgefertigt wird und sich nur innerhalb von Verhaltensschablonen bewegen kann, die ihr andere vorschreiben. 

Vermutlich gibt es einen engen Zusammenhang zwischen der psychophysischen Verfassung, den Lebensumständen der Schwangeren und ihrer "Ortswahl." Eine Frau, die bereits eine komplikationslose Geburt hinter sich hat, optimistisch und selbstsicher ist,  wird viel eher den Wunsch nach einer Hausgeburt äußern als zum Beispiel  eine Erstgebärende, die ängstlich-unsicher ist.

 

Quelle: Odent, Im Einklang mit der Natur - Neue Ansätze der sanften Geburt, Patmos/Walter,   Düsseldorf, 2004 

10 Infos zum Thema "Geburtshäuser" z. B. unter www.geburtskanal.de  oder www.geburtshaus.de   . Am besten einfach das Stichwort in die Suchmaschine eingeben. Das bringt die besten Ergebnisse. Einen guten Artikel zum Thema "Odent-Oyxtozin-Geburt" habe ich unter www.trostreich.de/Themen/Liebe/liebe.html gefunden.

 
     
 

 

 

 

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