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Dr. Arthur Janov:   Beyond Belief: Cults, Healers, Mystics and Gurus - Why We Believe

LLC Reputation Books, ISBN-10: 0986203173, 03. Mai 2016

Kapitel 1

Die Geburt des Glaubens

Aus der unterirdischen Höhle frühen Schmerzes entspringt ein Glaubensbedürfnis, dass etwas oder jemand vorbeikommen und unser Leben wandeln werde – Linderung und Balsam mitbringen und schließlich ein quälendes Unbekanntes auflösen werde. Die Quellen, welche die Saat des Glaubens enthalten, haben mit Glauben nichts zu tun; es sind Bedürfnisse, die sehr, sehr früh im Leben unbefriedigt blieben. Die tiefe Hoffnungslosigkeit, jemals geliebt zu werden, veranlasst das Gehirn, die Chemikalien der Hoffnung abzusondern. Kein tiefer Schmerz - keine übermäßige Sekretion von Dopamin und Serotonin. Das System versucht immer, ein Gleichgewicht herzustellen, eine Homöostasie, um Schmerz unter Kontrolle zu halten. Stille Verzweiflung, zerbrochene Träume und erzwungene Kompromisse sickern heraus und entfließen in der Suche nach Magie. Der Kursus in Sachen Wunder eignet sich gut dafür; wir hoffen auf eine wundersame Lösung für unsere Probleme, von deren Existenz wir nicht einmal wissen, in der Hoffnung, etwas zu bekommen, das auch nicht existiert – Mutterliebe, nachdem wir geboren worden waren.

Wir brauchen eine schmerzlose Befreiung von unseren heimtückischen Wunden,  Wunden, die nicht bluten, dennoch aber schmerzen, – einen Führer, der an Stelle eines emotional distanzierten Elternteils tritt, für den/für die wir alles hergeben werden allein für das Versprechen von Liebe, Schutz und Zuwendung. Der Führer wird das missbrauchen, wie er oder sie das immer tut, aber das Bedürfnis ist so stark, dass der Missbrauch wegen der Hoffnung, die der Anhänger hat, geduldet wird. Warum wird der Führer die Macht missbrauchen? Weil er sie für sich selbst innehat und nicht wegen irgendeiner Art von Nächstenliebe. Seine eigenen Bedürfnisse stehen an erster Stelle. Vor vielen Jahren war der modus operandi in dem als Synanon bekannten Drogenbehandlungszentrum und ebenso in einem späteren Ableger namens EST (Erhard Seminar Training), dass man die arme Seele brutal beleidigte. Er oder sie nahm es hin, weil das Leitmotiv eine Art spätere Anerkennung und „Liebe“ seitens des verehrten Führers war.

  „Ich zeige Ihnen, wie Sie sich wie ein Erfolgsmensch fühlen werden,“ „Lernen Sie, wie man ohne Anstrengung und Schmerz abnimmt,“ Lassen Sie mich Ihnen beibringen, wie man Selbstvertrauen und Selbstachtung wiedergewinnt.“ Wir werden mit Versprechungen bombardiert, dass uns jemand zeigen wird, wie wir uns nicht so fühlen, wie wir uns wirklich fühlen. Die Dr. Feelgoods, die auf dem lukrativen Ideen-Marktplatz der Gegenwart operieren, wissen, wie man Ideologie so zurechtstutzt, dass sie den Bedürfnissen der Bedürftigen entspricht. Paul Crouch, ein Televangelist, hat ein Vermögen angehäuft, Privatjets, Villen -  das Leben als Genusssucht. Seine Anhänger kümmert das nicht wirklich, weil seine Botschaft Liebe, Erleichterung und ein besseres Leben ist. Glaubensvorstellungen verkaufen sich, und sie verkaufen sich gut. Die Leute zahlen herzlich gerne für das bloße Versprechen auf Erfüllung, auch wenn sie im nächsten Leben stattfinden soll. Wie soll man das überbieten können? Der Führer muss in diesem Leben gar nichts hervorbringen; warte einfach auf das nächste! Er verkauft warme Luft, einen Hauch flüchtiger Erfüllung. Und die Anhänger brauchen nicht einmal einen Beweis. Das Versprechen genügt. Diese Hoffnungs-Dealer kommen in einer beruhigenden, fürsorglichen Tonart daher, umgeben von einer Aura des Selbstvertrauens und der Autorität; sie verstehen es, Wärme zu vermitteln, sich selbst einzuladen in unsere Bedürfnisse. Wir wollen zu jemand Vertrauen haben, der/die uns den Weg zeigen wird. Höchstwahrscheinlich wollen wir das, wenn uns unsere Eltern nie gelehrt oder geführt haben und wenn sie niemals Interesse an uns hatten oder uns nie nach unseren Gefühlen und nach unserem Leben fragten. Erstaunlicherweise können Eltern achtzehn Jahre lang an der Seite eines Kindes leben und nichts von ihm wissen. Natürlich kann man dann später von jemandem verführt werden, der oder die echtes Interesse zu haben scheint. Einfache Sachen wie „Was hast du in der Schule gemacht?“, „Hast du deine Lehrer gemocht?“, „Was waren deine besonderen Interessen?“, „Wie fühlt sich das Leben für dich an?“, „Fühlst du dich oft einsam?“ Wie sehr doch ein Kind das hören muss und wahrscheinlich nie gehört hat. Narzisstische Eltern sind an sich selbst interessiert oder daran, welches Licht ihre Kinder auf sie werfen. Und jetzt also haben wir da einen Psychiater oder Guru, der sich eignet -  der nachfragt, welche Schulen wir besuchten; ob wir glücklich waren? Hatten wir Freunde oder waren wir entfremdet und isoliert? Das fühlt sich so gut an!

  Wir alle sind bis zu einem gewissen Grad darauf programmiert, die Stimme unserer Gefühle zurückzuweisen und zu verleugnen. Das ist die Funktion von Glaubenssystemen; das Gefühl zu besänftigen, dass es niemanden gibt, der oder die für uns sorgt, uns beschützt, uns liebt, dass der „Sinn des Lebens“ endloser Schmerz ist. Die Glaubensdroge betäubt uns; wir werden später sehen, wie Sprache als Anästhetikum funktioniert. Wie ich sagte, ist das der Grund, dass man Drogen und Alkohol aufgeben und einem Glaubenssystem anheimfallen kann. Beide injizieren Schmerzkiller in das System; erstere von außen, letzteres von innen.

  Genauso wie sich jemand, dem es an Zucker oder Eisen mangelt, automatisch die Lebensmittel heraussucht, die er benötigt, bindet sich vielleicht ein Mensch, der eingeprägten Schmerz mit sich herumträgt, automatisch an Glaubenssysteme. Anstatt zu versuchen, die Leere zu fühlen, die in den verborgenen Klüften des Unbewussten lauert, erhebt sich der Gläubige über Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit und steigt ins „Seelenheil“ empor. Manchmal geht er so weit, dass er einen neuen Namen, eine neue Identität annimmt. Susanne wird Saraswati, Robert wird Rama, als wolle man sagen „ich bin nicht einmal mehr ich“ (das gequälte Ich), „ich bin jemand anders.“ Wovon ist er erlöst worden? Von sich selbst. Eine Patientin kam zu uns von einem Kult, dem sie wegen chronischer Magersucht beigetreten war. Sie erlebte in unserer Therapie ein Gefühl wieder: „Was hat Essen für einen Sinn, wenn mich niemand liebt oder will, dass ich lebe?“ Der Führer versicherte ihr, dass er das wolle. Alles, was sie tun musste, war, ihm ihr Auto zu geben und das Geld, das sie auf der Bank hatte. Das machte sie. Weil er sagte, er wolle, dass sie gesund wird. Er sagte ihr, dass er sie wolle. Das war unwiderstehlich.

  Ein Glaubenssystem befindet sich oft dort, wo der Schmerz hingeht. Lasst uns nicht allein das Symptom behandeln – lasst uns die Ursache behandeln. Ein einfaches Beispiel:  Eine Patientin konnte nicht alleine sein, ohne dass ein schreckliches Gefühl in ihr aufwallte. Sie wurde nach der Geburt wochenlang allein gelassen und dann wieder im Alter von sechs Monaten, als ihre Mutter wegen einer Krebsbehandlung in die Klinik zurückkehren musste. Alleinsein und schlechte Gefühle prägten sich ein. Jeder Ansatz, der das tiefsitzende Gefühl in ihrem Gehirn ignorierte, war zum Scheitern verurteilt. Früher war sie zur Psychoanalyse gegangen und lernte, dass sie in ihrer ganzen Kindheit mit Babysittern allein gelassen wurde. Das stimmte, war aber nur die oberste Ebene eines Nervennetzwerks, das sich bis zum Hirnstamm hinab erstreckte. Glaubenssysteme sind in dieser Hinsicht wie Geschwüre oder Migränen. Es gibt abgestufte Ursachen, die den verschiedenen Bewusstseinsebenen entsprechen.

♦♦♦

 

Wie ich sagte, ist es nicht der Inhalt eines Glaubenssystems, was zählt, sondern was uns zu Vorstellungen und Glaubensüberzeugungen hinzieht und was diesen Glauben so wichtig und so beständig für uns macht. Ich werde untersuchen, welche Rolle die Glaubensvorstellungen in unserer Psycho-Ökonomie spielen, -  im Zusammenspiel der Nervenzellen in unserem Gehirn. Kurz gesagt, warum glauben wir?

  Alle Glaubenssysteme haben etwas gemeinsam. Sie sind Karten, die uns helfen, effektiver durchs Leben zu navigieren. Und Glaubenssysteme gehen alle auf ein nahezu universelles, fest verdrahtetes Bedürfnis ein. Es ist nicht so, dass wir das Bedürfnis haben zu glauben; wir glauben, weil wir Bedürfnisse haben. (Denken Sie bitte daran, dass ich Glaubenssysteme nur als Abwehrmechanismen erörtere.) Der Glaube an sich, was auch immer er sein mag, kommt später, wenn wir den Gedankenapparat für Glaubensvorstellungen haben. Ein einjähriges Kind hat diese Möglichkeit nicht. Das Bedürfnis/Gefühl verschwindet nicht; es beginnt sein unterirdisches Leben.

  Meine Aufgabe besteht darin zu sehen, wie Gefühle sich in defensive Gedanken wandeln, wenn sie blockiert und umgeleitet werden. Diese Gedanken haben eine duale Rolle; frühere Erfahrung widerzuspiegeln und gleichzeitig dazu zu dienen, deren Schmerz zu maskieren. Die Gedanken, die den Gefühlen entfließen, bleiben symbolische Derivate dieser Gefühle; denn müsste man die dahinter steckenden realen Gefühle empfinden, steckte man in großem Schmerz. Ein Patient erlebte das Ersticken während der Geburt wieder. Er wollte seine Frau verlassen, weil sie ihn „erstickte“ und ihm keinen Atemraum ließ. Er fühlte sich „erwürgt.“ Das Erleben dieser Gefühle rettete seine Ehe. Sicherlich ist es nicht immer eins-zu-eins, aber ich hebe es hervor, weil es Schlüssel anbietet, um das Phänomen der Idée fixe zu verstehen. Fixe Ideen sind Mägde des Fühlens.

  Das erste, was man über Gedanken wissen muss, ist, dass sie sich genau wie unser Gehirn entwickeln. Wir fangen unser Leben nicht mit Gedanken an, und die Menschheit begann ihre Reise von den Reptilien nicht mit der Fähigkeit zu denken und Begriffe zu bilden. Es hat sich alles entwickelt. Genau das geschieht im Gehirn. Wir beginnen mit dem tiefsten Gehirnteil, dem Hirnstamm, der Instinkte und Grundbedürfnisse und die meisten Überlebensfunktionen (Herzschlag, Körpertemperatur, Blutdruck) beherbergt und der sich zu einem limbischen Gefühlssystem weiterentwickelt, das uns die Fähigkeit zu fühlen bietet; und dann erzeugt das Gehirn den Neokortex, vor allem seinen Vorderteil (präfrontal), der uns ermöglicht, mit Worten und Gedanken zu denken. Vergessen Sie nicht, dass das Gehirn sich selbst erschafft! Das ist vielleicht die wahre Bedeutung von Kreationismus; nicht von Gott erschaffen sondern aus einer Dialektik heraus. Es gibt keine Gottheit, die es macht, aber es befähigt uns nun, eine Gottheit anzurufen, um unseren Schmerz zu unterdrücken. Und sieh da! Es funktioniert.

  Das Bedürfnis nach immer mehr Kortex bedeutete, dass Gehirnzellen auf höhere Ebenen wandern mussten, um neue Funktionen zu übernehmen. Diese Funktionen schlossen Glaubensvorstellungen ein, die uns ermöglichten, vor Gefahr zu fliehen; nur war die Gefahr diesmal innerlich. Wir konnten „in unsere Köpfe“ fliehen und weg von uns selbst; weg von eingeprägtem Gefühl/Gefahr. In unserer persönlichen Evolution entwickeln wir Gedanken aus unseren frühen Erfahrungen heraus, die uns diktieren, wer wir sind und was wir glauben und denken. Gedanken und Vorstellungen ragen nicht einfach so heraus, darauf wartend, dass man sie korrigiere und verändere. Schmerz setzt sich niemals nur als Gedanke fest; er ist eine Erfahrung, und genau diese Erfahrung muss man wieder aufsuchen und wieder erleben, um den Ursprung seiner Gedanken zu verstehen.

  Wir müssen zurückgehen, um die Sequenz zu beenden, die mit einem zornigen Blick des Vaters begann, als das Baby laut in der Wiege schrie – müssen diese Erfahrung noch einmal fühlen, nur dass wir diesmal das Bedürfnis fühlen, das das Baby damals nicht auszudrücken wagte – nach Hilfe, Unterstützung und Zuwendung zu schreien. Das öffnet das System wieder und das ist das Wunder der Therapie. Ich kann mir keinen anderen Weg vorstellen, um das System zu öffnen, ausgenommen vielleicht mit Drogen wie Ekstasy.  Drogen öffnen jedoch auf zufällige Weise, können zu früh zu sehr öffnen und das Aufsteigen gefährlicher Gefühle außerhalb der Reihenfolge provozieren. Alles Künstliche ist gefährlich. Ich habe viele LSD-Konsumenten aus den 60ern behandelt. Sie haben ein spezifisches Hirnwellenmuster, das auch noch Jahrzehnte später Störungen anzeigt. Oft schlafen sie nicht gut und benutzen Marijuana als Einschlafhilfe. Sie halten an allen möglichen bizarren Vorstellungen fest. Warum? Weil ihr Schleusensystem auseinandergerissen wurde, brodeln Gefühle hoch, die nur geringer zerebraler Kontrolle unterliegen.

  Das Bedürfnis bei Gläubigen und Depressiven (oftmals dasselbe) verschwindet niemals einfach so; es liegt abgesondert unter einem Deckel aus Resignation und Verzweiflung. Später wird daraus ein „Bedürfnis nach;“ der Gedanke, dass jemand anders den Anforderungen entsprechen kann, was nie zutrifft. Ein anderer kann verdecken aber nicht erfüllen. Die einzige Erfüllung war zu jener Zeit möglich. Danach wird jede Erfüllung symbolisch. Welche besseren Symbole als Worte könnte es geben – „Ich liebe dich, wache über dich, führe und beschütze dich.“  Es sind nur Laute, aber Laute, die eine Bedeutung haben, und diese Bedeutung ist Linderung, Erleichterung, Besänftigung. Laute, die jetzt eine physiologische Basis haben.

  Das funktioniert auf so vielen Gebieten, besonders in der Politik. Manchmal reagieren Leute nur auf Gefühle und votieren für politische Kandidaten, die sie reflektieren. Aber oft stimmen sie für eine Idee, die ihre zugrunde liegenden Bedürfnisse und Gefühle reflektiert, wie zum Beispiel: „Dieser Mann wird Ihnen und unserem Land Sicherheit bringen.“  Wir können ignorieren, was er wirklich tut, weil seine Rhetorik Ängste beschwichtigt und Befürchtungen salbt. Die Realität ist nie eine Bedrohung für Erfüllungsversprechen. Aber natürlich muss der Führer zuerst Angst installieren – der Feind plant geheime Angriffe. "Dann werde ich Sie durch schwere Bewaffnung beschützen. Ja, ja, ich stimme für immer mehr Waffen, so dass Sie sich sicher fühlen können.“ Allzu oft votieren Individuen für ihre Gefühle in Verkleidung eines Gedankens. Je neurotischer (schwer verdrängend) eine Person ist, je größer die Distanz ist zwischen ihren Gedanken und Gefühlen – was ich als „Janovschen Spalt“ bezeichne – umso symbolischer sind ihre Gedanken. Mit Neurotiker meine ich jemand mit einem hohen Maß an eingeprägtem blockierten Schmerz, der das Gesamtsystem körperlich und psychisch verzerrt.

  Es ist nicht nur so, dass jemand absonderliche Ideen hat. Sie sind in ein größeres System eingebunden. Sie haben ihre Anker in einer Persönlichkeit. Es sind bestimmte Traumen in das System eingeprägt, die Verdrängung erfordern, und das Zusammenspiel  zwischen diesen Faktoren ist das Zentrum der Neurose. Das Ergebnis dieser Interaktion, die sich ergebenden Symptome, ist das, was wir allgemein als Neurose bezeichnen. Glaubenssysteme sind einfach eine weitere Form von Symptomen. Sie kommen nicht in voller Blüte aus der Luft. Es gibt historische Ursachen. Wenn wir das verstanden haben, können wir sehen, wie jemand Drogen und Besäufnis aufgeben kann und lieber wiedergeboren wird; Vorstellungen ersticken den Schmerz genau so gut wie Drogen, wenn nicht sogar besser. Deshalb tendieren Leute, die sich unwohl fühlen, dazu, vorzeitig krank zu werden, weil sie von einer inneren Realität geschwächt werden, deren sie sich nicht bewusst sind. Je verzerrter die Gedanken sind, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Person eine verzerrte Physiologie hat und umgekehrt. Wir haben es nicht bloß mit Gedanken zu tun; es geht um einen ganzen Menschen, dessen Gedanken seine vergrabenen Bedürfnisse und Gefühle widerspiegeln. Verzerrte Gedanken und Glaubensvorstellungen lassen meiner Ansicht nach eine kürzere Lebensspanne erahnen. Das System ist neurotisch, nicht nur die Glaubensvorstellungen. In der Psychoanalyse und kognitiven Therapie neigt man dazu, die Änderung von Gedanken zu unterstützen, ohne zu erkennen, dass sie fester Bestandteil eines Menschen sind, und zwar eines Menschen mit einer Geschichte. Und natürlich gibt es die verschiedenen Fortschritts-Tests in der Therapie, in der Regel die verbale Variante, so dass man als verbessert betrachtet wird, wenn man sagt, es gehe einem besser. Oder man antwortet auf gewisse Fragen: „Fühlen Sie sich jetzt besser nach der Therapie?“ Wir sehen, je abgewehrter eine Person ist und je wohler sie sich dadurch fühlt, umso mehr Fortschritt hat sie nach unserer Betrachtungsweise gemacht. Psychologische Schlüsselfaktoren führen Leute in Glaubenssysteme, Kulte und selbstzerstörerische Situationen. Die arabischen Selbstmord-Bomber, die Anhänger in Waco und Jonestown waren im Griff einer Sache, die viel stärker und viel älter war als Vernunft und gutes Urteilsvermögen. Zuerst einmal waren sie Opfer einer Kultur, die den Tod und das Jenseits anpreiste. Das heißt: Wir sterben nicht; wir leben einfach in anderer Form weiter. Somit ist der Tod ziemlich bedeutungslos. Sie waren auch Opfer unerfüllter Grundbedürfnisse; Bedürfnisse, die von ganz früh an Überleben bedeuteten. Eine Matrix unbewusster Gefühle und nicht endender Bedürftigkeit trieb die Selbstmord-Attentäter, die Mitglieder von People’s Temple und Heavens Gate und die Branch Davidianer in die Suche nach dem, was ihnen in der Kindheit versagt worden war, auch wenn sie größtenteils die Existenz solcher Bedürfnisse vergessen hatten.

  Ein versagtes Kindheitsbedürfnis (das Bedürfnis, liebkost, besänftigt, wertgeschätzt, geliebt zu werden) hatte sie in die Hände eines gleichermaßen bedürftigen Demagogen getrieben, der ihnen Erfüllung versprach; sie als Anhänger wiederum würden dem Führer folgen, ihn bewundern und vergöttlichen. Jedes Kultmitglied ist so naiv, bedürftig und verletzlich wie ein kleines Kind, das sich an seine Mutter wendet, um Wärme, Nahrung, Schutz und Führung zu bekommen. Sie sehen wie Erwachsene aus, sind aber im Grunde Babys. In der Zeitung steht eine Geschichte über eine Astronautin, die eintausend Meilen gefahren ist, um eine vermeintliche Rivalin um die Zuneigung eines anderen Astronauten zu beseitigen. Sie hatte Windeln an, so dass sie nicht anhalten musste. Ihr ganze erstaunliche Bildung und Brillanz konnten sie nicht davon abhalten, etwas absolut Verrücktes zu tun. Sie konnte dieses Problem nicht durchdenken und sich nicht für eine andere Handlungsweise entscheiden; sie war gezwungen, ihren tiefen Gefühlen vergangener Zurückweisung besinnungslos zu folgen. Könnte es ein besseres Beispiel geben für das Nebeneinander von Vernunft und Unvernunft im Gehirn? In zerebralen Begriffen sind es tiefe Gefühle der Zurückweisung in der rechten Hemisphäre und im vorderen Oberhirn (das orbitofrontale Areal), welche dieses Gehirn veranlassen, die Botschaft zum linken präfrontalen Gehirn zu senden und zu sagen: „Beende die Zurückweisung mit allen möglichen Mitteln!“ Als Kind konnte sie es nicht tun – hilflos angesichts elterlicher Vernachlässigung und Gleichgültigkeit – aber jetzt kann sie etwas dagegen tun. Aber oh je, oh je, was sie getan hat, war absolut bescheuert. Somit hat das linke fortgeschrittene Gehirn versucht, symbolische Lösungen für ein altes eingeprägtes Problem zu finden, für das es nur eine Lösung gab – die Liebe der Eltern damals oder nie. Hier haben wir also das immerwährende Dilemma: Das linke Präfrontalhirn versucht immer, in der Gegenwart Lösungen  für alte historische Probleme zu finden; und deshalb scheitert es immer. Und es scheitert, weil es den Kontakt und Zugang zu Gefühlen verloren hat; Gefühle, die uns leiten könnten.

  Die weiter oben erwähnte Suchende gibt alles auf im Austausch für die Hoffnung, das zu bekommen, was ihr vor langer Zeit versagt worden war. Sie wird zum verlängerten Arm des Führerwillens. Sie und die anderen Schüler werden auf Geheiß des Führers andere oder sich selbst umbringen, ihm ihr Geld übergeben, nach den willkürlichen Regeln leben, die er aufstellt, Gedanken denken, die er in ihr Hirn hineinsteckt, das essen, was er ihnen gestattet und wann er es ihnen erlaubt. Sie handeln wie treu ergebene Kinder, und sein autoritäres Gebaren verstärkt diese Kindlichkeit. Frauen werden dem Führer sogar ihre Körper übereignen, und ihre Ehemänner werden es zulassen, weil sie Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten gelernt haben. Diese Gehorsamkeit ist eine der gefährlichsten Facetten des menschlichen Lebens. In ihrem Kielwasser folgen alle möglichen Verbrechen. Faschistische Diktatoren können leicht Strolche finden, die ihre mörderischen Befehle ausführen, weil diese Strolche gegenüber dem Führer loyal und gehorsam sind. Leute im Krieg können töten, weil es ihr Job ist; gewöhnlich töten sie nicht aus Wut. Es ist ein Job wie jeder andere ohne jegliches Gefühl.

  Weil sie in einer Welt des Chaos dringend Ordnung, Hoffnung und Magie anstelle von Verwirrung und Schmerz benötigen, schlucken sie die Ideologie, die der Führer ausgibt, „mit Haken, Schnur und Senkblei“ hinunter. Erst hängen sie am Haken und dann, um das Wortspiel zu vollziehen, werden sie versenkt. Im Falle unserer einheimischen Kultführer werden sich Frauen sogar den Launen des Führers unterwerfen und ihre Ehemänner und Kinder verlassen, um ihm zu gefallen. Es läuft jedem menschlichen Instinkt zuwider. Im Falle eines Kultführers nächtigten die Partner der Frauen unten im Schlafsaal, während die Frauen selbst mit dem Guru schliefen. Eltern waren mit der Vorliebe des Führers für ihre pubertierenden Töchter einverstanden. Aber der Führer muss die Antwort haben! Und er muss seine Vorstellungen mit Bestimmtheit und Kraft ausüben. Er muss ein Elternersatz sein. Er gibt Liebe und kann sie denen wegnehmen, die nicht gehorchen. Für Leute, die von ihrer Familie abgelehnt worden waren, ist die erneute Ablehnung und der Hinauswurf durch die „neue Familie“ unerträglich. Einige ziehen den Tod diesem Schmerz vor. So hat der Führer alle in der Hand. Die ursprüngliche Ablehnung ist eine Sache; aber sie wieder zu erleiden ist unzulässig.

  Glaube ist Medizin für die Hoffnungslosen. Er lindert Verzweiflung, macht Einsamkeit zunichte und löst Hilflosigkeit auf. Nicht unbedingt Verzweiflung, die aus gegenwärtigen Umständen entsteht, sondern Verzweiflung, die physiologisch und emotional in das Individuum eingeprägt ist – die Verzweiflung eines Babys in der Wiege, das sich tagelang die Augen ausweint in der Hoffnung, dass jemand kommt, um es zu füttern, liebkosen und zu beruhigen. Die Verzweiflung eines Kindes, das sieht, wie seine Mutter bei einem Autounfall stirbt, oder erlebt, dass sein Vater die Familie für immer verlässt. Verzweiflung vor langer Zeit, welche die Seele vergessen hat aber nicht der Körper, dem Unbewussten übergeben, überdeckt von Schichten neu konstruierter Hoffnungen.....und das beste von allen, überdeckt von der Hoffnung auf ein anderes und besseres Leben. Es ist kein Wunder, dass dieser Mensch sich später radikalisiert, nach einer besseren Welt sucht, Symbole seiner gegenwärtigen Welt zu zerstören versucht und zu einem Utopisten wird, der das perfekte System oder den perfekten Ort finden muss – und das alles, weil sein frühes Leben so eine Hölle und so hoffnungslos war. Es ist die subtile Verzweiflung, jeden Tag mit Eltern leben zu müssen, die nichts fühlen können, versteinert sind und ihrem Kind nicht helfen können. Kinder spüren das schon ganz früh. Ich weiß, ich habe es gefühlt, aber es blieb ein Gefühl, und erst viel später konnte ich ihm Worte hinzufügen. Aber Worte sind nicht das Problem; sie beschreiben es. Sie beschreiben Gefühle.  Ich sage es noch einmal, Worte sind keine Gefühle; unten in den Gefühlszentren gibt es keine Worte.

  Wir brauchen mehr Hoffnung als Wahrheit. Hoffnung fühlt sich gut an, aber Wahrheit tut oft weh. Die Wahrheit tut weh, weil das Gefühl, dass „meine Eltern mich nicht mögen, mich nicht um sich haben wollen und mich nie lieben werden,“ für ein Kind unerträglich ist.

  Wenn Ihre Wahl auf die Bibel fällt, können Sie wiedergeboren werden. Die Medizin der Hoffnung vertreibt das Elend unseres Lebens vor der Wiedergeburt. Die Versprechungen der Hoffnung schützen unsere Ohren vor dem Kind, das unter der Oberfläche des Bewusstseins schreit. Das Kind schreit, auch wenn die Person es erst hören kann, wenn wir sie in ihre Kindheit zurückbringen, wo sie endlich schreien und weinen kann. Jetzt weiß sie, was sie getrieben hat.

  Glaubensvorstellungen lenken uns von vergangenen Traumen und gegenwärtigen Schmerzen ab, weil im Glaube Hoffnung liegt. Sie schirmt Pessimismus durch positives Denken ab. Sie beruhigt unsere Furcht, verspricht unsere Ängste zu mildern, lässt die Zukunft hell erstrahlen. Sie beschützt uns vor der Realität, erlaubt uns, die Welt durch die rosarote Brille zu sehen.

  Ein Brieffreund von mir drückte es so aus: „Hoffnung ist die Kostümprobe für eine Aufführung, die nie stattfinden wird. Hoffnung ist der dialektische Fluss, ein hochenergetischer Zustand, der zwischen Individuum und Gruppe oszilliert. Es ist nicht so, dass zwei Wunschdenker besser sind als einer. Sie sind überzeugender als einer. Zwei gemeinsam wünschende Menschen sind größer als die Summe ihrer Überzeugungen. Die Gesellschaft hat ein ureigenes Interesse daran, Hoffnung zu nähren, weil die Kehrseite der Hoffnung sicherlich kein psychologisches Honiglecken ist.“ Hoffnung macht Unbehagen tragbar und Agonie ein bisschen erträglicher.

  Im Gegensatz dazu steht die Aufgabe der Hoffnung (wenn man von der Gruppe ausgegrenzt wird). Der Mensch stürzt in Verzweiflung oder wird rebellisch gegen die Gesellschaft und auch gegen seinen inneren Zustand. Deshalb ist das Fühlen unserer eigenen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit oft das Signal, dass eine innere Revolution unterwegs ist und dass die Depression nachlässt.

  Hoffnung hält unsere persönliche neurotische Struktur aufrecht, und es ist dieselbe Hoffnung, die eine gestörte Gesellschaft zusammenhält. Sehr oft kann nur der Tod der irrealen Hoffnung endlich die reale Hoffnung auf Änderung bringen. Ein Mensch findet den Weg, auf dem der Schmerz nachlässt und ablässt erst, wenn er anerkennt, dass zu hoffen hoffnungslos ist, dass es an der Zeit ist, die Hoffnung aufzugeben. Der Tod (irrealer) Hoffnung ist der Beginn des Lebens.

  Hoffnung ist der Goldschatz am Ende des Regenbogens, das Licht am Ende des Tunnels, „der Sinn des Lebens.“ Sie glitzert und funkelt und blendet uns, sodass wir die Gitterstäbe unseres Glaubensgefängnisses nicht sehen. Und dieses psychische Gefängnis ist aus chemischen Fesseln gemacht, die so stark sind wie Stahl. Man kann sie nicht zerreissen;

  Wenn wir uns die Anhänger nicht Erwachsene vorstellen sondern als verletzte Babys, dann wird ihr Verhalten klar. Sie sind durch ihr eigenes Bedürfnis hypnotisiert worden, fasziniert von der eindrucksvollen Vorstellung des Allmächtigen, so dass ihr gesamte Kritikfähigkeit wie bei Hypnose eingelullt wurde – und das trotz all ihrer Intelligenz. Das ist so wegen eines Primär-Axioms, dass niemand schlauer oder stärker ist als sein/ihr Bedürfnis und dass niemand die Macht hat, sich über Bedürfnisse hinwegzusetzen. Kurz gesagt sind wir alle auf die eine oder andere Weise Opfer früher unerfüllter Bedürfnisse. Glaube nie, dass Intelligenz so ein Verhalten verhindert. Ich habe eine College-Professorin behandelt, eine Psychiaterin, die Teil der Baghwan – Gruppe in Indien war. Sie trug sein Abzeichen und Bild auf ihrer Kleidung und verbeugte sich, wenn er mit seinem Rolls-Royce vorbeifuhr; er behauptete, er habe achtzig Stück davon. Es ist so merkwürdig, dass jemand weit weg, in Indien, die Antwort auf unser Leben hat. Wir müssen nur hinfahren und zuhören.

  Auf der Grundlage früher Hoffnungslosigkeit, deren wir uns unbewusst sind, suchen wir hier und dort nach Hoffnung. Nichts im Gegenwartsleben deutet auf das Problem hin und auch nichts in der Kindheit schafft Klarheit. Aber wenn wir in die ersten Lebenswochen eintauchen, können wir genug Ursachen finden. Oft steckt die Hoffnung in einem neuen Projekt oder neuen Job. Sie scheint realistisch genug zu sein, aber die Erwartungen können weit über die Wirklichkeit hinausgehen, wenn sich Gefühle in die Gedanken-Arena drängen. Kurz gesagt sieht man nicht mehr die Realität sondern vielmehr eine Projektion des Bedürfnisses. Aber wenn die Deprivation früh genug und schwer genug ist, kann die Hoffnung in einem Glaubenssystem liegen und in einem Führer, der von der Alltagsrealität weit entfernt ist. Und je früher der Zeitpunkt von Schmerz und  Deprivation liegt und je schwerer sie sind, umso unwahrscheinlicher ist, dass sie bewusst sind. Dafür sorgt die Verdrängung. Jeder gravierende frühe Schmerz erschafft seine gleich große Gegenkraft – die Verdrängung. Sie hält uns garantiert unbewusst und gewährleistet, dass wir den Schmerz für immer ausagieren, und dabei in ein schlechtes Geschäft nach dem anderen investieren. Was ein Kult unter anderem zuerst tun muss, ist, die Person jedem Einfluss der Familie und von Freunden zu entziehen; somit darf sich keine Andeutung der Realität und keine Unterstützung in die Auseinandersetzung einmischen. Und bei Schwindeleien muss der Betrüger das Opfer überzeugen, so dass es Hinweise von andereren ignoriert. Kurz gesagt ist das Opfer hypnotisiert worden; fixiert auf die Stimme des Betrügers, so dass jeder äußere Input ignoriert wird.

  So viele Leute in unserer Gesellschaft sind verwirrt und verloren, und als Resultat wachsen und gedeihen die Glaubenssysteme. Der Glaube kommt in vielerlei Gestalt daher, vom Festhalten an den Dogmen einer monotheistischen Religion bis hin zur Vorstellung des Psychotikers, dass er von Marsianern verfolgt werde oder von hermaphroditischen Undercover-Agenten. Man kann glauben, dass die Ampel nicht umschaltet oder dass die Seife im Lebensmittelladen ausverkauft ist. Es gibt politische Glaubensüberzeugungen, z.B. dass die Demokraten oder die Republikaner die Wirtschaftsprobleme unserer Nation lösen können. Einige halten an nationalistischen Glaubenssystemen fest: Mein Land ist besser als deins; unser politisches System ist dem ihrigen überlegen. Oder wissenschaftliche Glaubenssysteme, wie dass man durch die Analyse der Zellen-Details den Menschen als Ganzes verstehen wird. Einige Leute glauben an ihren Staat, ihre Region, Stadt, ihren Stadtteil, während andere leidenschaftlich an die L.A. Dodgers oder die Chicago Bulls glauben. Einige glauben an Geld und widmen sich seiner Anhäufung und Ausgabe. Andere glauben, dass sie in der Lotterie gewinnen werden und dass dadurch alle ihre Probleme gelöst werden. Jedoch brauchen sie immer mehr, weil ihr Grundbedürfnis unberührt blieb. Das treibt sie dann an, und es ist nie genug.

  Gläubige stehen auf Mystizismus, Magie, Schicksal („Es war so bestimmt“), Karma, Fügung, spezielle Diäten, Gebet, Natur, Meditation, Vorsehung (die alles „erklärt“). Extrapolation mögen sie sehr: Wenn zwei Dinge zeitgleich geschehen, führen sie magische Ideen ins Feld  zur Erklärung, die weit darüber hinausgeht, dass zwei Dinge einfach zugleich geschehen. Immer wird die Fügung hochgespielt; nichts ist Zufall; besondere Mächte machen sich zu schaffen, damit es auf diese Weise geschieht. Der frontale Kortex ihres Gehirns macht Überstunden, um ausgefallene und fantastische Erklärungen auszuhecken für die banalsten Ereignisse. Und dieser Kortex macht Überstunden, weil er von einer übermäßigen Menge unbewussten Schmerzes getrieben wird, Schmerz, der von eben dieser Ideenbildung überdeckt wird. Wenn die Person keine Ideen erfinden könnte (ich nenne sie intervenierende Variable – Gedanken, die zwischen Realität und Glaubensvorstellungen positioniert werden), dann stünde sie nackt vor dem Schmerz. Wenn uns jemand beschimpft, schaffen wir sofort Begründungen und Rationalisierungen dafür. Wir decken den Schmerz zu. Nun stellen Sie sich eine ganze frühe Kindheit voller Beschimpfungen und Beleidigungen vor und wie das ein Erbe hinterlässt, mit dem man sich befassen muss. Ich erinnere mich an die Behandlung eines Kultmitglieds, einer Frau, die nach vielen Monaten Therapie wiedererlebte, dass sie gleich nach der Geburt völlig allein gelassen wurde, nachdem ihre Mutter krank geworden war und später starb. Die Psyche der Gedanken und Philosophien weiß nicht, dass sie benutzt wird; weiß nicht, dass sie als Barrikade dient gegen die Gefahr des Fühlens, weil sie das Areal ist, das für kritisches Denken verantwortlich ist. Sie hält sich selbst in Schwung als verstärktes hermetisches Schloss gegen Schmerz.

  Deshalb kann niemand den Menschen von seinen Ideen abbringen. Sie dienen einem Kernzweck und daran sollte man sich nicht zu schaffen machen. Leute können sehr wütend und sogar mörderisch werden, wenn diese Ideen angezweifelt werden. Wir machen uns an einer Überlebensfunktion zu schaffen. Keine gute Idee. Der Kortex weiß nur dann, dass er benutzt wird, wenn eine gute Verbindung besteht zwischen Einprägungen auf tieferer Ebene und ihren gedanklichen Gegenstücken. Man will nicht mit einem Paranoiden streiten, der in seine Wahnvorstellung fixiert ist.

  Ein zunehmend größerer Prozentsatz als noch vor einigen Jahren geht heutzutage in die Kirche, und wenn man jemanden fragt, ob er an Gott glaubt, wird er wahrscheinlich ohne Zögern mit dem Kopf nicken. Tatsächlich glaubten 2009 dreiundachtzig Prozent, dass es zweifelsohne einen Gott gebe, verglichen mit 72 Prozent in 2006. (1) Von diesen 83 Prozent, die dem Harris Umfrageinstitut sagten, dass sie an Gott glauben, waren nicht alle resolut in ihrem Glauben: Nur 59 Prozent waren „absolut sicher,“ dass es einen Gott gibt und nur 15 Prozent waren einigermaßen sicher.

  „Die Hälfte aller Amerikaner glauben, dass sie von Schutzengeln beschützt werden, ein Fünftel sagt, sie haben Gott zu ihnen sprechen gehört, ein Viertel sagt, sie seien Zeuge wundersamer Heilungen geworden, 16 Prozent sagen, dass sie eine erfahren haben, und 8 Prozent sagen, dass sie in fremden Zungen reden,“ gemäß einer Erhebung, die von der Baylor Universität durchgeführt wurde. (2)

  Das steht im Kontrast zu einer 1993 veröffentlichten Umfrage, als 69 Prozent der Amerikaner an die Existenz von Engeln glaubten und 46 Prozent glaubten, sie hätten ihren eigenen Schutzengel. (3) Fünfundfünfzig Prozent derer, die an Engel glaubten, gaben an, dass Engel von Gott erschaffene höhere spirituelle Wesen seien, ausgestattet mit speziellen Kräften, um als Seine Bevollmächtigte auf Erden zu handeln. Zweiunddreißig Prozent der Befragten sagten, sie hätten in ihrem Leben persönlich die Gegenwart eines Engels gespürt.

  Gläubige finden das nicht erstaunlich, ich jedoch schon. Aber wie ich wiederhole, es tut nichts zur Sache, was für ein Glaube es ist, solange er existiert und seine neurologische Funktion erfüllen kann.

  In den letzten Jahren ist der Glaube an einen christlichen Gott, Engel, die Ankunft eines Messias und so fort durch zahllose andere Glaubenssysteme erweitert worden. In den 60er Jahren  kamen die jungen Leute in diesem Land zum Entschluss, dass organisierte Glaubenssysteme und politische Mainstream-Programme keine Antworten parat hatten. Im Aufstand gegen eine starrsinnige Führung und unfähig, die breite Kluft zwischen den Generationen zu überbrücken oder das „Establishment“ vom Krieg in Vietnam oder Irak abzubringen, suchten sie nach neuen Glaubensüberzeugungen, welche die alten ersetzen sollten. Einige setzten sich für soziale Gerechtigkeit ein. Andere, die an der Änderung der Außenwelt verzweifelten, fingen an, nach innen zu schauen. Doch viele hatten keine Hebel zur Verfügung, um Zugang zu ihrem Innenleben zu erlangen, und so stiegen sie in den „magischen Bus“ ein, nahmen Drogen und begannen, sich die Auffassung eines mystischen Bewusstseins anzueignen. Sie setzten auf veränderte Bewusstseinszustände, exotische Länder, Katmandu, östliche Philosophien. Die jungen Leute ließen ihr Vertrauen in psychedelische Drogen fließen, in Zen, die Grateful Dead, Pflanzen und Vitamine und auch in Che Guevara. Offenheit für neue Ideen (gleich welchen Inhalts) regierte; alles wurde möglich. Sie wollten ein besseres Leben, sie wollten es jetzt, und viele fügten sich selbst bleibenden Schaden zu oder starben auf dieser sogenannten Suche nach dem Seelenheil. LSD und magische Pilze führten niemanden ins Nirwana und auch grandiose politische Theorien und Programme machten sich nicht bezahlt. Globale Lösungen versagten; die ganze in der Luft liegende Verzweiflung war im Weg. Verzweiflung wurde zum absoluten Muss und befähigte die Existenzialisten, sie zur Grundlage ihrer Philosophie zu machen.

  Die Intellektuellen, die ihre Religion nicht akzeptieren konnten, wechselten direkt zur „New Age“- Religion. Manchmal war diese Religion ein psychotherapeutisches System, manchmal war es eine Philosophie. Buddismus, EST, Ärobic, Yoga, Psychoanalyse, Handlesen: Welche Variante auch immer es war, sie war ein Vehikel,  um die Welt vorhersagbarer und beherrschbarer zu machen.

  „Wenn sich von uns ausreichend viele innerlich ändern,“ lautete das Mantra, „wird sich die Welt ändern.“ Es scheint wie ein Wunder, dass etwas so Ungreifbares und Unsichtbares wie eine Idee die Macht hat, unser biologisches System zu transformieren. Sie lässt uns sehen, was nicht existiert, und manchmal nicht sehen, was existiert. Welche größere Macht könnte es geben? Getäuscht zu werden bedeutet nicht nur, jemanden zu überzeugen, das Falsche zu glauben, sondern auch andere so zu überzeugen, dass sie nicht die Wahrheit glauben. Das ungeliebte Kind, das die schrecklichen Gefühle der Hoffnungslosigkeit nicht ertragen kann, verschließt seine eigenen Gefühlszentren und wird unempfindlich, nicht nur für seinen Schmerz sondern auch für den Schmerz anderer. Später kann dieses Kind als Erwachsener ein Kind anschauen und keinen depressiven sondern einfach einen ruhigen Buben sehen, der niemanden bekümmert. So begeht er denselben Fehler, von dem er selbst betroffen war, mit seinem Kind, und das macht er wegen der Art und Weise, wie er von Anfang an Lieblosigkeit erfahren musste. Er kann seine eigene Hoffnungslosigkeit oder die seines Kindes nicht sehen.

  Neurose verlangt Selbsttäuschung. Selbsttäuschung erfordert Verdrängung. Verdrängung erfordert Serotonin/Endorphine. Sie lassen uns glauben, dass wir nicht leiden, wenngleich wir es doch tun.  Wir können uns psychologisch selbst täuschen, aber der Körper handelt unabhängig von dieser Täuschung. Er strudelt und siedet weiterhin vor Schmerz. Und das Gehirn scheint wie eine Pharma-Fabrik, die sich angestrengt bemüht, genug Chemikalien herzustellen, um der Anforderung zu begegnen. Manchmal kann die Fabrik mit der Nachfrage nicht mithalten – mit der Anzahl dringender Bestellungen, die der Schmerz aufgegeben hat.

  Wer nicht unter Schmerz steht, wird nicht Tag für Tag schmerztötende Drogen nehmen oder seinen Schmerz jede Nacht in Alkohol ertränken, weil der Körper das einfach nicht akzeptieren würde. Aber ein Mensch, der wirklich unter Schmerz steht, ob wissend oder unwissend (und die meisten von uns sind sich der Tiefe ihres Schmerzes nicht bewusst), wird rauchen und trinken und tun, was er kann, um sich zu normalisieren. Das heißt, das Schmerzniveau abzusenken, so dass er funktionieren kann.

  Vor einigen Jahren gab die American Humanist Association eine Liste der New Age – Glaubenskategorien heraus:

 

  1. „Raum-Zeit-Religionen“ wie UFOs, Astrologie, Scientology

 

  1. „Psychische Religionen“ wie extrasensorische Wahrnehmung (ESP)

 

  1.  „Okkulter Glaube“ wie östliche Weisheit, Satanskulte, Reinkarnation

   

Nach einer Gallup Umfrage glauben drei von vier Amerikanern an das Paranormale – wenigstens an eines der folgenden Dinge: extrasensorische Wahrnehmung (ESP), Spukhäuser, Gespenster, mentale Telepathie, Hellseherei, Astrologie, Kommunikation mit den Toten, Hexen, Reinkarnation und Channeling. (4)  Einer von sechs kommunizierte mit Verstorbenen, und einer von vier sagte, er/sie könne telepathisch kommunizieren (durch Gedankenkraft). Einer von zehn behauptete, einen Geist gesehen zu haben oder in seiner Gegenwart gewesen zu sein. Ein Siebtel der Befragten sagte, sie hätten ein UFO gesehen. Ein Viertel glaubte an Astrologie und 50 Prozent glaubten an extrasensorische Wahrnehmung.

Die Anzahl und die Art von Glaubenssystemen sind grenzenlos. Solange der Glaube nicht einem selbst und in den eigenen Gefühlen verankert ist, kann er abheben und alle möglichen wahnhaften Vorstellungen umfassen. Der Kortex (oder das linke frontale Rationalgehirn der höheren Ebene) kann sich uneingeschränkt in die Stratosphäre der Truggebilde aufschwingen, wenn er von anderen Aspekten der Erinnerung getrennt worden ist (die fehlende Verknüpfung). Das trifft auf die Intelligentesten von uns zu, einschließlich Wissenschaftler, die zwar auf ihrem eigenen Fachgebiet diszipliniert arbeiteten, aber abgetrennt von ihren Gefühlen an die irrationalsten Philosophien und Psychotherapien glaubten, an Methoden und Ansätze, die nicht ein Milligramm Beweis mitbringen.

Sobald die Loslösung von Gefühlen erfolgt ist, ist alles möglich, und, um es zu wiederholen, Intelligenz hat damit nichts zu tun. Wirkliche Intelligenz ist eine Sache der Verknüpftheit – zu denken, was wir fühlen und zu fühlen, was wir denken – und somit das Ende der Heuchelei. Intellektualität involviert die linke vordere Hemisphäre auf ihrem eigenen Trip. Wirkliche Intelligenz ermöglicht uns, ein gesundes Leben zu führen. Intellektuelle können leicht ein ungesundes führen, weil sie den Schmerz töten müssen.

Die Suche nach „höherem Bewusstsein“ ist als „Rückzug von der Vernunft“ bezeichnet worden. Ich glaube, es repräsentiert den Rückzug vom Schmerz. Es gibt keinen Grund, Vernunft zu meiden, wenn sie nicht weh tut. Vernunft tut nicht weh; Schmerz schon. Und Schmerz erzeugt Gründe, von denen wahre Vernunft nichts weiß.

Die Leute wollen sich sofort besser fühlen und nicht in zwei Jahren. Das Verlangen, Erlösung vom Schmerz zu finden, im Leben „Sinn“ zu finden, ist ein völlig natürlicher Trieb. Leider ist er vergeblich. Der Suchende schaut sich nach Formeln um, nach Gewissheiten, der Phrase oder dem Mantra, das ihn für immer verändern wird, ohne zu wissen, warum er gerettet werden muss oder vor was er gerettet werden muss; schlimmer noch, ohne überhaupt zu wissen, dass er gerettet werden muss. Kurz gesagt agiert man das Bedürfnis aus, gerettet zu werden, ohne sich des Ausagierens bewusst zu sein. Ein Aspekt des Ausagierens ist der Glaube an einen Erlöser.

Auch wenn sich der Suchende dessen nicht bewusst ist, hilft ihm sein Forschen nach Sinn und Magie, den Blick in den Kessel seiner inneren Realität zu vermeiden. So ein Pfad ist tatsächlich eine Formel fürs Desaster, kein Nirwana, wie Waco und Jonestown gezeigt haben, ganz zu schweigen von Irak oder Iran. Auch wenn viele Suchende ein Glaubenssystem gefunden haben, das für sie zu funktionieren scheint, werden sie über kurz oder lang sowohl körperlich als auch psychisch zugrunde gehen an der inneren Realität, die sie bewusst oder unbewusst ignorieren. Wenn sie keinen Selbstmord-Punsch trinken oder ihrem Führer in ein Feuer oder in ein imaginäres Raumschiff folgen oder sich eine Selbstmordbombe um die Hüften binden, dann werden sie krank werden und vorzeitig wegen des Frevels sterben, ihre persönlichen Wahrheiten übersehen zu haben. Sie werden von ihrer eigenen Wirklichkeit niedergestreckt werden, die immer gnadenlos und unerbittlich ist. Eine Lüge des Geistes ist ein Schmerz des Körpers; und umgekehrt: Ein Schmerz im Körper bedeutet eine Lüge im Geist – wenn dieser Schmerz so überwältigend ist, dass er nicht gefühlt wird. Es ist nicht so, dass jemand nur eine verzerrte Sicht der Dinge hat; der Körper zieht nach. Genauer gesagt  ruft der Körper, der sich bereits in Schieflage befindet, eine verzerrte Sicht der Dinge hervor.

Das Leiden, das uns fesselt und uns an Unsinn glauben lässt (nichts ist grenzenloser als Unsinn) – Neurose – ist ungreifbar, heimtückisch und allmächtig. Es ist eingesperrt in Zellen, die man weder sieht noch fühlt, Zellen, die die Wahrheit unseres Lebens enthalten, uns aber daran hindern, sie zu erfahren. Diese Neurose, zwischengeschaltet zwischen vollem Bewusstsein und innerer Wahrheit, kerkert uns mit unsichtbaren Gitterstäben ein. Sie hat so viele Manifestationen, dass sie den größten Teil des Lebens der meisten Leute formt. Neurose und Psychose machen uns glauben, dass Quarzkristalle eine kranke Person gesund machen können; dass wir durch Selbstdemütigung und Selbstübergabe an eine höhere Macht den zwölf Schritten zum Seelenheil folgen können; dass ein gieriger Scharlatan, der weiße Gewänder trägt, die Schlüssel zur Weisheit besitzt; dass das Gegeifer eines selbsternannten Messias Gottes Wahrheit ist. Solange die Gefühle unzugänglich bleiben, bleiben wir Gefangene des Glaubens – genauer gesagt, Gefangene des Schmerzes.

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(1)  Barrick, Audrey,  "Die meisten Amerikaner sagen, Gott existiert, weniger sind 'absolut sicher'  ", The Christian Post,  18.Dezember 2009

(2)  Duin, Julia, "Die Hälfte der Amerikaner glaubt an Engel,"  The Washington Times, 19. September 2008

(3) Gibbs, Nancy,  "Das neue Zeitalter der Engel," Time, 27 Dezember 1993

(4)  Moore, David W.,  "Drei von vier Amerikanern glauben an das Paranormale," Gallup, 16. Juni 2005

 

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